Schon zwei Wochen ohne Michael Roth

Heile MT-Welt war einmal: Unsere Analyse zur aktuellen Lage 

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Getrennte Wege: Zwischen MT-Manager Axel Geerken (links) und Michael Roth tobte angeblich ein Machtkampf.

Fast zwei Wochen ist Michael Roth nun nicht mehr Trainer der MT Melsungen. Trotzdem sorgt die Freistellung weiter für Diskussionen in der Handball-Welt.

Was nicht nur am enttäuschenden Heimauftritt des Bundesligisten gegen Hüttenberg am vergangenen Sonntag liegt. Immer mehr Details kommen ans Tageslicht – und vor allem der Umgang mit dem langjährigen Coach löst bei Fachleuten wie Fans ungläubiges Kopfschütteln aus.

Einer von ihnen heißt Kai Wandschneider, Trainer der HSG Wetzlar, zu der die Nordhessen am Sonntag reisen werden (15 Uhr). Wandschneider sagt: „Die MT hat sich so ein tolles Image aufgebaut. Das hat jetzt gelitten. Aus meiner Sicht war das ein unwürdiges Verfahren.“ Der Coach der Mittelhessen drückt das aus, was die meisten in diesen Tagen denken: Die heile MT-Welt war einmal. Wo einst auf Kontinuität gesetzt wurde, regiert plötzlich Aktionismus. Wo einst menschliche Faktoren eine große Rolle spielten, wird nun rücksichtslos vorgegangen – zumindest drängt sich dieser Eindruck auf.

Der Fall Roth lässt befürchten, dass der heimische Handball-Bundesligist vom altbewährten Weg abgekommen ist. Ironischerweise hat die MT erst dank des 56 Jahre alten Trainers diesen Weg eingeschlagen. Nach Informationen dieser Zeitung kommt die Freistellung nicht bei allen Geldgebern gut an. Diplomatisch äußert sich der Vorstandsvorsitzende von Hauptsponsor B. Braun, Prof. Dr. Heinz-Walter Grosse: „Auch im Sport ist es wichtig, in stürmischeren Zeiten die Kräfte zu mobilisieren und nach vorn zu schauen. Ich wünsche Heiko Grimm in seiner neuen Funktion viel Erfolg und der Mannschaft und uns Zuschauern noch ein paar spannende letzte Spiele in dieser Saison.“

Der Machtkampf

Aber wie kam es zu den von Grosse angesprochenen stürmischeren Zeiten? Allem Anschein nach tobte hinter der heilen MT-Fassade ein Machtkampf zwischen Manager Axel Geerken und Michael Roth. Darin ging es unter anderem um Roths Aufgaben im Verein. Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Trainer mit einer Zukunft als Sportlicher Leiter geliebäugelt hat. Offensichtlich spielte diese Variante aber nur in Roths Kopf eine Rolle. Geerken hätte in diesem Fall einen großen Teil seines Kompetenzbereiches abtreten müssen. Darauf wollte sich der Manager wohl nicht einlassen.

Roths mögliche neue Funktion war das eine. Angeblich gab es auch unterschiedliche Ansichten zwischen Trainer und Manager, was Verpflichtungen beziehungsweise Vertragsverlängerungen anbelangt. Welche Rolle die MT-Aufsichtsratsvorsitzende Barbara Braun-Lüdicke in diesem Machtkampf spielte, ist bis jetzt nicht klar. Sicher ist aber, dass sie Geerkens Entscheidung, ohne Roth weiterzumachen, mitgetragen hat.

Was mehr als überrascht. Denn erstens schien Roth stets einen Stein bei der MT-Chefin im Brett zu haben. Und zweitens war es die 62-Jährige, die immer wieder die Ruhe und das Familiäre der MT Melsungen hervorhob. Faktoren, die Braun-Lüdicke auch als Erfolgsrezept bezeichnete.

Mit Ruhe und Familie ist es vorerst geschehen. Noch vor einem Jahr packten die Handballer ihre Koffer: Hinspiel im Europapokal-Viertelfinale in St. Raphael an der Cote d’Azur. Die MT war auf dem Weg, sich weiter einen Namen auf internationaler Bühne zu machen. Nur zwölf Monate später ist für das Team der EHF-Pokal so weit entfernt wie das Mittelmeer von Deutschland. Und der Name hat nach Jahren positiver Meldungen erhebliche Kratzer bekommen.

Nicht nur deshalb steht Manager Geerken unter Druck. Der von ihm zum Cheftrainer beförderte Heiko Grimm muss sich in der Bundesliga beweisen. Aber das ist es nicht nur. Mit der Roth-Entscheidung wurde viel Gutes zerschlagen, was die MT in den vergangenen Jahren mühsam aufgebaut hat.

Quelle: HNA

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