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Corona-Aus für seltenen Handwerksbetrieb: Traditionshaus muss die Pforten schließen

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Von: Martin Prem

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Innenstadt von Landshut
Ein alter Handwerksbetrieb in Landshut muss die Pforten schließen. © Armin Weigel/dpa

Die Pandemie bringt für viele kleine Unternehmen das Aus. Darunter sind auch seltene Handwerksbetriebe, die schwer zu ersetzen sind. Wie die Klingenschmiede Weiss in Landshut.

Landshut – Es gibt Momente, die prägen: Louis Schunk war sechs Jahre alt, als er das erste Mal sah, wie in einer Schmiede ein Messer entstand. Das will ich auch, sagt sich der Bub, der auf einem Bauernhof aufwuchs. Heute betreibt er gemeinsam mit seinen Geschwistern die Klingenschmiede Weiss in Landshut*.

Traditionsbetrieb Weiss: „Es ist definitiv Schluss“

Ein alter Handwerksbetrieb*, den er der Gründerfamilie abkaufte, die damit nach zwei Generationen in Familienhand doch noch einen Nachfolger fand. Die Schmiede ist eines von sechs vergleichbaren Unternehmen der Branche, die es in Deutschland noch gibt. Über ein Praktikum fand Louis Schunk zu dem Unternehmen, er erlernte den Beruf, der heute Präzisionswerkzeugmechaniker heißt.

Wenn man zuhört, wie er davon erzählt, und sieht, mit welchem Engagement er jeden Tag bei der Sache ist, kann man sich kaum vorstellen, dass hier in der Alten Bergstraße im mittelalterlichen Landshut in wenigen Wochen die Lichter ausgehen. Das Unternehmen ist eines, das die Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen nicht überstehen werden.

„Es ist definitiv Schluss“, sagt der Firmeninhaber. Nur wegen der Pandemie? Im Fall der Klingenschmiede Weiss würde man es sich damit zu einfach machen. Corona war nur der letzte Impuls. Die handwerkliche Klingenschmiede konkurriert mit Industrieware, wo ein Messer bei brauchbarer Qualität kaum mehr als 150 Euro kostet.

Louis Schunk, Inhaber Klingenschmiede Weiss, Landshut
Präzision gefragt: Louis Schunk an der Bandschleifmaschine. © Elias Jakob

Aus während Pandemie trotz mehrerer Standbeine

Da kommen Interessenten schon ins Grübeln, wenn sie für ein individuelles Messer das Drei- oder gar Fünffache zahlen müssen. Auch wenn der Preis kaum über den Selbstkosten liegt. Und viele davon kann man einem Kunden ohnehin nicht verkaufen. „Jedes ist eine Anschaffung fürs Leben“, sagt Louis Schunk. „Wir konnten auch in guten Jahren nicht die Rücklagen bilden, die wir bräuchten, um so eine Krise durchzustehen“, sagt er.

Dabei hatte das Geschäft immer mehrere Standbeine: den Schleifservice auch für Industriemesser und -scheren, Kurse fürs Schmieden, Schärfen und Messermachen. Um die laufenden Kosten zu decken, halfen regelmäßige gewerbliche Aufträge. Doch eine von zwei Druckereien, die ihre Papierschneide-Werkzeuge zum Schärfen in die Klingenschmiede brachten, hat ihren Betrieb eingestellt.

Es sind also stets mehrere Faktoren, die ein Traditionsunternehmen zum Aufgeben bringen. Und ganz aufhören will Louis Schunk ohnehin nicht. Sein Auskommen will er in der Industrie finden, die Fachkräfte wie ihn händeringend sucht. Doch in seiner Freizeit und an den Wochenenden will er weitermachen. Die neue Werkstatt in einer ehemaligen Ziegelei ist bereits angemietet. „Da kann ich mir auch mehr Zeit nehmen“, sagt er und deutet auf einen ganzen Tisch voll verpackter frisch geschliffener Messer, die er an Kunden in ganz Süddeutschland verschicken muss.

Betrieb noch voll ausgelastet

Diese Aufträge lasten den Betrieb auch in seinen letzten Tagen noch voll aus. Es ist für die Auftraggeber vielleicht die letzte Gelegenheit, ihre Messer nach dem traditionellen Solinger Dünnschliff geschärft zu bekommen.

„Das ist der schärfste Schliff Europas“, heißt es im Internet-Auftritt der Klingenschmiede. Und viele Stammkunden werden, wenn die nun geschliffenen Messer allmählich diese Schärfe verlieren, spüren, welche Lücke das Fehlen eines schwer zu ersetzenden Handwerksbetriebs für sie bedeutet.

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