Biathlon

Sven Fischer im Interview: „Freiraum für den Sport schaffen“

biathlon sven fischer in oberhof
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Ex-Weltklasse-Biathlet Sven Fischer (links) in Oberhof im Gespräch mit HZ-Mitarbeiterin Kristina Marth.

Vier Olympiasiege, 20 Medaillen bei Weltmeisterschaften, 57 Weltcup-Siege: Sven Fischer ist einer der erfolgreichsten deutschen Biathleten. Im Oktober ist er prominenter Unterstützer der Ski- und Loipenpark-Eröffnung des Skiclubs Neuenstein.

Corona hat uns noch immer im Griff und macht vielen Menschen zu schaffen. Als Leistungssportler kennt man schwierige Situationen. Hilft das in der aktuellen Lage?

Als Sportler kenne ich Ungewissheit und Existenzsorgen, da Zusagen widerrufen werden können und man nie genau weiß, was der nächste Winter bringt. Auf der anderen Seite habe ich durch meine Erfahrungen im Sport aber auch Mut und Zuversicht, dass es immer irgendwie weitergeht und weiß, dass man Situationen, so wie sie kommen, annehmen muss. Man lernt als Sportler mit beidem, also Sorge und Hoffnung, umzugehen – wobei das eine irgendwie auch das andere bedingt.

Neben den Vorträgen und der TV-Tätigkeit haben Sie 2019 an der Trainerakademie des DOSB ein duales Studium begonnen. Werden wir Sie bald also als Trainer sehen?

Ich möchte meine Biathlon-Erfahrung gern mehr als nur punktuell in Vorträgen weitergeben und würde gern Nachwuchsathleten begleiten. Genau das geht nur durch den Trainerjob. Was mal wird, weiß ich nicht – aber das ist meine Grundidee und die Grundlage dafür ist ein ordentlicher Abschluss.

Der Nachwuchs ist ein gutes Stichwort: In den vergangenen Jahren wirkte es so, als ob dieser im Biathlon ein wenig schwächelt. Täuscht das?

Früher war es oft der Fall, dass eine Medaille für die deutsche Mannschaft bei Staffelrennen fast schon als sicher galt. Das hat sich verändert und international gibt es nun immer mehr Athleten, die Medaillen holen können. Anders als zu meiner aktiven Zeit war im deutschen Team zuletzt vielleicht eher die Tendenz zu sehen, dass es primär einen Athleten oder eine Athletin gab, der oder die die Medaillen holen sollte. Sicherlich hatten wir im internationalen Vergleich schon mal eine stärkere Weltcup-Mannschaft, aber das heißt nicht, dass es nicht Nachwuchs mit Potenzial gibt.

Auch in anderen Sportarten schneiden deutsche Athleten schlechter ab als in der Vergangenheit, siehe zum Beispiel zuletzt bei den Olympischen Spielen in Tokio. Woran liegt das?

Ich denke, es sind viele Punkte, die in diesem Zusammenhang beleuchtet werden müssen. Wie viele Sportler kommen beispielsweise zu einer Sportart, wie ist die Förderung, wie sind die Möglichkeiten vor Ort, wie ist die gesellschaftliche Akzeptanz? Wichtig ist außerdem die Chancengleichheit, hier spielen auch finanzielle Mittel eine Rolle. Erst wenn Förderung und gesellschaftliche Unterstützung stimmen, gewinnt der Sport an Stellenwert und dann haben Kinder und Jugendliche auch eine höhere Motivation, Teil dieser Sache zu sein. Durch mehr Teilnehmer verbessert sich bei entsprechender Förderung am Ende auch das Potenzial im internationalen Konkurrenzkampf.

Wie sieht es in Sachen Beruf und Leistungssport aus? Sie selbst hatten in der DDR ein Sportlehrer-Studium begonnen, mussten es aber zugunsten Ihrer aktiven Laufbahn aufgeben. Ist es nach wie vor schwierig, beides zu vereinbaren?

Ich denke, wir müssen als Gesellschaft lernen, dass Sport mit dazu gehört und entsprechend mehr Freiräume schaffen. Es geht nicht immer nur ums Geld, sondern darum, Sportlern die Chance zu geben sich zu entwickeln. Beispielsweise müsste es möglich sein, die Ausbildungs- oder Studienzeit flexibler zu regeln oder in intensiven Trainingsphasen weniger Zeit zu investieren. Und das alles eben nicht nur an bestimmten Fachhochschulen, sondern in der Breite.

Wie entscheidend ist gerade in puncto Nachwuchs die Arbeit von Vereinen? Nehmen wir zum Beispiel den SC Neuenstein: Wie wichtig ist es, dass auch Vereine außerhalb klassischer Wintersport-Regionen den Wintersport stärken wollen?

Es ist enorm wichtig, dass die Förderung der Kinder vor Ort stattfindet, ganz egal um welche Sportart es geht. Ich selbst stamme aus der Leichtathletik und bin über den Langlauf zum Biathlon gekommen und theoretisch kann auch aus einem jungen Athleten von der Küste ein Bobfahrer werden. Die Grundlage der Vereinsarbeit ist, den Bewegungsdrang von Kindern zu nutzen und Koordination, Kraft und Ausdauer zu schulen. Jeder Verein fördert daher den Einzelnen in seiner Entwicklung, ganz egal, zu welcher Sportart er später vielleicht wechselt.

Ist die Vereinsarbeit aber nicht auch oft abhängig vom Engagement Einzelner?

Richtig, und ohne die Menschen, die die Kinder vor Ort begeistern, unterstützen und betreuen geht es nicht. Wichtig ist hier allerdings auch, dass Trainer und Betreuer gesellschaftlich gestärkt werden und der Staat beispielsweise dafür sorgt, dass Unternehmern, insbesondere im Mittelstand, ihren Angestellten auch mal einen Tag länger frei geben können und dafür einen Ausgleich erhalten. Es muss einfach alles ineinandergreifen.

Es klingt, als seien Sie hochmotiviert, an einigen Stellschrauben zu drehen …

Ich sehe einfach, wie komplex der Biathlonsport ist und habe deshalb die Motivation, in den Nachwuchsbereich zu gehen. Ich bin davon überzeugt, dass Höchstleistung kein Zufallsprodukt ist und dass wir fast jedes Kind, wenn es das will, im Biathlon dahin trainieren können, dass es zu den Top Ten in Deutschland gehört. Erst danach ist vielleicht das Talent entscheidend. Das entspricht auch meinem Leitspruch: Fleiß schlägt Talent, wenn Talent nicht fleißig ist.

Von Kristina Marth

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