Karate-Urgestein Dieter Jung über Olympia und seine Sportart

„Beim Karate steht der Wettkampf nicht im Fokus“

Karate ist sein Sport: Dieter Jung (links) beim Selbstverteidungstraining mit Jürgen Wacker.
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Karate ist sein Sport: Dieter Jung (links) beim Selbstverteidungstraining mit Jürgen Wacker.

Fünf neue Sportarten stehen dieses Jahr im Wettkampfprogramm der Olympischen Spiele, darunter Karate mit den Disziplinen Kata und Kumite.

Bad Hersfeld - In der Nacht auf Donnerstag startet die K.o.-Runde für die erste deutsche Athletin, in den Folgetagen geht es auch für die drei anderen deutschen Starter um die Medaillen. Im Vorfeld haben wir mit dem heimischen Karate-„Urgestein“ Dieter Jung gesprochen - über Olympia, die traditionsreiche Sportart und seine eigenen Pläne.

Herr Jung, verfolgen Sie die Olympischen Spiele?

Na klar, das mache ich - wobei der Schwerpunkt aber natürlich auf der der deutschen Mannschaft liegt.

Warum, worin besteht der Reiz von Olympia?

Olympia hat einfach einen hohen Stellenwert, da sich im Grunde genommen ja die Besten der Welt miteinander messen. Dadurch, dass es im letzten Jahr ausgefallen ist, ist die allgemeine Aufmerksamkeit jetzt natürlich umso höher.

In Tokio gehört „Ihre“ Sportart Karate erstmals zum Wettkampfprogramm. Freut Sie das oder lässt Sie das kalt?

Ich sag es mal so: Es gibt zwei Seiten von Karate. Die eine ist das Sportkarate, das ist das, was man bei Meisterschaften oder auch dem olympischen Turnier sieht. Die andere wiederum ist mir näher: Ich sehe Karate mehr als Kampfkunst, die sehr viel breiter aufgestellt ist als nur mit Fokus auf den Wettkampf.

Sie betonen das Wort Kunst. Gehört Karate für Sie dann nicht unbedingt in solch einen Wettkampfrahmen?

Das könnte man so sagen. Karate ist über Indien und China nach Okinawa gekommen und wurde dort japanisiert - dennoch ist es auch dann noch dieses ursprüngliche Karate geblieben. Wenn man dort gekämpft hat, gab es kein Spiel um Punkte und es ging nicht darum, es attraktiv für Zuschauer zu machen. Genau das wurde mit der Zeit aber immer weniger, es kamen Hand- und Kopfschutz hinzu und all solche Sachen. Ich lehne das ab. Karate bedeutet „kara - leer“ und „te - Hand“ und das kommt bei Wettkämpfen nicht mehr zum Tragen.

Auf der anderen Seite passt Karate, wo Respekt eine große Rolle spielt, doch aber ziemlich gut zum olympischen Fair-Play-Gedanken…

Das stimmt. Grundsätzlich ist es so, dass Respekt vor dem Partner und dem Gegner in der Verneigung voreinander symbolisiert werden und es nicht die Absicht ist, den anderen zu verletzen. Eine große Rolle hat seit dem Anfang von Karate aber nicht der Wettkampf, sondern der Selbstverteidigungsgedanke gespielt. Auch die Menschen, die wir hier im Verein haben, kommen zu 80 Prozent wegen der Selbstverteidigung.

Sie sprechen Ihren Verein, den TV Hersfeld, an: Wie ist die Lage vor Ort nach den für den Hobbysport schwierigen letzten Monaten?

Bei uns in der Abteilung ist die Lage eigentlich gut, wir haben keine Austritte. Im Allgemeinen sieht das deutschlandweit aber anders aus, da ist seit dem letzten Jahr von 44 Prozent Austritten die Rede. Das ist natürlich katastrophal und betrifft überwiegend Sportschulen, die sich dem Sportkarate gewidmet und teilweise hohe Beitragszahlungen haben. Grundsätzlich gibt es auch nicht mehr so viele Leute, die trainieren und zu Wettkämpfen antreten wollen - das sah vor 40 Jahren, als ich hier angefangen habe, anders aus.

Kann es aber gerade in Anbetracht einer solchen Entwicklung nicht hilfreich sein, dass Karate nun medial ein bisschen stärker in den Fokus rückt?

Ich denke, das wird keinen Effekt haben. Beim Deutschen Karate Verband sagt man jetzt natürlich „Wow, wir kriegen Sendezeit“, aber seien wir mal ehrlich: Es wird in den Nachtstunden übertragen, da wird wohl kaum jemand extra dafür aufstehen. Nichtsdestotrotz ist es natürlich ein tolles Ding, Karate bei den Olympischen Spielen zu sehen - dass man es aufnimmt, hat man ja als Verneigung vor Japan gemacht. Was die Mitgliedersituation in Deutschland angeht, gehöre ich mittlerweile zu einer Kommission, die die Werbung etwas in die Gänge bringen soll, da stellen wir gerade Überlegungen an.

Eine gute Überleitung zu Ihnen persönlich, lassen Sie uns zuletzt noch auf Ihre eigene Karriere blicken. Sind Sie nach wie vor aktiv und falls ja: Gibt es neue Ziele?

Ja, die gibt es. Zum einen plant der TVH in Verbindung mit dem Deutschen Karate Verband eine Aktion für Kinder. Es gibt da ein Wertekonzept, wo Kinder nicht mehr Gürtelfarben, sondern Urkunden und kleine Aufnäher bekommen, auf denen zum Beispiel „Respekt“ oder „Mut“ steht, um ihnen die Werte des Karate zu vermitteln. Zum anderen werde ich in Hersfeld im September einen neuen Anfängerkurs starten, und zwar für Menschen mit Handicap.

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