Tempo statt Null-Bock-Mentalität

Löw beginnt endlich mit dem Umbruch - und bringt die jungen Wilden 2.0

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Trotz Niederlage ein Schritt nach vorne: Joachim Löw mit der deutschen Nationalmannschaft.

Wieder eine Niederlage der deutschen Nationalmannschaft! Und doch hatte jeder nach dem Frankreich-Spiel das Gefühl: Es tut sich endlich was beim DFB. Ist der Umbruch eingeläutet?

Paris - Zugegebenermaßen, viele deutsche Fans, die das Nations-League-Spiel ihrer Nationalmannschaft gegen Frankreich an diesem Dienstagabend eingeschaltet hatten, taten das mit den kleinst möglichen Erwartungen. Nicht wenige hofften vermutlich sogar auf eine ordentliche Prügelstunde durch den amtierenden Weltmeister. Joachim Löw hatte spätestens mit dem 0:3-Debakel gegen Erzfeind Niederlande jeglichen Kredit der letzten Jahre verspielt. Der nach der WM groß angekündigte Umbruch blieb aus. Null-Bock-Mentalität statt Aufbruchstimmung. Einschlaf-Fußball statt Turbo-Zünder. 

Joachim Löw musste sich in den letzten Tagen und Wochen, zu Recht, vieles anhören und gefallen lassen. Ausgerechnet gegen den Weltmeister Frankreich (1:2), gegen die „Mopeds“ Kylian Mbappé und Antoine Griezmann wagte er endlich den lange ersehnten Startschuss für einen möglichen Umbruch. Oder besser gesagt: Er gab endlich den jungen Spielern das Vertrauen, stellte sein System um und gab den deutschen Fußball-Fans damit etwas, was sie lange vermisst hatten: Hoffnung, dass man die DFB-Elf doch noch nicht gänzlich abschreiben muss. 

Joachim Löw: Umbruch 2.0 - Die neuen Schweinsteigers und Lahms? 

Viele haben es vielleicht vergessen, doch Joachim Löw kann Umbruch. Er kann das sogar richtig gut, er hat es in den letzten vier Jahren nur schlichtweg scheinbar selbst vergessen. Bei seinem Amtsantritt 2004, damals als Co-Trainer noch im Schatten von Jürgen Klinsmann, fand Löw eine deutsche Nationalelf vor, die kurz davor stand, in der fußballerischen Bedeutungslosigkeit zu verschwinden. Zwar hatte Deutschland zwei Jahre zuvor das WM-Finale in Japan erreicht, doch wenn man ehrlich war, entsprach das nicht dem damaligen Leistungsstand der DFB-Elf. 

Denn den bekam die Welt knapp zwei Jahre später zu sehen. Die EM 2004 endete mit einem krachenden Vorrunden-Aus, auf Rudi Völler folgten besagter Klinsmann und Löw. Und die läuteten einen überfälligen Umbruch ein. Per Mertesacker, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski - sie sollten Deutschland wieder in die Weltspitze führen. Aus heutiger Sicht kann man sagen: Der Umbruch ist mehr als gelungen. Nun muss Löw erneut das DFB-Team umkrempeln. Natürlich ist die Lage (noch) nicht so prekär wie 2004, doch die Parallelen sind unverkennbar. 

Lange, viel zu lange hat derWeltmeister-Trainer von 2014 damit gewartet, das Spiel lässt allerdings Grund zur Hoffnung auf Besserung zu. Statt Mertesacker soll Niklas Süle die neue Säule in Deutschlands Innenverteidigung bilden, statt Lahm soll Joshua Kimmich in eine Führungsrolle der Mannschaft schlüpfen, statt Podolski soll Leroy Sané die gegnerischen Defensivreihen unsicher machen. Dass es funktionieren kann, hat das Spiel gegen Frankreich gezeigt. 

DFB-Team: Sané, Werner, Gnabry - Das ist innovativ, das ist temporeich, das ist gut 

Gegen Frankreich brachte Löw gleich fünf neue Spieler von Beginn an und rückte ab von seinem klassischen 4-2-3-1-System. Ein System, das in dieser Form im Weltfußball fast ausgestorben zu sein scheint. Stattdessen setzte er auf ein 3-4-3, was bei gegnerischem Ballbesitz zu einem 5-4-1 wurde. Das Ziel: Bei eigenem Ballbesitz vorne genügend Anspielstationen und vor allem Tempo haben, hinten aber zu jeder Zeit Zugriff auf die Offensivkünstler der Franzosen bekommen. Über weite Strecken klappte das auch sehr gut, die Defensive ließ wenig zu und in der Offensive sorgte das Trio aus Leroy Sané, Timo Werner und Serge Gnabry für ordentlich Alarm. 

Sie brachten das Tempo ins Spiel der Deutschen, was Thomas Müller und Mark Uth im Holland-Spiel schmerzlich vermissen ließen. Auch in der Defensive standen mit Thilo Kehrer und Süle endlich Spieler auf dem Platz, die zumindest in Ansätzen mit dem Turbo eines Mbappé mithalten können. Denn auch Mats Hummels glich an diesem Dienstagabend mehrfach einem taumelnden Boxer, wenn er Tempo aufnehmen oder die schwindelerregenden Dribblings der Flitzer-Franzosen verteidigen musste. 

Generell war Tempo das große Stichwort in diesem Aufeinandertreffen zwischen Ex-Weltmeister und amtierenden Weltmeister. Spätestens die letzte Saison hat gezeigt, wie wichtig Geschwindigkeit und schnelles Umschaltspiel im letzten Drittel des Feldes ist. Wer früh den Ball gewinnt und schnell umschaltet, kommt leichter zu Toren. Das ist wahrlich nichts Neues im Fußball. Es ist aber sehr wohl was Neues in der deutschen Nationalmannschaft. Und mit Sané, Werner und Gnabry brachte Löw diese Spritzigkeit endlich auch von Beginn an auf den Rasen. Trainer-Pioniere wie Pep Guardiola, Maurizio Sarri oder Jürgen Klopp haben das schon längst in ihren Klubs etabliert. Denn das ist innovativ. Das ist temporeich. Das ist gut. 

Joachim Löw: Das Frankreich-Spiel als Basis nehmen 

Nicht vergessen werden darf natürlich, dass das Spiel in Paris mit 1:2 verloren wurde. Man darf aber ebenfalls nicht vergessen, dass diese Niederlage durchaus unglücklich war. Im Gegensatz zur Partie in Amsterdam, das laut Hummels auch 3:0 für Deutschland hätte ausgehen können, hatte das Team von Jogi Löw gegen Frankreich tatsächlich mehr verdient als das Ergebnis offenkundig zeigt. Das Spiel gegen den Weltmeister muss als Basis gesehen werden, als Grundlage für den von Löw nach der blamablen WM groß angekündigten Umbruch, der zu lange auf sich warten ließ. 

Ob Löw diese junge Truppe, die mit 25,36 Jahren im Schnitt im Übrigen ganze zwei Jahre jünger war als noch die Startelf gegen die Niederlande, aus voller Überzeugung oder aber aus Trotz auf den Rasen schickte, wird nur er selbst wissen. Wichtig sind aber die Erkenntnisse dieses Spiels. Deutschland kann deutlich mehr als das trostlose Kalenderjahr 2018 vermuten lässt. Dass das deutsche Spiel noch fehlerhaft und von einigen Missverständnissen und Ungenauigkeiten geprägt war, ist nur logisch. Doch schenkt Löw den neuen jungen Wilden in den nächsten Wochen und Monaten sein Vertrauen, kann Deutschland peu à peu wieder näher zu den Großen des Fußballs aufstoßen. 

Noch ist die DFB-Elf ein gutes Stück von der Weltspitze entfernt. Auch das hat die Partie gegen die keinesfalls überragend aufspielenden Franzosen bewiesen. Entscheidend ist aber, dass Löw nun diesen Weg der Verjüngung und der spielerischen Innovation weitergeht. Denn erst dann ist es auch wirklich ein Umbruch. Erst dann kann das Dienstagabendspiel als Grundstein gesehen werden. Ob diese junge Generation um Kimmich, Sané und Süle die neuen Lahms und Schweinsteigers des deutschen Fußballs sein können, wird sich zeigen. Weitere Chancen haben sie in jedem Fall verdient. Und Löw kann Umbruch, das hat er bewiesen. Nun muss er es wieder beweisen. 

nc

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