„Das war destruktiv“

Eintracht-Ultras sorgen für Pyro-Eklat in Mainz und beleidigen eigenen Kapitän

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Spieler von Frankfurt und Mainz stehen vor Spielbeginn in Rauch von Pyrotechnik, die Eintracht-Fans gezündet haben.

Eintracht Frankfurt geht auf Distanz zu Ultragruppierung: “So kann es nicht weitergehen“. Die Situation zwischen „Fans“ und Verein droht zu eskalieren.

Frankfurt - Nachdem auch der 16. Versuch, in Mainz einen Dreier zu holen, kläglich gescheitert war, übten sich die Frankfurter Anhänger und ihre Mannschaft doch tatsächlich im Schulterschluss. Die Eintracht-Spieler trotteten also nach dem ernüchternden 1:2 bei den Nullfünfern einträchtig vor die Fankurve, stellten sich in Reih und Glied auf und bedankten sich artig klatschend für den Support – oder was auch immer.

Das war vielleicht nicht die allerbeste Idee, sehr viel besser wäre es gewesen, wenn die Mannschaft ein Zeichen gesetzt und auf den obligatorischen Gang zu den Anhängern verzichtet hätte. So aber sendeten sie ein verheerendes Signal. Denn auch am Montagabend sind die Ultras mal wieder ordentlich aus der Rolle gefallen und haben, wie Vorstand Axel Hellmann sagte, „kein gutes Bild abgegeben“. Man könnte es auch sehr viel drastischer formulieren.

Eintracht Frankfurt: Ultras zünden Bengalos

In Mainz ist eine neue – die wievielte eigentlich? – Eskalationsstufe gezündet worden, im Schnelldurchlauf spielte sich das in etwa so ab: Erst wurden ein paar Bengalos entzündet, dann detonierte ein Kanoneschlag, Leuchtkörper flogen auf den Rasen und verbrannten ihn, Rauch stieg massiv auf, weshalb Schiedsrichter Manuel Gräfe die Mannschaften wieder in die Kabine schickte und die Partie erst mit zehnminütiger Verspätung anpfeifen konnte. Es war eine bewusste Aktion der einflussreichsten Fangruppierung. „Das war keine Botschaft, das war destruktiv“, urteilte Vorstand Hellmann.

Eintracht Frankfurt in Mainz: Bengalos werden im Frankfurter Fanblock abgefackelt und auf den Rasen geworfen, die Spieler verlassen daraufhin den Platz.

Doch damit nicht genug, der um Schlichtung bemühte und vor die Fankurve eilende Sebastian Rode wurde anschließend von einigen Unverbesserlichen auch noch beschimpft. „Sie haben selbst zu mir gesagt: Verpiss dich“, hatte der 29-Jährige im Kabinengang dem Schiedsrichtergespann mitgeteilt; Rode, ein Junge der Region, trug an diesem Abend sogar die Kapitänsbinde. Dass sogar der Mannschaftsführer von den eigenen Fans verunglimpft wird, sagt viel über das Selbstverständnis der Ultras aus, die sich über einzelne Spieler, das Team und gar den Klub stellen und versuchen, die Vereinspolitik zu diktieren oder halt zu torpedieren.

Eintracht Frankfurt: Rode äußert sich zum Konflikt mit den Ultras

Spielführer Rode, der die Binde in Vertretung von David Abraham und Makoto Hasebe trug, äußerte sich anderntags in den Sozialen Netzwerken und teilte mit, dass er Pyrotechnik per se nicht gutheiße und er der Meinung sei, dass „diese Fans dem Verein leider einen Bärendienst erwiesen haben“. Dann jedoch folgte das große Aber: „Ein ,Verpiss dich‘ von ein oder zwei Leuten auf einem Fußballplatz nehme ich nicht als Beleidigung von einer ganzen Fangruppe wahr“, schrieb der Mittelfeldspieler. „Ich glaube, es tut allen gut, hier mal den Ball flachzuhalten.“ Und an die Pressevertreter gewandt gab es einen Ratschlag obendrauf, nämlich den, nicht aus „einer Mücke einen Elefanten zu machen“. Ein allemal diskussionswürdiger, weil fast schon anbiedernder Beitrag den Ultras gegenüber.

Vorstand Hellmann sieht es nicht ganz so oberflächlich. „Das, was da passiert ist, schadet Eintracht Frankfurt“, sagte der 48-Jährige und bekundete nachdenklich: „Dass es eine Gruppe gibt, die glaubt, ausscheren zu müssen, besorgt mich sehr.“ Er habe den Eindruck gewonnen, dass es eine Abordnung der Ultras darauf angelegt habe, „wieder mehr zu provozieren“. Der Jurist ist der Überzeugung, dass dieser neue Vorfall „ein Rückschritt“ sei. „Es bleibt der Schaden. Auf dem Weg können wir nicht weitermachen, so kann es nicht weitergehen, sonst führt es uns in alte Zeiten zurück.“ Auf den Dialog will er dennoch nicht verzichten.

Eintracht Frankfurt: Ultras wollten Muskeln spielen lassen

Klar ist, dass die Ultragruppierung heterogen ist, es junge Nachrücker und alte Platzhirschen gibt, Grabenkämpfe und Machtspiele sind mittlerweile nicht unüblich. Ganz offensichtlich wollte dieser mächtige Teil der Fans mal wieder ein Statement abgeben, die Muskeln spielen lassen und nachhaltig auf sich aufmerksam machen.

Und genauso deutlich ist, dass sich die Ultras von der Vereinsführung, in erster Linie von Sportvorstand Fredi Bobic, provoziert fühlen. Der hatte die Verpflichtung des umstrittenen Andreas Möller als Chef des Nachwuchsleistungszentrums durchgesetzt – gegen den Willen der Ultras. Bobic hatte nach der anhaltenden Kritik der Anhänger zudem wenig diplomatisch erklärt: „Ihre Meinung interessiert mich nicht.“ Und: „Wer gegen Möller ist, ist auch gegen mich.“ Der Konflikt hatte sich in den vergangenen Wochen zugespitzt.

Erst während des letzten Heimspiels gegen Wolfsburg machten die Ultras auf Flyern mobil. Sie wetterten gegen das Event-Publikum und das „übertriebene Abfeiern“ einzelner Spieler wie etwa Martin Hinteregger. „Das ist gegen die Gepflogenheiten der Fankurve.“ Die ständigen Hinti-Sprechchöre seien eine „bedenkliche Entwicklung“. Zudem beklagten sie sich erneut gegen die Kommerzialisierung des Klubs, der die Ultras mit Kampagnen vor den eigenen Karren spanne. „Das führt zu einer Ausschlachtung unseres Auftritts im Stadion.“

Von Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

Auf dem Platz lief es für die Eintracht ähnlich schlecht in Mainz wie neben dem Platz. Frederik Rönnow liefert dabei trotzdem immer gute Leistungen ab, auch am Montag.Im exklusiven Interview spricht er über sein Verhältnis zu Kevin Trapp, die Schnelllebigkeit des Geschäfts und Starkult. 

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