Goalball: Auf Torjagd in der Dunkelheit

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Blind abwehren müssen die drei Spieler den Ball, der mit bis zu 80 Stundenkilometer von der gegnerischen Mannschaft auf ihr neun Meter breites Tor geschleudert wird.

Kirchheim. Die deutsche Nationalmannschaft im Goalball hat sich in Kirchheim auf die Europameisterschaft vorbereitet. Unser Mitarbeiter war vor Ort.

Kirchheim – Das Spielfeld ist acht mal zwölf Meter groß, der Ball 1250 Gramm schwer, die neun Meter breiten und 1,30 Meter hohen Tore werden auf jeder Seite von drei Männern „bewacht“ und denen ist eines gemein: Sie sehen nichts.

Goalball heißt das Spiel für stark sehbehinderte Menschen und die Deutsche Nationalmannschaft dieser wenig bekannten Ballsportart trainierte am Wochenende im Kirchheimer CPH Hotel Seeblick für die Europameisterschaft im Oktober in Rostock. Sieben Spieler (einer fehlte), zwei Trainer und ein Betreuer aus ganz Deutschland waren angereist, um sich hier ungestört und intensiv auf den Event vorzubereiten.

„Der Seeblick ist für uns aus mehreren Gründen bestens geeignet“, erklärt Nationaltrainer Johannes Günther. „Er liegt zentral in Deutschland und ist per ICE über Bad Hersfeld gut zu erreichen. Wir finden hier eine Halle vor, in der wir ungestört sind. Es gibt Freizeiteinrichtungen wie Sauna und Schwimmbad, und wir fühlen uns hier bestens aufgehoben und betreut.“ Per Internet hat der Trainer nach einem geeigneten Ort gesucht und ist so auf das Hotel gestoßen.

„Übers Jahr trainieren zwischen 25 und 30 Mannschaften verschiedener Sportarten bei uns“, erklärt der Sportbeauftragte des Hotels, Gisbert Naumann. „Als aber die Anfrage der Goalball-Nationalmannschaft kam, musste ich mich erst mal informieren, was das überhaupt ist.“

Das Team der Deutschen Goalball-Nationalmannschaft und der Sportbeauftragte des Kirchheimer Hotels Seeblick, Gisbert Naumann (hinten rechts).

Um an internationalen Wettbewerben teilnehmen zu können, dürfen die Spieler nur eine Sehkraft von maximal zehn Prozent haben. Um Chancengleichheit zu wahren, wird den Akteuren während des Spiels mit Brillen, Binden oder Pflastern auch noch die Restsicht genommen. Gespielt wird also komplett blind.

„Das erfordert sehr viel Übung, sehr gutes Orientierungsvermögen, hohe Konzentration und auch Mut und schnelles Reagieren“, erläutert Trainer Stefan Weil. Schließlich könne der Ball nach einem guten Wurf bis zu 80 Stundenkilometer schnell werden, so dass weniger als eine Sekunde bleibe, um sich ihm nur nach Gehör in den Weg zu werfen.

Kuriosität am Rande: Obwohl alle Spieler stark sehbehindert sind, zeichnet Betreuer Tobias Vestweber von einem Hochstand am Spielfeldrand alle Spiele mit der Videokamera auf. Bei der Auswertung und Nachbesprechung müsse dann der eine oder andere Spieler „schon mal in den Fernseher kriechen“ was manchmal ganz lustig aussehe, aber deutlich zur Verbesserung des Spiels beitragen könne, sagt Günther.

Und dass die Jungs gut sind, haben sie bereits bewiesen mit der Teilnahme an den Paralympics in 2016 in Rio de Janeiro, dem Vize-Europameistertitel 2017 in Lahti und dem Vizeweltmeister-Titel 2018 in Malmö. Für die Olympischen Spiele 2020 in Tokyo sind sie bereits qualifiziert.

Die EM in Rostock will das Team gewinnen. In dem Fall hat ihnen nämlich die ARD einen großen Beitrag in der Sportschau am 13. Oktober versprochen.

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