Neuer Trainer im Interview

Debüt als Cheftrainer der MT Melsungen: Heiko Grimm über die Premiere und das Derby

Kassel. Das Heimspiel der MT Melsungen gegen den TV Hüttenberg ist kein gewöhnliches. Nach der Entlassung von Michael Roth wird Heiko Grimm zum ersten Mal als Cheftrainer an der Seitenlinie stehen.

Anwurf in der Kasseler Rothenbach-Halle am Sonntag ist um 15 Uhr. Vorab haben wir mit dem neuen MT-Coach gesprochen.

Herr Grimm, geht der Puls ein bisschen schneller?

Heiko Grimm: Mir ist schon bewusst, dass ganz Handball-Deutschland auf uns schaut. Aber ich bin von mir selbst überrascht – ich bin relativ ruhig. Klar, hier ist alles etwas größer, aber ich habe in der Schweiz viereinhalb Jahre die Verantwortung getragen. Von daher hält sich meine Nervosität in Grenzen.

Müssen Sie sich kneifen, plötzlich Cheftrainer in der Bundesliga zu sein?

Grimm: Jetzt nicht mehr. An den ersten zwei, drei Tagen nach der Entscheidung hatte ich das Ganze allerdings noch nicht richtig realisiert. Das war ja eine ungewöhnliche Situation. Seit Wochenbeginn habe ich viel abgearbeitet, hatte wesentlich mehr Pressetermine als sonst, und mittlerweile kann ich mich gezielt ums Training kümmern.

Wie haben Sie eigentlich von der Sache erfahren?

Grimm: Unser Manager Axel Geerken hat mich angerufen und darüber informiert, dass Schorle, also Michael Roth, freigestellt wird.

Mussten Sie lange überlegen?

Grimm: Der Plan war ja von Anfang an, dass ich irgendwann die Nachfolge übernehme. Ich habe meinen sehr guten Job in Luzern nicht aufgegeben, um auf ewig Co-Trainer in der Bundesliga zu sein. Deshalb musste ich nicht lange überlegen. Es war klar, dass der Tag kommen wird. Der Zeitpunkt hat nicht nur mich überrascht. Viele ehemalige Weggefährten haben sich gemeldet, unter anderen mein Kumpel Pascal Hens. Auch aus der Schweiz habe ich Anrufe bekommen.

Und was hat die Mannschaft gesagt?

Grimm: Ich bin ja nicht neu. Die Spieler kennen mich. Viele Einzelgespräche habe ich nicht geführt. Eigentlich war die Freistellung kein allzu großes Thema. Nur um das klarzustellen: Ich laufe jetzt nicht triumphierend durch die Gegend.

Den Spielern haben Sie direkt erst mal freigegeben, oder?

Grimm: Sie mussten das Ganze verarbeiten und sacken lassen. Michael Roth hat fast acht Jahre in der Halle gestanden, und auf einmal ist er nicht mehr da. Außerdem hat es etwas mit Anstand und Respekt zu tun. Am Tag nach der Entscheidung kann ich mich nicht in die Halle stellen und den Spielern sagen, was sie besser machen sollen. Das gehört sich einfach nicht. Übrigens habe ich bereits mit ihm telefoniert, und ich kann sagen: Zwischen Schorle und mir ist alles gut.

Trainiert wurde natürlich trotzdem. An welchen Stellschrauben haben Sie gedreht?

Grimm: Zunächst einmal: Wir jammern auf hohem Niveau. Wir haben eine sehr gute Mannschaft. Doch der letzte Schritt in die Top vier der Liga ist wahnsinnig schwer. Da kommt es auf Kleinigkeiten an. Auf Feinheiten. Und an denen arbeitet man nicht mal eben im Vorbeigehen. Grundsätzlich habe ich viele Dinge im Kopf. In der vergangenen Woche haben wir uns speziell auf die 5:1-Deckung konzentriert.

Was ist unter Kleinigkeiten zu verstehen?

Grimm: Das sind Detailfragen. Zum Beispiel: Wohin bewegt sich ein Spieler bei einer speziellen Auslösehandlung im Angriff? Da geht es manchmal nur um 50 Zentimeter.

Und welche Philosophie verfolgen Sie langfristig?

Grimm: Ich richte immer das System nach der Qualität der Spieler aus und nicht umgekehrt. Ich sehe mich als Trainer, der mit der Mannschaft zusammenarbeitet. Wir sitzen alle in einem Boot, und ich bin der Steuermann. Aber: Die Spieler werden sich daran gewöhnen müssen, dass ich sehr fordernd sein werde.

Das heißt?

Grimm: Ich will diese Kleinigkeiten immer wieder ansprechen. Es werden keine Undiszipliniertheiten geduldet. An die taktischen Vorgaben werde ich die Spieler immer wieder erinnern.

In der laufenden Saison ein Team zu übernehmen, ist auch mit Risiko behaftet, gerade wenn es weiterhin nicht gut laufen sollte. Inwieweit empfinden Sie Druck?

Grimm: Natürlich bin ich mir der Situation bewusst. Ans Scheitern denke ich aber nicht. Und selbst wenn, glaube ich nicht, dass ich dann verbrannt bin. Das entscheidet man immer ein Stück weit selbst. Ich werde versuchen, nach und nach Veränderungen einfließen zu lassen.

Wird gegen Hüttenberg schon die Handschrift von Heiko Grimm erkennbar sein?

Grimm: Es wäre falsch, die Spieler mit zu viel neuen Vorgaben zu überfrachten. Das würde nur zu Unsicherheit führen. Ich erwarte und verlange, dass wir mit Freude und breiter Brust auftreten. Ich will die Überzeugung sehen.

Übrigens: Wir übertragen die Bundesliga-Partie der MT Melsungen gegen TV Hüttenberg am Sonntag ab 14.50 Uhr live im Radio.

Heiko Grimm kehrte im Januar als Co-Trainer zur MT Melsungen zurück, nachdem er im Frühling 2015 als Spieler beim Bundesligisten ausgeholfen hatte. Der 40 Jahre alte gebürtige Miltenberger trug außerdem das Bundesliga-Trikot bei folgenden Klubs: TV Großwallstadt, SG Wallau-Massenheim, HSV Hamburg. Er bestritt 48 Länderspiele und wurde unter anderem 2004 mit der deutschen Nationalmannschaft Europameister. Von 2013 bis 2017 arbeitete er beim HC Kriens-Luzern als Trainer und Sportlicher Seit dem 1. Juli 2017 ist er mit Carolin verheiratet.

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Quelle: HNA

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