Trainerwechsel beim nordhessischen Bundesligisten

Ein Rückblick: Michael Roth war der Wachküsser der MT Melsungen

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So wird er in Erinnerung bleiben: MT-Trainer Michael Roth ist mit Emotionen und vollem Einsatz an der Seitenlinie dabei.

Kassel. Michael Roth ist seit Freitag nicht mehr Trainer von Handball-Bundesligist MT Melsungen. Vor knapp acht Jahren küsste er den Klub wach. Ein Rückblick.

Lang ist es her. Nach einem makellosen Saisonstart mit drei Siegen rangiert die MT Melsungen im Spätsommer 2011 überraschend auf dem zweiten Tabellenplatz in der Handball-Bundesliga. Von einem Tag auf den anderen rückt der heimische Handball-Bundesligist in den Blickpunkt. Selbst überregionale Medien bedienen sich blumiger Vergleiche. Eine Schlagzeile lautet so: „Michael Roth hat die MT wachgeküsst.“ Die Graue Maus aus Nordhessen erstrahlt plötzlich in hellem Licht.

Okay, die Saison schließt die MT auf dem zehnten Rang ab. Aber für das, was in den kommenden Jahren folgen soll, hat sich der Trainer aus Heidelberg durchaus den Vergleich als Wachküsser verdient. Trotzdem ist nun Schluss. Nach der unerwarteten Entlassung am vergangenen Freitag sucht Roth erst mal Abstand in seiner baden-württembergischen Heimat. Er müsse seinen Kopf freibekommen, sagt er gegenüber dieser Zeitung. Zu mehr Aussagen ist der 56-Jährige derzeit nicht bereit. Wer will es ihm verübeln?

In fast acht Jahren küsst der Mann mit dem Spitznamen „Schorle“ den Bundesligisten nicht nur wach, er haucht ihm Leben ein. Unter Roth erreicht die MT zweimal das Finalturnier um den deutschen Handball-Pokal, sie schafft es auf europäischer Bühne zweimal ins Viertelfinale, sie entwickelt sich zu einem der Topteams in Deutschland, das selbst die Großen wie Kiel, Flensburg und den Rhein-Neckar Löwen das Fürchten lehrt. Aber lassen wir das.

Was mit diesen sportlichen Erfolgen einhergeht: In der Ära Roth vollzieht die MT eine Metamorphose. Der Trainer baut die Mannschaft um. Der als Söldnertruppe verschriene Klub wird zu einer attraktiven Adresse. Begriffe wie MT Deutschland machen die Runde. Kapitän Michael Müller drückt es so aus: „Dank Michael Roth ist der Verein für Top-Spieler interessant geworden.“

Roth legte großen Wer auf Zusammenhalt

Dabei gehört der leidenschaftliche Golfer Roth nicht gerade in die Kategorie Trainerfuchs. Er ist der Bauchtyp, der über Emotionen seine Spieler packt. Zudem legt der Handballlehrer nicht nur innerhalb der Mannschaft, sondern auch im kompletten Verein samt Umfeld und Fans großen Wert auf Zusammenhalt. Roth sei ein absoluter Familientyp, bestätigt Michael Müller. Ein nahbarer Trainer. „Ich kenne wenige Spieler, die gesagt haben, er sei ein Idiot.“ Roth sähe immer den Menschen hinter dem Handballer.

Dieser Familiensinn trägt dazu bei, dass der Verein auch in der Region mächtig Sympathiepunkte sammelt. Geisterkulissen in der Rothenbach-Halle gehören der Vergangenheit an. Die MT kommt an in Nordhessen - und das Aushängeschild heißt Michael Roth. Er besitzt das Charisma, das der Klub dringend für eine positive Außenwirkung benötigt. Er tauscht sich aus mit KSV-Vorstand Jens Rose, er blickt über den Handball-Tellerrand hinaus. Er fühlt sich wohl in seiner neuen Heimat Kassel.

Denn auch Roth kommt an in Nordhessen. Er wird erkannt, gegrüßt und in Gespräche verwickelt. Und dabei vermittelt Roth stets das Gefühl, seinen Gegenüber zu kennen. Womöglich ist es diese Gabe, diese einnehmende Art, die hinter dem Erfolg des smarten Sympathieträgers Roth steckt.

Aber: Zuletzt hat es den Anschein, als habe der Trainer seine Aura verloren. Roth wirkt müde. Nach Jahren der Steigerung durchläuft die MT erstmals unter ihm eine Talsohle. Der Trainer muss gehen. Nach all dem, was Roth für die MT Melsungen und den Handball in der Region getan hat, hätten ihm selbst Kritiker sicherlich einen würdigeren Abschied gewünscht.

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Quelle: HNA

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