Welchen Anteil hat Erdogans Politik?

Das sind die Ursachen, warum die türkische Lira kollabiert

Glaubt an eine Verschwörung gegen die Türkei: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Die Türkei erlebt dieser Tage ihre schwerste Währungskrise seit dem Kollaps ihres Finanzsystems 2001. Präsident Erdogan macht dafür auch US-Sanktionen verantwortlich. Doch es gibt auch hausgemachte Gründe für den Absturz.

Ankara - Nun besteht nicht nur die Sorge, dass sich die Krise auf die gesamte türkische Wirtschaft ausweitet, sondern auch die internationalen Finanzmärkte erfasst. Ausgelöst wurde die Krise vergangene Woche durch den erbitterten Streit zwischen der Türkei und den USA um die Inhaftierung des US-Pastors Andrew Brunson, doch ist dies keineswegs der einzige Grund für das Währungs-Debakel.

Die Konflikte mit den USA

Das Verhältnis zum Nato-Partner USA ist schon lange angespannt wegen der US-Militärhilfe für die syrischen Kurden und der Weigerung Washingtons, den im US-Exil lebenden islamischen Geistlichen Fethullah Gülen auszuliefern, den Ankara für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich macht. Angeheizt wurden die Spannungen zuletzt aber vor allem durch den Fall des evangelikalen Pfarrers Andrew Brunson, der seit Oktober 2016 in türkischer U-Haft sitzt.

US-Präsident Donald Trump dringt schon lange auf Brunsons Freilassung, doch entschied ein türkisches Gericht Ende Juli nur, ihn in den Hausarrest zu verlegen. Als Trump daraufhin Sanktionen gegen zwei türkische Minister verhängte, brach die Lira deutlich ein. Nachdem auch ein hochrangiges Treffen in Washington keine Lösung gebracht hatte, kündigte Trump am Freitag neue Zölle auf türkischen Stahl- und Aluminiumimporte an.

Wirtschaftliches Ungleichgewicht

Laut Ökonomen ist die Krise aber zum Großteil hausgemacht. Aus Sicht des Forschers Paul T. Levin von der Universität Stockholm hat der "unnötige diplomatische Streit" um den inhaftierten Pastor nur die sich ohnehin anbahnende Wirtschaftskrise beschleunigt. Angesichts einer Wachstumsrate von 7,4 Prozent im vergangenen Jahr warnen Ökonomen schon lange vor einer Überhitzung der Wirtschaft.

Die Inflation liegt bei fast 16 Prozent, das Außenhandelsdefizit wächst und Firmen und Banken haben hohe Schulden in ausländischer Währung angehäuft. Durch den Verfall des Lira-Kurses wird es nun für sie schwierig, diese Kredite zu bedienen.

Unorthodoxe Politik der Türkei

Ökonomen dringen auf eine Anhebung der Leitzinsen, um die Inflation zu senken und den Verfall der Lira zu stoppen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan sieht Zinsen aber als ein "Instrument der Ausbeutung" und dringt auf ihre Senkung, um das Wachstum nicht zu gefährden, auf dem sein politischer Erfolg gründet. Gemäß seiner unorthodoxen Theorie helfen niedrige Zinsen die Inflation senken - laut Ökonomen gilt das Gegenteil.

"Es ist offenkundig der Mangel an einer raschen, entschiedenen und rationalen Antwort der türkischen Behörden, die die Lira in diese Abwärtsspirale geschickt hat", sagt Levin.

Untätigkeit der Zentralbank

Eigentlich ist es Aufgabe der Zentralbank, die Währung zu stabilisieren, doch seit der Ankündigung von Erdogan im Mai, die Geldpolitik unter seine Kontrolle bringen zu wollen, bestehen erhebliche Zweifel an ihrer Unabhängigkeit. Noch weiter befeuert wurden diese durch die Entscheidung der Bank, bei ihrer ersten Sitzung nach den Wahlen im Juni die Leitzinsen trotz der hohen Inflation und der Schwäche der Lira unverändert zu lassen.

Ohne eine Anhebung der Zinsen, so befürchtet der Analyst Konstantinos Anthis von ADSS jedoch, kann die Krise nicht entschärft werden. Die Ankündigung der Zentralbank am Montag, die Liquidität zu erhöhen, werde nicht helfen, den Lira-Verfall zu stoppen.

Unerfahrene Führung

Als Garant der wirtschaftlichen Orthodoxie im Kabinett galt vor den Wahlen der frühere Investmentbanker Mehmet Simsek. Entgegen der Hoffnung großer Teile der Wirtschaft ernannte Erdogan aber nicht Simsek, sondern seinen relativ unerfahrenen Schwiegersohn Berat Albayrak zum Wirtschafts- und Finanzminister. Der Fall der Lira nach der Entscheidung zeigte, dass viele Investoren kein Vertrauen haben, dass Albayrak die Lage in den Griff bekommen kann.

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AFP

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