Staatsanwaltschaft ermittelt

Verdacht der schweren Steuerhinterziehung: Der DFB kommt nicht zur Ruhe

Verdacht der schweren Steuerhinterziehung: Der DFB kommt nicht zur Ruhe
+
Verdacht der schweren Steuerhinterziehung: Der DFB kommt nicht zur Ruhe

Die neuerlichen Hausdurchsuchungen treffen den Verband ins Mark. Das vergiftete Sommermärchen als Mutter aller Skandale.

Frankfurt - Es ist natürlich blanker Zufall, dass der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes in dieser Woche zu Gast in einem Gefängnis war. Fritz Keller steht dem mutmaßlichen Skandalverband erst seit einem Jahr vor und kann nichts für die Verdächtigungen aus der Vergangenheit. Aber der 63-jährige vielfach dekorierte Winzer vom Kaiserstuhl hat in diesen zwölf Monaten hautnah erlebt, wie schwer die Arbeit in diesem hochpolitischen Sportverband ist. Keller hat sich eine Transformation des DFB auf die Fahnen geschrieben. Der Dachverband von sieben Millionen Menschen soll sich nahbarer, weiblicher und transparenter präsentieren. Derart transparent sogar, dass eine Vergütungskommission jüngst seine präsidialen Einkünfte bestimmen und veröffentlichen durfte: 246 000 Euro im Jahr. Kellers Charmeoffensive wird jetzt durch Hausdurchsuchungen konterkariert. Sie treffen den DFB ins Mark.

Spätestens im Zuge der nach wie vor nicht aufgeklärten Sommermärchen-Affäre und der dabei in Katar versickerten 6,7 Millionen Euro aus der Kasse des gemeinnützigen Vereins ist das Image versaut - und der Verband um rund 20 Millionen Euro wegen Steuerhinterziehung ärmer. Nach wie vor anhängig ist dazu ein möglicher Prozess in Frankfurt gegen die Ex-Präsidenten Wolfgang Niersbach, Theo Zwanziger sowie den langjährigen Generalsekretär Horst R. Schmidt.

Der WM-Skandal 2006 wurde erst im Oktober 2015 mit einem Jahrzehnt Verspätung ruchbar. In dessen Folge musste der damalige Präsident Niersbach seinen Rücktritt erklären. Seinerzeit erlebten der DFB und führende Funktionäre keineswegs die erste Razzia. Schon 2011 waren Ermittler unangemeldet in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise erschienen, weil angeblich Schiedsrichter ihre Einkünfte aus Bundesligaeinsätzen nicht ordnungsgemäß versteuert hätten. Die Damen am Empfang wundern sich schon gar nicht mehr, wenn Beamte mit grimmigem Blick sofortigen Einlass erbitten.

Razzia bei DFB: Deals im Hinterzimmer

Früher war vieles einfacher. Die Medien interessierten sich in erster Linie für das Spiel an sich, Tore, Vorlagen, Auswechslungen und Trainerrauswürfe, die Hintergründe und Hinterzimmer wurden kaum ausgeleuchtet. Verband und Vereinen gleichermaßen fiel es leicht, mit Finanzämtern freundschaftlich so überein zu kommen, dass die Gemeinnützigkeit nirgendwo aufs Spiel gesetzt werden musste. Gastgeschenke und kostenlose Logenbesuche für wichtige Leute waren steuerlich und moralisch unbedenklich. Der Smart-Deal mit den Finanzkassen sparte auch dem DFB Millionenbeträge an Körperschafts-, Gewerbe- und Mehrwertsteuer.

Im Zuge der Weltmeisterschaft 2006 wurde der Fußball dann aber zu groß für kleine Finanzbeamte. Er pumpte sich auf und verlor seine Unschuld. Das ganze Land, ach was, die ganze Welt schaute auf das von Franz Beckenbauer angeführte Organisationskomitee. Der Fußball rückte aus den Sportteilen in die Politik. Die personalisierte Ticketverteilung wurde monatelang kritisch begleitet, die Stiftung Warentest rügte gar die Fluchtwege aus den Stadien. Alles fand einen gigantischen Widerhall in der Öffentlichkeit, zumal die Fifa als unmittelbarer DFB-Partner für die Ausrichtung mit ihrem damaligen Präsidenten Sepp Blatter schon lange als übel beleumundet galt. Fußball hatte plötzlich eine Bedeutung tief in die Gesellschaft und Politik hinein, der die Personen und Strukturen im Verband nicht gewachsen waren.

DFB-Skandal: Sommermärchen 2006 bleibt in Erinnerung

Es klingt paradox: So schön vielen Menschen das vergiftete Sommermärchen 2006 auch in Erinnerung geblieben sein mag: Es ist zwar für den deutschen Profifußball das Boom-Ereignis schlechthin geworden, aus dem ein im Vergleich zur Realwirtschaft weit überproportional wachsendes Milliardengeschäft wurde. Für den DFB aber wurde der Sonnensommer zur Mutter aller Skandale. Seitdem schnüffeln Medien und Behörden fast unablässig in geheimen Papieren. Der verzweifelte Versuch des Verbandes, die Büchse der Pandora durch eigene Aufklärungsbemühungen unter Präsident Reinhard Grindel zu schließen, schlug fehl: Die beauftragte Kanzlei Freshfields verschlang fast zehn Millionen Euro, aber was mit den ominösen 6.7 Millionen damals wirklich passiert ist, fanden auch die Rechtsanwälte nicht heraus.

Immer wieder wird der DFB seitdem von seiner Vergangenheit eingeholt. Es scheint auch so, als arbeiteten sich Staatsanwaltschaften und Steuerfahnder geradezu genüsslich an ihm ab - öffentlichkeitswirksame Razzien mit Live-Berichterstattung aufgeregter Reporter vor der DFB-Zentrale inklusive.

Steuerlich sauber getrennt in eingetragenen gemeinnützigen Verein und wirtschaftlich tätige GmbH hat sich der DFB bereits unter Kellers Vorgänger Grindel, vor dessen Haus im niedersächsischen Rotenburg an der Wümme am Mittwochmorgen 15 Fahnder standen und unter anderem den Computer mitnahmen. Viel dürften sie dort nicht finden. Die DFB-IT hat Grindels Server nach dessen Rücktritt im April 2019 von der geschäftlichen Korrespondenz befreit, wie es üblich ist, wenn Mitarbeiter ausscheiden. (Von Jan Christian Müller)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare