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Lockdowns in China: Kaum eine deutsche Firma kann normal produzieren – Lage laut AHK „inakzeptabel“

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Von: Christiane Kühl

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Mitarbeiterin einer PCR-Teststation in Changzhou im weißen Schutzanzug
Quarantäne-Mitarbeiterin in Changzhou: Immer mehr Städte Chinas sind im Lockdown. Deutsche Firmen können im Land kaum noch produzieren. © Sheldon Cooper/Imago/Zuma Wire

Deutsche Firmen leiden schwer unter den Corona-Maßnahmen der chinesischen Regierung. Drei Viertel der Unternehmen sind laut einer Umfrage von Lockdowns betroffen. Kaum eines kann normal produzieren.

Peking/München – Kaum noch ein deutsches Unternehmen kann derzeit in China normal seine Fließbänder anwerfen. Die Gründe: gestörte Lieferketten, Produktionsverbote, teilweise oder vollständige Ausgangssperren. 73 Prozent der befragten Firmen gaben in einer Blitzumfrage der Deutschen Außenhandelskammer (AHK) in China an, Standorte und Produktionen in Städten oder Regionen mit vollständigen oder Teil-Lockdowns zu haben. In diesen Gebieten brauchen Unternehmen eine Sondergenehmigung, um trotz der Beschränkungen ihre Produktion fortzusetzen.

Nur knapp jede fünfte Firma verfügt laut der am Donnerstag (12. Mai) präsentierten Umfrage über eine solche Erlaubnis (19 Prozent). Und auch diejenigen mit einer solchen Genehmigung melden große Probleme: Im Durchschnitt produzieren sie mit nur mit 46 Prozent ihrer Kapazität. Logistikprobleme, eine geringe Verfügbarkeit von Personal und Unsicherheiten durch plötzliche Änderungen von Vorschriften seien die Hauptgründe, die derzeit einer höheren Produktion im Wege stünden, so die Kammer.

Shanghai: Produktion mit Closed Loop

Im abgeriegelten Shanghai etwa dürfen derzeit rund 2000 Unternehmen unter bestimmten Bedingungen produzieren. Dazu gehört, dass die entsprechenden Mitarbeitenden tagelang auf dem Firmengelände leben und arbeiten müssen – im sogenannten „Closed Loop“. Nach ein paar Tagen rotiert dann die Belegschaft. Zahlreiche Firmen greifen zu dieser drastischen Maßnahme. Bosch, Tesla, Foxconn, deutsche Mittelständler wie Wirtgen oder chinesische Unternehmen – mehrere Firmen isolieren ihre Arbeiter in den Fabriken. Einige Firmen in der nordostchinesischen Stadt Changchun – Standort unter anderem eines Joint Ventures von Volkswagen – arbeiteten nach Angaben des regionalen Vorsitzenden der EU-Handelskammer Harald Kumpfert vier Wochen und länger im „Closed-Loop“-System.

Viele andere deutsche Firmen bleiben geschlossen. „Funktionierende Lieferketten sowie der Mangel an Lkw und Fahrern in ausreichender Zahl erschweren den Betrieb, selbst wenn Genehmigungen zur Wiederaufnahme der Arbeiten erteilt werden“, sagte der lokale AHK-Direktor Maximilian Butek laut der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Die meisten deutschen Unternehmen in China verfügen weder über ausreichende Einrichtungen wie Schlafsäle, um den Fabrikarbeitern eine sichere und angemessene Umgebung zum Schlafen und Leben in den Fabriken zu bieten – noch können sie eine ausreichende medizinische Versorgung bei Unfällen oder Notfällen gewährleisten.“

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Die Wiederaufnahme der Produktion vor allem in Shanghai laufe „sehr schleppend“, betonte Anfang der Woche auch die Geschäftsführerin des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA) in China, Claudia Barkowsky. Die Stimmung unter den Unternehmen verschlechtere sich mit dem fortschreitenden Lockdown, so Butek nun. „Die Mehrheit der Investitionen wird auf Eis gelegt“, sagte Butek. Neue Investitionen seien schwer zu rechtfertigen, solange die Null-Covid-Politik die Strategie der Behörden bleibe.

China: Deutsche Firmen erwägen wegen Null-Covid-Politik alternative Standorte

Der parallel in Berlin veröffentlichte AHK World Business Outlook der weltweiten deutschen Auslandshandelskammern (AHK) unter 4200 im Frühjahr befragten Unternehmen zeichnet ein ähnliches Bild. Die Lockdowns in China haben demnach dazu geführt, dass derzeit knapp die Hälfte der in der Volksrepublik ansässigen deutschen Unternehmen (47 Prozent) sich gezwungen sieht, ihre Standorte kritisch zu überdenken. „Bei Entscheidungen über Lieferanten, Transportwege und Produktionsstandorten müssen Betriebe neben rein betriebswirtschaftlichen Faktoren nunmehr immer stärker politische Risiken berücksichtigen“, sagte Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Deshalb spiele eben auch der unterschiedliche Umgang von Staaten mit der Corona-Pandemie eine Rolle.

Die internationale Kritik an Chinas Null-Covid-Politik nimmt zu. Am Dienstag hatte selbst die Weltgesundheitsorganisation WHO einen Kurswechsel gefordert. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus betonte, er halte eine Neuausrichtung der Strategie für „sehr wichtig“.

Jedes achte deutsche Unternehmen erwägt demnach sogar, China zu verlassen – zugunsten eines Standortes näher am europäischen beziehungsweise deutschen Heimatmarkt. „Am Beispiel China sehen wir, dass Unternehmen ihre Standortentscheidungen nicht über Nacht fällen“, sagte Treier vom DIHK. „Es braucht meistens Jahre, sich hier zu etablieren. Und bei der Größe des Landes fällt eine Verlagerung umso schwerer. Umso erstaunlicher ist das Umfrageergebnis.“ In früheren Jahren gab stets nur eine winzige Minderheit der Firmen an, China aufgrund verschiedener Probleme im Marktumfeld verlassen zu wollen – oder neue Fabriken eben nicht mehr in China, sondern in anderen Staaten zu bauen. Ende März aber betonten 27 Prozent der Firmen in einer ähnlichen AHK-Umfrage, die Verlegung von Aktivitäten in andere asiatische Märkte beschleunigen zu wollen. Bei einer Umfrage der EU-Handelskammer gab kürzlich sogar jede vierte Firma an, einen Abzug von Aktivitäten aus China zu erwägen.

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Null-Covid: Immer mehr ausländische Mitarbeiter wollen China verlassen

Durch die strengen Corona-Maßnahmen wird China zudem immer unattraktiver für Mitarbeitende aus dem Ausland. Laut der AHK-Umfrage wollen bei den befragten Firmen rund 28 Prozent der aus Deutschland entsandten Fachkräfte wegen der strengen Corona-Maßnahmen China verlassen, und damit mehr als jeder Vierte. „Es wird für deutsche Unternehmen äußerst schwierig sein, diese Mitarbeiter durch neue Mitarbeiter aus dem Ausland zu ersetzen“, sagte Butek. Die derzeitigen Bedingungen für deutsche Unternehmen in China seien „inakzeptabel“. Die Zahl der sogenannten „Expatriates“ – Mitarbeitende ausländischer Firmen, Organisationen oder Botschaften sowie deren Familien – sinkt auch nach Angaben der EU-Handelskammer seit Beginn der Pandemie Anfang 2020 stetig, sehr zum Leidwesen der Firmen. (ck)

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