HBL hofft auf Saisonstart mit Publikum

Geschäftsführer Frank Bohmann zur Lage in der Handball-Bundesliga: Wir brauchen wieder das Produkt

+
Wann bekommen die Fans wieder Livehandball zu sehen? Hier versuchen die Melsunger Tobias Reichmann (Mitte) und Felix Danner mit vereinten Kräften, Hannover-Burgdorfs Fabian Böhm (links) zu stoppen. 

Kassel – Er gehört seit Wochen zu den gefragtesten Interviewpartnern aus der Handball-Szene: Frank Bohmann, der Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL). Wir haben mit dem 55-Jährigen unter anderem über die schwierige Planung der nächsten Saison gesprochen.

Haben Sie diese Woche in Kroatien angerufen und persönlich gratuliert?

Bei Domagoj Duvnjak?

Ja, wegen seiner Wahl zum wertvollsten Spieler der vergangenen Saison.

Nein, das werde ich nächsten Donnerstag nachholen, wenn wir in Kiel die Meisterschale übergeben werden. Dann leider aber auch ohne Handschlag. Im Übrigen geht auch der Trainer der Saison nach Kiel. Filip Jicha hatte eine deutliche Mehrheit.

Hat Duvnjak die Auszeichnung verdient?

Es war eine knappe Entscheidung zwischen vier herausragenden Sportlern. Hendrik Pekeler hatte ein großes Pfund bei den Fans. Insbesondere die Trainer und die Geschäftsführer der Klubs, aber auch die Fans haben sich für Duvnjak stark gemacht. Bei solch einer Ehrung spielt auch immer die Lebensleistung eine Rolle, und die ist überragend. Er war schon mit 19 ein sehr guter Spielmacher.

Frank Bohmann

Wie gut tun sportliche Nachrichten in Krisenzeiten?

Davon hätte ich gern mehr. Wir versuchen, in der Öffentlichkeit präsent zu bleiben, aber letztlich ist es ein bisschen wie mit einem Schokoriegel: Wir haben die Verpackung und nicht die Schokolade. Deshalb brauchen wir wieder das Produkt Handball.

Sie wollen zeitnah eine Entscheidung über den Start der Saison 2020/21 treffen. Liegt ein fertiger Spielplan schon in der Schublade?

Der Spielplan wird noch erstellt. Dabei gilt es, viele Prämissen zu beachten. Das ist eine große Herausforderung. Ziel ist es, Anfang September oder Anfang Oktober zu starten. Für beide Termine gibt es Vor- und Nachteile. Je später wir beginnen, desto größer ist die Chance, vor Publikum zu spielen. Je später wir anfangen, desto enger wird aber der Spielplan.

Wie wird es mit Doppelspieltagen aussehen?

Zwei Spiele innerhalb von 48 Stunden werden unvermeidlich sein. Wir wissen, dass dies einer guten Trainingssteuerung bedarf. Aber die Trainer der Vereine bereiten sich bereits darauf vor.

Inwieweit müssen sich die Mannschaften auf ein paar Geisterspiele einstellen?

Schwer zu sagen. Ich bin aber vorsichtig optimistisch, dass wir zum Start schon vor Zuschauern spielen können. Letztlich müssen wir aber die weitere Entwicklung der Pandemie und die Vorgaben der Politik abwarten.

Wie groß ist die Gefahr, dass die Bundesliga im Zuge der Corona-Krise zu einer Zweiklassengesellschaft verkommt?

Die steigt aus meiner Sicht dadurch nicht. Oberstes Ziel der Vereine ist es, die Wirtschaftlichkeit zu sichern. Das ist jetzt eine besonders schwierige Übung, wenn ein Klub nur Ausgaben und keine Einnahmen hat.

Inwieweit lohnt für die HBL ein Blick in andere Sportarten?

Wir erarbeiten unsere eigenen Konzepte und tauschen uns mit den anderen Profiligen fast täglich aus. Das Hygienekonzept der Fußballer und Basketballer ist für uns eine wichtige Grundlage, auch wenn sie Spiele ohne Zuschauer haben.

Im Eishockey wird über einen generellen Gehaltsverzicht diskutiert. Wie gehen Sie mit diesem Thema um?

Ein individueller Gehaltsverzicht ist nicht zu vermeiden. Das heißt, dass er vereinsspezifisch abgestimmt werden sollte. Wir raten den Vereinen zu Transparenz, sie sollen für ihre Spieler die Bücher öffnen.

Wie sehr haben Sie die Entwicklungen auf dem Transfermarkt im Auge?

Dort kann ich zurzeit fast keine Bewegungen erkennen. Das wird auch im nächsten halben Jahr nicht viel anders sein. Wir haben die Vereine dennoch in unserer Telefonkonferenz am Donnerstag darauf hingewiesen, dass sie sich an eine schon lange gültige Regel halten sollen: Mit einem Spieler eines anderen Klubs darf demnach frühestens ein halbes Jahr vor Vertragsende verhandelt werden, und auch nur, nachdem der betreffende Verein informiert werden ist.

Mit wie viel deutschen Teilnehmern rechnen Sie in der nächsten Europacup-Serie?

Da Berlin inzwischen eine Wild Card erhalten hat, werden nun sechs deutsche Klubs dabei sein, zwei in der Champions League, vier in der neu geschaffenen Europa-Liga. Das ist ein Indikator für die Stärke der HBL.

Darf sich die MT Melsungen als Tabellensiebte auch noch Hoffnungen machen?

Die Europäische Handball-Föderation muss sich einen Überblick verschaffen. Mitte Juni wird sich das eine oder andere sicher entscheiden. Allerdings muss man auch wissen, dass es noch schwieriger ist, international einen Wettbewerb zu organisieren.

Wir haben mit einer sportlichen Nachricht angefangen. Worüber haben Sie sich zuletzt fernab des Handball-Geschäfts am meisten gefreut?

Seit den letzten Spielen am 12. März war es eine intensive Arbeitszeit. Wir hatten uns um viele Szenarien um eine mögliche Wiederaufnahme des Spielbetriebs zu kümmern. Schön war sicher, dass die ganze Familie zusammen war, denn die ist sonst über die ganze Welt verteilt.

Zur Person

Frank Bohmann (55 Jahre) ist seit 2003 Geschäftsführer der Handball-Bundesliga (HBL), die ihren Sitz in Köln hat. Der studierte Diplom-Ingenieur war früher in der Hockey-Bundesliga für Leverkusen und Bonn im Einsatz. Bohmann ist verheiratet und hat drei Kinder. Die Familie lebt in Bonn.

Quelle: HNA

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare