Interview vor dem Spiel gegen Leipzig

MT-Nationalspieler Julius Kühn: "Wir müssten eigentlich demütiger sein"

Kassel. Es wird wieder ernst. Handball-Bundesligist MT Melsungen erwartet am Sonntag ab 15 Uhr in der bereits ausverkauften Kasseler Rothenbach-Halle den SC DHfK Leipzig. Wir haben mit Melsungens Nationalspieler Julius Kühn über die Aussichten der MT und natürlich auch über den enttäuschenden neunten Rang der deutschen Mannschaft bei der EM in Kroatien gesprochen.

Herr Kühn, vermissen Sie in diesen Tagen ein bisschen das Karnevals-Treiben?

Julius Kühn: Also ich wäre schon gern dabei, zumal ich in den letzten Jahren immer mitgefeiert habe. Für mich ist es jetzt das erste Jahr ohne Karneval, denn hier in der Region ist das ja nicht ganz so stark vertreten wie etwa im Oberbergischen. Als ich in Gummersbach war, waren wir an den närrischen Tagen immer unterwegs.

Zumindest würde es doch zusätzlich helfen, das EM-Debakel zu verdauen, oder? 

Kühn: Das Thema ist ja noch in aller Munde. Da es um die Zukunft des Bundestrainers geht, ist es im Kopf noch drin. Sportlich gesehen, habe ich mit der EM abgeschlossen. Es lässt sich sowieso nichts mehr daran ändern. Wir wissen alle, dass es nicht das war, was wir uns erhofft haben. Jetzt beginnt der Bundesliga-Alltag.

Wie lange hat es gedauert, bis die Lust auf Handball wieder da war? 

Kühn: Unser Trainer Michael Roth hat uns ein paar Tage freigegeben. So haben wir die Köpfe wieder freibekommen. Ich hatte überlegt, wegzufahren. Letztlich war ich aber eine Woche hier in Kassel, habe nebenbei ein bisschen Krafttraining gemacht und mich mit meinem Studium beschäftigt. Das war ganz gut, um mal vom Thema Handball wegzukommen.

Inwieweit hat Sie persönlich die harte Kritik gegen die Bad Boys berührt? 

Kühn: Alle Spieler waren nicht auf der Höhe. So ist die Kritik an jeder Person berechtigt. Wir haben nicht das hingekriegt, was wir imstande sind zu leisten. Ich habe mich auch kritisch hinterfragt, warum es bei mir nicht geklappt hat. Ich hatte das Gefühl, als hätte ich von einem auf den anderen Tag das Handballspielen verlernt.

Welches Ergebnis brachte das Hinterfragen?

Kühn: Ich habe nicht meine Stärken ausspielen können wie in der Bundesliga-Hinrunde. Zu sehr habe ich mich mit Dingen außerhalb des Spielfeldes beschäftigt. Ich habe versucht, den Tagesablauf zu ändern, damit der Knoten platzt. Aber viel gebracht hat es auch nicht. Vielleicht hätte ich mich einfach mal nur darauf beschränken sollen, Handball zu spielen. So wie mir ging es allerdings mehreren Spielern.

Melsungens Manager Axel Geerken war der erste Funktionär aus der Bundesliga, der das Aus des Bundestrainers Christian Prokop forderte. Wie gehen Sie damit um? 

Kühn: Es gab schon Gespräche, auch teamintern. Wir stecken mitten in der Analyse. Nach wie vor vertreten alle Spieler den gleichen Standpunkt.

Der wäre? 

Kühn: Der Bundestrainer hat unbestritten eine riesige Qualität, deswegen hat er ja auch den Posten. Es hat nur bei der EM zwischen ihm und der Mannschaft irgendwie nicht richtig gepasst. Warum es nicht wie gewünscht gelaufen ist, gilt es nun, weiter zu analysieren.

Inwieweit hat Christian Prokop die Verunsicherung ins Team gebracht? 

Kühn: Wir waren als Mannschaft davon überrascht, dass er Finn Lemke zunächst nicht nominiert hat. Als Finn dabei war, hat er für Stabilität gesorgt. In Sachen Taktik hat jeder Trainer seine eigenen Visionen. Christian Prokop legt ein bisschen mehr Wert auf das Taktische als andere. Nun ist es davon abhängig, wie jeder Spieler damit zurechtkommt.

Wenn der Bundestrainer Sie fragen würde, was er beim nächsten Mal anders machen sollte, was würde Sie ihm raten? 

Kühn: Es gibt Sachen, die ich ändern würde. Aber das möchte ich erst mal intern ansprechen.

Gilt nach der EM nun die Devise: Jetzt erst recht? 

Kühn: Jeder Spieler will zeigen, was er wirklich kann. Das gilt aber seit Saisonbeginn. Wir wissen, wie eng es an der Spitze ist. Das Spiel gegen Leipzig ist extrem wichtig. Wenn wir die Partie nicht gewinnen, dann könnten wir den Anschluss verlieren.

Was ist für die MT noch drin? 

Kühn: Alles. Wenn man sich unser Restprogramm anschaut, müsste man eigentlich etwas demütiger sein: Wir haben zwar vermeintlich einfache Heimspiele, aber auswärts fast alle dicken Brocken. Aus der Hinserie wissen wir aber, was alles passieren kann. Wir müssen auswärts das eine oder andere Ding raushauen.

Gegen Leipzig gab es in dieser Saison schon zwei Pleiten. Inwieweit sind die Sachsen trotzdem der perfekte Gegner zum Start? 

Kühn: Es ist egal, wer da kommt. Allerdings haben wir schon noch zwei offene Rechnungen mit Leipzig, die wir am Sonntag begleichen wollen. Zudem ist dieser Gegner ein direkter Kontrahent von uns. Es können ruhig die Leipziger sein - dann haben wir die weg.

Ein Sieg morgen und einen Tag später dann Rosenmontag feiern - wie klingt das? 

Kühn: Dafür werden wir nicht viel Zeit haben. Am Donnerstag spielen wir ja bereits in Flensburg. (schmunzelt) Und ich müsste mich richtig gut verkleiden, damit keiner etwas mitbekommt.

Julius Kühn, 24 Jahre, kam im Sommer 2017 zur MT Melsungen. Der gebürtige Duisburger spielte zuvor für den VfL Gummersbach, Tusem Essen, HSG Düsseldorf und TV Aldekerk. 2016 wurde der Rückraumschütze mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister. Er wohnt mit seiner Freundin in Kassel. Parallel zu seiner Karriere absolviert er an der Fern-Uni Hagen ein Studium der Wirtschaftswissenschaften.

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Quelle: HNA

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