In Göppingen steigt der TV Eitra am 23. März 1991 in die erste Handball-Bundesliga auf

Traum wird Wirklichkeit

Es sind die Eindrücke, die sich bei allen Beteiligten für die Ewigkeit im Kopf festgesetzt haben. Die noch heute Gänsehautgefühl vermitteln und die Blicke verklären lassen. Am 23. März 1991 liegt eine unglaubliche Last auf den Schultern der Eitraer Handballer. Zur Halbzeit scheint in der mit über 4 000 Zuschauern besetzten Göppinger Hohenstaufenhalle das Ziel „Meisterschaft“ in der zweiten Handball-Bundesliga in Gefahr.

Mit drei Toren (9:12) liegen die Haunecker gegen Gastgeber „Frisch Auf“ zurück. Zeljko Zovko muss in der Halbzeitpause eine Kabinenpredigt gehalten haben, wie er sie noch nie zuvor gehalten hat. Wie ein Derwisch gebärdet sich der Trainer an der Seitenaußenlinie. Doch einmal mehr zeigen die Motivationskünste Zovkos Erfolg. Jedenfalls führt der TVE kurz vor Schluss mit fünf Toren (24:19). Doch wieder scheint es nicht zur reichen. Kurz vor Schluss sind die Eitraer Arme wie gelähmt, „Frisch Auf“ kommt heran. Nur noch ein Tor...

Die Nerven liegen blank. Bei den Spielern, auf der Bank und bei den Eitraer Fans, die in einer unglaublichen Zahl in die schwäbische Handball-Hochburg gepilgert sind. Sage und schreibe elf Busse (!) und zahlreiche Autos sind am Mittag in Hersfeld gestartet. Knapp 1000 Fans aus Hauneck, Hersfeld und Umgebung wollten sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Und es scheint so, als ob sie mit einer Riesen-Enttäuschung im Gepäck nach Hause fahren müssten. Zweimal noch schießt der Adrenalinspiegel hoch, zweimal wechselt der Ball die Seiten, ohne das etwas passiert. Dann der erlösende Schlusspfiff: 24:23 - Eitra ist Meister. Um 20.46 Uhr bebt die Hohenstaufenhalle. Tosender Jubel erfüllt die Luft. Gefeiert wird dieses Ereignis wie kein Zweites. Mitten in der Nacht kehrt die Bus-Flotte aus Göppingen zurück. Der Saal des Gasthauses Wiegand in Eitra wird zum Tollhaus. „Es war die tollste Spontanfete, die ich mitgemacht habe. So etwas erlebt man nur einmal“, sagt Außenspieler Bernd Fichtner.

„Ein Handball-Traum wird Wirklichkeit - der Turnverein Eitra ist erstklassig“ - so der Titel in der HZ am darauffolgenden Montag. Auf vier Sonderseiten wird der Aufstieg gefeiert. Längst war der kleine Dorfverein, der inzwischen mehr Mitglieder zählte, als Einwohner, ein Zuschauermagnet. Die Heimspiele in der zweigeteilten ersten Bundesliga waren weit vor Beginn der Serie ausverkauft. In den Begegnungen gegen Topteams aus Gummersbach, Großwallstadt, Kiel oder Essen hätte der Club mehr als das Doppelte des Kartenkontingentes absetzen können.

Die Liga zitterte

Nicht nur aus diesem Grund zitterte die Liga vor dem Aufsteiger. Das Zovko-Team setzte beim 28:20-Sieg in Großwallstadt ein Ausrufezeichen. Mit einem solchen Erfolg beim Traditionsclub hatte wahrhaftig keiner gerechnet. Eitra schafft am Ende der Serie sogar das Kunststück, sich für die eingleisige Liga zu qualifizieren.

Doch dem atemberaubenden Krafthandball der ersten Liga musste der TVE später Tribut zollen. Zovko ging, es begann eine neue Ära unter Hrvoje Horvat, einem Gentleman unter den Trainern. Nach nur einer Saison in der zweiten Liga schaffte Eitra erneut den Aufstieg. 1995 gelang das Meisterstück, wieder auswärts bei einem alten Kontrahenten, beim TV Hüttenberg. Dem Aufstieg folgt wieder der Abstieg. Als Eitra 1996 zurückziehen will, wird noch einmal der Rettungsanker geworfen. Am 25. April 1997 wird nach dem Heimspiel gegen Wiesbaden das Kapitel Bundesliga geschlossen. Mit dem Konkurs vier Wochen später ist der Traum endgültig zu Ende.

Von Hartmut Wenzel

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