„Entwicklung ist phänomenal“

MT-Handballer Johannes Sellin über Fans, Aufs und Abs und einen Antrag

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Gewohntes Bild im vergangenen Jahr: MT-Rechtsaußen Johannes Sellin jubelt über einen Treffer und schreit seine Freude hinaus.

Kassel. Im vergangenen Jahr hat sich Johannes Sellin nicht nur zum Torjäger vom Dienst, sondern auch zum Leistungsträger beim Handball-Bundesligisten MT Melsungen entwickelt. Trotzdem blickt der 25-Jährige auf ein „sprunghaftes“ Jahr zurück, wie es der Rechtsaußen ausdrückt.

Herr Sellin, an Silvester feiern Sie neben dem Jahreswechsel auch Ihren 26. Geburtstag. Es gibt also zwei Gründe, innezuhalten und Bilanz zu ziehen. Sind Sie der Typ dafür?

Johannes Sellin: Eigentlich nicht. Ich brauche keinen speziellen Tag am Jahresende, um festzustellen, was gut und was schlecht war. Wenn ich etwas ändern möchte, mache ich das in Regel sofort.

Fassen Sie trotzdem Ihr Sportjahr zusammen.

Sellin: Ich würde es als sprunghaft bezeichnen. Es ging los mit dem Titel bei der Europameisterschaft. Danach haben wir mit der MT ein überragendes Halbjahr gespielt. Platz vier am Ende war sensationell und verdient. Aber dann begann die zweite Jahreshälfte. Ich gehörte nicht zum Kader für die Olympischen Spiele in Rio, unsere Hinserie in der Bundesliga war katastrophal, und zu guter Letzt bin ich aus dem WM-Kader geflogen.

Gab es unter den zig Eindrücken den einen Moment? 

Sellin: Allerdings, und der hat nichts mit Sport zu tun. Im Sommer habe ich meiner Freundin Julia einen Antrag gemacht – und sie hat Ja gesagt. Im kommenden Sommer werden wir in Kassel heiraten.

Herzlichen Glückwunsch! Auch zu Ihrer sportlichen Entwicklung 2016 muss man gratulieren. Finden Sie nicht? 

Sellin: Der EM-Titel tat mir gut. Danach hat bei mir irgendetwas klick gemacht. Ich bin erfahrener und reifer geworden. Wenn du ein gesamtes Turnier fast nur auf der Bank sitzt, merkst du, du musst etwas ändern, um konkurrenzfähiger zu werden. Das ist mir gelungen. Meine Torbilanz spricht für sich. Genützt hat es trotzdem nichts.

Wie tief sitzt der Stachel, dass Ihr im Sommer auslaufender Vertrag bei der MT nicht verlängert wurde? 

Sellin: So ein Abschied gehört dazu. Das muss ich akzeptieren. Ich hatte schöne vier Jahre hier, die Zeit hat mich weitergebracht. Schade ist die Trennung trotzdem.

Unter den Fans hat die Entscheidung des Vereins nicht gerade Jubelstürme ausgelöst. 

Sellin: Mich freut es natürlich, dass die Fans meine Leistung anerkennen. Und sie geben mir Kraft, weiter hart zu arbeiten. Aber auch sie müssen die Entscheidung respektieren.

Bereuen Sie etwas? 

Sellin: Wir hatten offene Gespräche. Ich habe gepokert und wollte eine Gehaltserhöhung. Das ist nach vier Jahren legitim – zumal ich meine Leistung verbessert habe. Ich würde es jedes Mal wieder so machen. Was mich gestört hat, war das Taktieren des Vereins. Im Trainingslager im Sommer wurde mir mitgeteilt, dass mich Tobias Reichmann ersetzen wird. Da hätte ich mir im Vorfeld mehr Ehrlichkeit gewünscht.

Die Fans haben wir gerade angesprochen. Insgesamt ist das Ansehen der MT im vergangenen Jahr enorm gewachsen. Inwieweit hat die Mannschaft davon etwas mitbekommen? 

Sellin: Hallo!? Beim Heimspiel gegen den Bergischen HC war die Halle fast ausverkauft. Als ich hier angefangen habe, war gerade mal die Hälfte da. Wir rechnen es den Fans hoch an, dass sie hinter uns stehen – selbst wenn es etwas kriselt. Das ist nicht selbstverständlich. Die Entwicklung rund um die MT ist phänomenal.

Haben Sie eine Erklärung? 

Sellin: Die Qualität des Kaders ist das eine. Das andere ist das ganze Drumherum: Der mediale Auftritt, die gesamte Infrastruktur – in allen Bereichen hat sich etwas getan. Als ich 2013 zur MT kam, wurde das Projekt auf die Reise geschickt. Im vergangenen Jahr hat es Fahrt aufgenommen.

Nicht ganz so ruhig war es, als Sie nach der EM während des Besuchs im Kanzleramt beim Gruppenfoto die Merkel-Raute machten. Gibt es da womöglich etwas zu bereuen? 

Sellin: Uwe Gensheimer und ich hatten einfach spontan gehandelt, ohne uns Gedanken zu machen. Nun ja, Klassenclowns finden alle witzig, aber am Ende will es keiner gewesen sein. Vielleicht fällt mir diese Aktion jetzt auf die Füße und ist der Grund für meine Ausbootung. Ich würde es wahrscheinlich nicht mehr so machen.

Quelle: HNA

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