Bad Hersfelder Grasbahnrennen

Bernd Diener: „Der alte Mann“ und das Rennfieber

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Wenn sich das Startband hebt, sind Bernd Diener und seine Konkurrenten nicht zu stoppen. Beim EM-Finale in Bad Hersfeld reichte es für den 60-Jährigen aber nur zu Platz 17.

Bad Hersfeld – Nein, der 17. Rang war nicht gerade das, was sich Bernd Diener als Trainingszweiter vom EM-Finale in Bad Hersfeld erhofft hatte. Einen Rekord hält der 60-Jährige aber in jedem Fall: Er feiert in diesem Jahr sein „Aktiven-Bahnsport-Jubiläumsjahr“ – und 40 Jahre auf den Bahnen dieser Welt.

Von seinem Kontrahenten Martin Smolinski wird der Routinier aus Gengenbach im Schwarzwald fast schon liebevoll, aber in jedem Fall voller Respekt, „der alte Mann“ genannt. Im Juni ist Diener 60 geworden. Während andere in diesem Alter an „Ruhestand“ denken, ist Bernd Diener immer noch unter den „Unruhigen“, auf den Bahnen unterwegs. Ehrgeizig und – wie viele seiner Konkurrenten sagen – „fit wie ein Turnschuh“.

Im Juni hat sich Bernd Diener beim Halbfinale in Bielefeld für den EM-Endlauf in Bad Hersfeld qualifiziert. „Ich weiß auch nicht, ob es normal oder unnormal ist“, antwortet Diener auf die Frage, wie man das mit 60 Jahren noch macht. Die Erfahrung spiele eine große Rolle – und dann brauche es eine Menge Kraft und Kondition.

Letztere „besorgt“ sich Diener – nach täglich acht Stunden Arbeit als Papiermacher bei einer Maschinenfabrik in Gengenbach plus zusätzlicher „Schrauberei“ an den Maschinen – vordergründig auf dem Mountainbike, mit dem es mindestens zweimal die Woche durch Wald und Flur geht.

„Ich kann es einfach nicht glauben, und das bei der Top-Besetzung hier“, sagte Diener in Bad Hersfeld noch nach dem Pflichttraining, bei dem er Zweitschnellster war. Doch wie schon häufiger in Dieners Karriere lief dann das Rennen völlig anders. Zunächst kam er auf der von ihm eigentlich geliebten Außenbahn nicht durch, später änderten sich die Bahnverhältnisse durch den Nieselregen. In Lauf drei folgte ein Kettenriss samt Sturz. Sein immer und überall geltendes Ziel hat Diener allerdings erreicht: „Wichtig ist, dass ich wieder heil nach Hause komme.“

Diener, fünftes von insgesamt neun Kindern, hat beide Seiten der Medaille seines geliebten Sports schon mehrfach kennengelernt. Vom „Rennfieber“ durch die älteren Brüder Ludwig, Hubert und Heinrich angesteckt, begann er seine Laufbahn 1979. 1981 stieg er in die internationale Kategorie auf. Es dauerte aber, bis sich Bernd Diener international etablierte. Auch deshalb, weil Diener nicht selten das Pech am Schleifschuh klebte.

Doch die Liste seiner Erfolge ist lang. 1996 wurde er in Herxheim und bei der letzten Eintages-Langbahn-WM Vize-Weltmeister, drei Jahre später Europameister auf der Grasbahn, 2004 Dritter der Langbahn-Weltmeisterschaft im Grand Prix Modus. 2008 und 2012 gehörte er zum Aufgebot der deutschen Langbahn-Nationalmannschaft, die in beiden Jahren WM-Gold im Teamwettbewerb holte. Im Jahr 2000 wurde Diener Deutscher Langbahnmeister. Fünfmal (1998, 2006, 2010, 2015, 2017) gelang ihm die Vizemeisterschaft, siebenmal schaffte er in den Jahren 1995 bis 2018 einen dritten Rang.

Aber es gab auch schlimme Stürze. 2016 zum Beispiel in Schwarme. Diener kehrte aber immer wieder zurück. Was er am Bahnsport so schätzt? „Die Tüftelei am Motorrad vielleicht, das Ausprobieren“, sagt er: „Und die Leute, die man kennenlernt.“

„Noch nicht entschieden“ hat sich Diener, ob es 2020 eine weitere Saison geben wird. In der aktuellen Langbahn-WM, für die sich Diener als WM-Siebter 2018 erneut und direkt qualifiziert hat, ist er Zwölfter. Am kommenden Sonntag bestreitet er das WM-Challenge in Scheeßel und verschafft sich damit eine weitere Chance, sich für die WM 2020 einen Platz zu sichern.

Das tut man doch nicht, wenn man nicht vorhat, nochmals zu fahren, oder? Diener lächelt verschmitzt, wie immer, wenn er auf etwas nicht antworten will: „Für mich ist es wichtig, dass ich fast jeden Sonntag auf dem Bock sitze“, sagt er. Rücktrittserklärungen klingen anders.

VON SUSI WEBER

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