Fußball

Mario Katzmann: Die Neugier war stärker als die Zukunftsangst

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Ein Bild aus vergangenen Tagen: Mario Katzmann für den ESV am Ball - in diesem Fall für den ESV Ronshau sen (blau), einer seiner vielen Stationen nach seiner erfolgreichen Hönebacher Zeit.

Mit der Öffnung der innerdeutschen Grenze im Jahr 1989 siedelte auch Fußballer Mario Katzmann um. Aus Berka nach Hönebach, wo der ESV in den 90er-Jahren einen Aufschwung erlebte. 

Was Andreas Thom, Ulf Kirsten und Matthias Sammer in der Fußball-Bundesliga waren, war Mario Katzmann beim ESV Hönebach: Der erste Neuzugang eines Spielers aus der DDR, nachdem 1989 die innerdeutsche Grenze aufgegangen war. Der Name Katzmann blieb untrennbar mit dem ESV verbunden: Denn mittlerweile kicken die Söhne Nils und Marcel beim Kreisoberliga-Spitzenreiter.

Mario Katzmann war 23 Jahre alt, als sich sein Leben radikal änderte. Vor der Wende schlecht, nach der Wende gut? So einfach ist es nicht. Katzmann arbeitete täglich fünf Stunden im Bergwerk Merkers und fuhr danach zum Training bei Zweitligist Kali Werra Tiefenort, wo er ebenfalls Geld verdiente. Mit 1200 Ost-Mark lag er im Einkommensdurchschnitt. „Es ging mir gut“, sagt er.

Mit dem BVB in Mailand

Allerdings: Der junge Mann aus Berka musste davon ausgehen, dass er seinen Lieblingsverein niemals live im Stadion würde sehen können. Sein Herz schlug und schlägt für Borussia Dortmund. Im Grenzgebiet schaute jeder, der sich für Fußball interessierte, samstags ab 18 Uhr die Sportschau, erzählt er. „Dass die Grenze irgendwann mal aufgeht, haben wir uns nicht vorstellen können“, sagt Katzmann, dessen Söhne ebenfalls Fans der Schwarz-Gelben sind.

Kürzlich war das Trio zum Champions-League-Spiel in Mailand – vor 30 Jahren unvorstellbar. Bis 1989 war Mario Katzmann nur ein einziges Mal im Ausland gewesen: zum Urlaub in Tschechien. Von der Grenzöffnung hörte Katzmann erst am 10. November an der Arbeit. Gemeinsam mit seinen Eltern besorgte er sich dann gleich ein Visum, und die Familie machte sich im Trabbi auf den Weg zu Freunden nach Bayreuth. Dort wurde die Grenzöffnung mit jeder Menge Kümmerling begossen.

Den neuen Möglichkeiten im Westen standen nun die Sorgen um die Zukunft im Osten gegenüber. Der Alltag ging für Mario Katzmann erst mal normal weiter. „Aber keiner wusste, wie lange noch. Keiner wusste, wie lange im Schacht noch gearbeitet werden sollte.“ Doch bei dem 23-Jährigen war die Neugier größer als die Zukunftsangst.

"Hier muss ich hin"

Am 7. März 1990 fuhr er zum ersten Mal in das nur 14 Kilometer entfernte Hönebach, um sich ein Fußballspiel im Westen anzusehen. Der ESV, der mit Katzmann Anfang der 90er-Jahre als Landesligist ein Aushängeschild des heimischen Fußballs werden sollte, feierte im Pokalspiel gegen Wabern ein 6:2-Schützenfest. „Da habe ich gleich gedacht: Hier muss ich hin“, erinnert sich Katzmann.

Der heutige Ehrenvorsitzende Georg Noll tat alles, um Katzmann den Start im Westen zu erleichtern. Er besorgte ihm einen Job bei Cavalier Treppenbau in Bebra, anfangs wohnte Katzmann sogar bei Noll.

„Ich war froh, dass ich hier war. Viele meiner ehemaligen Schulkameraden sind arbeitslos geworden und dann auf Montage gegangen, um wieder was zu haben“, sagt Katzmann. Seine Mitspieler machten ihm den Start leicht – Vorbehalte gegen den „Ossi“ habe es nicht gegeben. Später folgten mit Enrico Keil und Tom Gröll weitere Kicker, die in der DDR höherklassig gespielt hatten.

Allerdings war die Zweite Liga der DDR nicht unbedingt stärker als die westdeutsche Landesliga, erinnert sich Katzmann. Der ESV erlebte – auch dank seiner Neuzugänge aus dem Osten – in den 90ern eine sportlich sehr erfolgreiche Zeit.

Viel herumgekommen

Katzmann zog es irgendwann weiter, zum VfB Heringen, nach Mansbach und Sorga. Und zum Ende seiner aktiven Karriere hin schließlich wieder nach Hönebach, wo er – bis zum Umzug nach Friedewald vor zwei Jahren – nie richtig weg war. Der ehemalige DDR-Bergarbeiter hat seine berufliche Heimat bei Kali & Salz gefunden und ist als Trainer viel herumgekommen.

Er hat Männer-, Frauen- und Jugendteams trainiert. In Ronshausen, Asmushausen/Gilfershausen, Ransbach, Ausbach, bei der SG Kathus/Hohe Luft, in Thüringen in Gospenroda und Breizbach und natürlich in Hönebach. Derzeit hat er keinen Trainerposten und schaut so oft wie möglich seinen Söhnen beim ESV zu.

Jetzt möchten die Katzmann-Söhne aufsteigen

Wohl noch mehr als in den 90er-Jahren ist der sportliche Erfolg des ESV Hönebach heute mit dem Namen Katzmann verknüpft. Denn der taucht in der Stammformation schon lange zweimal auf: Torwart Nils und Stürmer Marcel gehören zu den Säulen des Spitzenreiters der Fußball-Kreisoberliga. Sie sind Hönebacher durch und durch, haben ihr ganzes Leben in dem Wildecker Ortsteil gewohnt.

Im Gegensatz zu ihrem Vater, den sie mit einem Augenzwinkern als Wandervogel bezeichnen, waren sie dem ESV immer treu. Mit Ausnahme von ein paar A-Jugend-Spielen, die Nils als 17-Jähriger bei der JSG Rotenburg/Braach machte, bevor er zu den ESV-Senioren aufrückte.

„Das ist unser Heimatverein bis zum bitteren Ende, das stand nie zur Diskussion“, sagt Nils. Wie sein Bruder hatte er auch schon Angebote von höherklassigen Vereinen vorliegen. Marcel war auch mal zum Probetraining bei den Hessenligisten Steinbach und Hünfeld erschienen, entschied sich aber gegen einen Wechsel.

Höherklassig spielen – das soll nun aber trotzdem klappen. Natürlich mit dem ESV. „Wir wissen, dass es für die Mannschaften aus unserem Landkreis in der Gruppenliga meistens sehr schwierig ist, aber wir würden uns auf keinen Fall gegen den Aufstieg wehren“, sagt Nils. Der Weg dahin sei aber noch lang. Der ESV muss bei den Aufstiegskonkurrenten noch jeweils auswärts ran. Noch schwerer würde es aber, nach einem Aufstieg die Klasse zu halten, sind sich die Brüder einig.

„Die Möglichkeiten sind begrenzt. Was die Kohle angeht, liegen wir schon in der Kreisoberliga nur im unteren Mittelfeld. In der Gruppenliga könnten wir mit keinem mithalten, Neuzugänge können wir nicht mit großen Scheinen locken“, sagt Nils.

Sportlich hingegen traut er sich und seinem seit Jahren eingespielten Team aber durchaus zu, auch eine Liga weiter oben mitzuhalten. „Wir sind jetzt alle im besten Alter. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Ein Großteil der Mannschaft durchlief die Jugendmannschaften gemeinsam. Trainiert von – natürlich – Vater Mario Katzmann.

Und nun hat der ESV einen jungen Wilden dazubekommen: den 19-jährigen Kevin Kunze. Der mit 20 Treffern bislang erfolgreichste Torjäger der Liga, Marcel Katzmann, bezeichnet seinen neuen Teamkollegen als Topspieler und Riesenverstärkung. Kevin Kunze ist übrigens ebenfalls in Hönebach aufgewachsen.

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