Joachim Weber, Co-Trainer des Hessenligisten, im Interview

Die Utopie ist ist beim SV Steinbach gelebte Praxis

Tafelarbeit für den Lehrer: Joachim Weber soll fünf Punkte notieren, die den SV Steinbach auszeichnen. Lange überlegen muss der Co-Trainer hierfür nicht.
+
Tafelarbeit für den Lehrer: Joachim Weber soll fünf Punkte notieren, die den SV Steinbach auszeichnen. Lange überlegen muss der Co-Trainer hierfür nicht.

Fußball-Hessenligist SV Steinbach hat mit den Trainern Petr Paliatka und Joachim Weber verlängert. Wir haben darüber mit Co- und Torwarttrainer Weber gesprochen.

Joe, verraten Sie uns, wie schwer es als Hünfelder in Steinbach ist?

Es ist gar nicht schwer. Ich bin jetzt seit 21 Jahren mit meiner Frau Victoria, einer gebürtigen Steinbacherin, zusammen. Ich lebe in Steinbach, ich fühle mich schon lange als Steinbacher.

Aber dennoch wird es Sie persönlich geärgert haben, dass kürzlich das Derby in Hünfeld wegen der Pandemie ins Wasser fiel.

Nein. Für mich ist Hünfeld gegen Steinbach das Derby schlechthin, das es in der Hessenliga noch nie gab. Und hätten bei diesem Spiel nur 100 Zuschauer kommen dürfen, wäre das unwürdig gewesen. Ich bin froh, dass die Vernunft gesiegt hat und alles abgesagt wurde.

Obwohl sich Hünfeld in einem Negativlauf befand?

Alle Spieler haben verdient, dass ihnen 700, 800 Leute dabei zuschauen, wie sie sich zerreißen. Und wie ein Derby ausgeht, das kann sowieso niemand prophezeien. Fakt ist, dass ich dem Hünfelder SV in jedem Spiel den Sieg wünsche - außer wenn es gegen uns geht.

Entsprechend wünschen Sie sich, dass beide Teams in der Hessenliga bleiben?

Natürlich. Für den SV Steinbach ist aber jedes Jahr Hessenliga ein Geschenk, wobei es in dieser Saison bis zur erzwungenen Unterbrechung echt gut lief.

Woran liegt das?

Gerade die Auswärtsfahrten waren gigantisch und die Punktausbeute natürlich auch. Vielleicht liegt es daran, dass wir in der Vorsaison fast nur auf uns schauten, dann aber merkten, dass es von der individuellen Klasse nicht ganz reicht.

Und was ist nun anders?

Wir stellen uns auf die Gegner ein und versuchen, sie höher und vor allem strukturierter anzulaufen. Wir wollen sie zu langen Bällen zwingen, um selbst schneller und vermehrt in Ballbesitz zu sein. Das klappt ganz gut.

Ihnen, so hört man aus Mannschaftskreisen, wird eine zentrale Rolle zuteil.

Ich bin bei uns für die Gegneranalyse zuständig, schaue mir meist montags den Gegner für das kommende Wochenende genau an und gebe die Infos an Petr weiter. Unser Verhältnis ist nicht nur dahingehend ein sehr gutes. Im Training simulieren wir anschließend das gegnerische Aufbauspiel und versuchen, im Spiel selbst unseren Profit daraus zu ziehen. Dass alle Hessenliga-Spiele den Trainern auf Video zur Verfügung gestellt werden, ist eine tolle Sache.

Das Verhältnis zwischen Paliatka und Ihnen ist also ein sehr enges. Das soll anfangs nicht so gewesen sein ...

Als Petr als Spieler nach Steinbach kam, war ich Kapitän, und wir standen in der damaligen Bezirksoberliga in der Winterpause mit dem Rücken zur Wand. Auch ich wurde befragt und habe mich gegen eine Verpflichtung ausgesprochen. Ich war der Meinung, dass wir die Karre mit den eigenen Spielern aus dem Dreck ziehen sollten. Gut, dass nicht auf mich gehört wurde. Mittlerweile ist Petr ein Steinbacher, ist ewig im Verein und hat hier ein Haus gekauft.

Ergo: Der Start zwischen Ihnen ist vergessen?

Über die Geschichte scherzen wir heute. Petr war es, der auf mich zukam und fragte, ob ich neben der Tätigkeit als Torwarttrainer auch Co-Trainer werden möchte. Erst war ich nur für die Defensive zuständig, mittlerweile eben auch für Videoanalysen. Wir tauschen uns regelmäßig aus, sprechen Aufstellungen und Trainingsinhalte ab.

Und was ist Petr Paliatka für ein Trainer?

Ein sehr guter. Vor allem weil er gegenüber den Jungs unglaublich authentisch ist. Bei ihm zählen Trainingsleistungen: Einerseits muss auch mal ein „Star“ auf der Bank sitzen, andererseits bekommt wirklich jeder Spieler eine Chance, wenn er sie verdient.

Davon scheint der Verein zu zehren.

Ja, wir leben aktuell nicht von der eigenen Jugendarbeit, wo erst in vier, fünf Jahren wieder ein Schwung mit guter Perspektive kommt. Vielmehr haben wir uns den Ruf erarbeitet, dass es bei uns möglich ist, als junger Spieler höherklassig zu spielen, auch wenn woanders vielleicht ein paar Euro mehr zu verdienen sind.

Hätten Sie - denken wir einige Jahre zurück - gedacht, dass Hessenliga in Steinbach möglich ist?

Als ich Kapitän war, wurden wir mal Vierter in der Verbandsliga, standen gar vor Lehnerz. Helmut Zentgraf war gerade neuer Vorsitzender geworden und fragte mich, ob dass das Optimum sei. Ich antwortete, dass Hessenliga Utopie sei. Berthold Helmke aus dem Führungsteam klinkte sich damals ein und sagte, dass der SVS immer nach noch mehr strebe. Und das zeichnet den SV Steinbach aus: mit unfassbarem Herzblut und Leidenschaft noch mehr herauszuholen.

Nicht vergleichbar mit anderen Vereinen?

Auf diesem Niveau wahrscheinlich nicht. Kürzlich haben wir unser Vereinsheim winterfest gemacht. Da waren Trainer, Co-Trainer und Kapitän von der ersten Mannschaft dabei. In Steinbach wird der Verein gelebt, ob bei den Sängern oder bei den Schützen, aber der Mittelpunkt ist der Mühlengrund.

Aber reizt nicht doch manchmal ein Job an vorderster Front?

Manchmal kribbelt es. Aber in Steinbach kann ich mich aufs Fahrrad setzen, bin in zwei Minuten am Sportplatz und kann im Sommer sogar meine Kinder mit an den Platz nehmen, während wir trainieren. Das bekomme ich sonst nirgends geboten. Aber vielleicht passt irgendwann mal alles zusammen.

Von Johannes Götze

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare