SGE

Nach Fast-Sensation gegen Chelsea: Eintracht träumt von Champions League und will gegen Mainz punkten

+
Auch für ihn war das Ausscheiden schwer zu verdauen: Eintracht-Torschütze Luka Jovic.

Beim FC Chelsea schrammt die Eintracht an der Sensation vorbei. Keine Atempause: Jetzt gilt es, gegen Mainz für den Traum von der Champions League zu punkten.

London/Frankfurt - Die recht unvermittelt daherkommende, aber durchaus berechtigte Frage schoss mitten hinein in die große Leere, ins schmerzvolle Nichts - und sie traf Fredi Bobic unvorbereitet. Ob er Angst habe, dass nun die Saison mit einem negativen Gesamteindruck beendet werde und die Eintracht auf den letzten Metern alles verspiele, wollte jemand vom Sportvorstand der Frankfurter Eintracht wissen. Eine Einlassung, die den 47-Jährigen in den Minuten der riesigen Enttäuschung schwer nervte: "Das ist mir jetzt gerade mal scheißegal", entgegnete er: "Egal, was jetzt herauskommt, es war ein überragendes Jahr."

Die Eintracht wird am 29. Mai nicht in Baku antreten, das Finale der Europa League steigt ohne die tapferen Hessen, es gibt wie in der Champions League ein englisches Duell: FC Arsenal gegen FC Chelsea. Die Eintracht war dicht dran, sie ist am Wunschziel denkbar knapp vorbeigeschrammt. "Wir hätten es verdient gehabt", befand der Sportchef. "Aber der Fußballgott war nicht auf unserer Seite."

Sehr viel bitterer als der Frankfurter Traditionsclub kann man nicht ausscheiden, der große FC Chelsea hat nach zwei 1:1-Unentschieden im Hin- und Rückspiel ein Elfmeterschießen benötigt, um den aufmüpfigen Außenseiter aus Deutschland in die Knie zu zwingen - und selbst vom Punkt lagen die Londoner schon mit 2:3 zurück, hatten die schlechteren Karten. Doch dann drehte sich das Blatt, Martin Hinteregger und Goncalo Paciencia verschossen für die Eintracht, Jorginho, David Luiz und Eden Hazard trafen für Chelsea - und schwupps waren die so hoch fliegenden Frankfurter raus und knallhart auf den Boden der Realität zurückgeholt worden. Durch vier Treffer aus elf Metern.

Zwischen Trauer und Stolz

"Wir haben den Topfavoriten fast blamiert", fasste Trainer Adi Hütter zusammen. "Wir waren mit einem Bein im Finale, deshalb ist es bitter, mit leeren Händen dazustehen." Er konnte sein Gefühlsleben selbst nicht deuten, es changierte zwischen "Traurigkeit und Stolz", klar sei nur: "Wir haben mit Leidenschaft, Herz und Haltung gespielt. Was wir geleistet haben, hat große Anerkennung gefunden - auch über Frankfurt hinaus." Selbst in England wurde die Eintracht als "Hell of a Team", als verdammt starke Mannschaft, gefeiert.

Nach dem dramatischen Aus im Halbfinale waren die Spieler untröstlich, Danny da Costa weinte hemmungslos, "es sind viele Tränen geflossen", sagte Torhüter Kevin Trapp, der zwar einen Elfmeter parierte, aber eben einen weniger als sein Gegenüber Kepa. Der leidvolle Schlussmann hatte eine "schwierige Nacht" hinter sich gebracht. "Das ist ein extrem bitteres Erlebnis." Auch die Verantwortlichen mussten sich erst einmal schütteln. Justiziar Philipp Reschke, der das Spiel kauernd auf einer Steintreppe auf der Pressetribüne verfolgte, war fix und fertig, er spülte seinen Frust mit dem einen oder anderen Bier hinunter. "Wir waren so nah dran", sagte er, tief in der Nacht. "So nah . . ." Wer weiß, wann diese Chance noch einmal wiederkommt. Bis ins Halbfinale ist es ein weiter Weg.

Die Eintracht hat in London eine herausragend gute, eine grandiose Leistung abgeliefert, sie hatte den FC Chelsea am Rande einer Niederlage, zweimal mussten die Engländer bei Versuchen von Sebastien Haller in der Verlängerung auf der Linie retten, sie lieferte einen heroischen, ja fast schon epischen Kampf, sie zeigte alles, für was diese Mannschaft steht. Mentalität, Aufopferung und die Einstellung, niemals aufzugeben.

"Es war die Haltung, wie wir sie die gesamte Saison über an den Tag gelegt haben", betonte Hütter. Die Eintracht geht als moralischer Sieger aus dem Semifinale und dem gesamten Wettbewerb hervor, sie hat die Europa League in dem Maße gerockt wie Ajax Amsterdam die Königsklasse. Beide Vertreter romantischen Fußballs in Reinkultur schieden binnen 24 Stunden auf dramatische Weise aus. Auch das gehört zum Sport, der grausam sein kann.

"Das ist unser Traum"

Die Eintracht aber hat mehr als nur ein Ausrufezeichen hinterlassen, sie hat sich selbst, aber auch den deutschen Fußball als letzter Vertreter würdig vertreten, daran sollten sich andere ein Beispiel nehmen, Bayer Leverkusen und RB Leipzig etwa. Die Frankfurter haben viele neue Anhänger gefunden, in Deutschland, aber auch in Europa. Das liegt an dieser außergewöhnlichen Mannschaft, aber auch an den Fans, die in London erneut für eine unglaubliche Stimmung und eine Gänsehautatmosphäre gesorgt haben. Noch eine halbe Stunde nach dem Abpfiff feierten die rund 3000 Anhänger ihre Mannschaft in ohrenbetäubender Lautstärke, schmetterten voller Stolz und Inbrunst aus tausender Kehlen "Europas beste Mannschaft, SGE" und sangen das Vereinslied "Im Herzen von Europa". Für einige Spieler war das zu viel, sie konnten ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Auch bei der Ankunft am Freitag in Frankfurt ließen die Fans das Team hochleben.

Zum Vergleich: Die Mannschaft des großen FC Chelsea war am Donnerstag nach dem Abpfiff rasch in der Kabine verschwunden, das Stadion schon fünf Minuten nach dem Abpfiff so gut wie leer. Für die einen wäre das Europa-League-Finale das Größte gewesen, die anderen nehmen es als Zugabe routiniert mit. Es wird ein paar Tage dauern, ehe die Frankfurter Spieler und auch die Verantwortlichen realisiert haben werden, was da eigentlich genau passiert ist an der Stamford Bridge. "Es war ein unglaublicher Ritt. Wir sind Frankfurts Stolz", sagte Bobic, der den Spielern seinen Dank aussprach und sie auf die letzten Aufgaben einschwor: Nach Europa ist vor der Bundesliga.

Am Sonntag (18 Uhr) kommt Mainz 05 nach Frankfurt. "Die Jungs werden in den letzten Spielen alles investieren", sagte Bobic und legte die Latte trotz 48 Pflichtspielen gleich wieder nach oben. "Wir haben mehr Spiele gemacht als die meisten anderen, natürlich sehe ich die Wunden. Trotzdem wollen wir in die Champions League, das ist unser Traum. Aber wir wissen, dass es verdammt schwer wird." Trainer Hütter hat angekündigt, die Rotationsmaschine anzuwerfen, weil fast alle Profis weit über ihre Grenzen hinausgegangen seien. Vielleicht kann sich das Team ja ein letztes Mal aufraffen - trotz des fast schon traumatischen Erlebnisses an der Stamford Bridge.

von Ingo Durstewitz

Englische Pressestimmen zum Zitter-Sieg des FC Chelsea über Eintracht Frankfurt in einem Elfmeter-Krimi:

Independent:"Chelsea überlebt eine toxische Nacht. Frankfurt stürmte brüllend aus den Toren, angepeitscht von ihren aufgekratzten Fans. Nachdem Liverpool und Tottenham in den vergangenen Tagen unglaubliche Willenskraft bewiesen haben, war es nur angemessen, dass dieses Match im Elfmeterschießen entschieden wurde."

The Sun:"Die schnellen, lebhaften Frankfurter mit ihrem Tempo-Fußball und unterstützt von einer aufgeladenen Fanschar haben allen einen unterhaltsamen Abend beschert. Für ein Team, das eigentlich gar nicht in der Europa League sein wollte, spielte Chelsea am Ende, als ginge es ums Überleben."

Daily Mail:"Ein weiteres Herzschlag-Finale in einer Woche, die uns alle völlig erschöpft zurück lässt. Dabei hätte sich Chelsea den Nervenkitzel ersparen können. Doch Frankfurts blauäugiger Killer Luka Jovic stiftete Chaos wie eine Katze in Chelseas Taubenschlag."

sid

Lesen Sie auch:

Transfer-Ticker: Eintracht Frankfurt jagt Nationalspieler

Wer verlässt Eintracht Frankfurt und wer stößt neu zum Team? Die SGE ist am Kölner Drexler und einem Nationalspieler interessiert.

Eintracht-News: Mit Haller in den Saison-Endspurt? – Rode droht Saison-Aus 

Wer ist verletzt, wer krank und was gibt es sonst Wissenswertes über die Adler? Haller könnte der Eintracht im Saison-Endspurt noch helfen, Rode droht hingegen nach seiner schweren Verletzung das Saison-Aus.

Martin Hinteregger: "Es tut mir richtig weh"

Er ist der Pechvogel des Abends bei Eintracht Frankfurt: Martin Hinteregger ist nach dem verschossenen Elfmeter gegen den FC Chelsea deprimiert.

Kommentare