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Eintracht Frankfurt: Coronavirus verändert den Transfermarkt - und schafft so neue Chancen

Muss neu denken: Eintracht-Vorstand Fredi Bobic. 
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Muss neu denken: Eintracht-Vorstand Fredi Bobic. 

Eintracht-Sportchef Fredi Bobic wird bei den Transfers im Sommer wieder mehr Fantasie zeigen müssen - das Gute daran: Er kann das.

  • Bundesliga pausiert in der Corona-Krise
  • Eintracht Frankfurt plant die neue Saison
  • Fredi Bobic glaubt an veränderten Transfermakt wegen Coronavirus

Der Frankfurter Sportchef Fredi Bobic ist in diesen entschleunigten, aber dennoch unruhigen Tagen omnipräsent. Zwar aus sicherer Entfernung, per Videoschalte oder Telefoninterview, aber der 48-Jährige tritt häufig in Erscheinung, versucht, Sachverhalte darzulegen und Vorgänge zu erklären. Er versteht sich in der Krise als deren Manager, und der im slowenischen Maribor geborene Schwabe mit Wohnsitz in Berlin und Lebensmittelpunkt in Frankfurt macht das gut. Unaufgeregt, sachlich, gemäßigt.

Nun hat er dem „Spiegel“ interessante Einblicke darüber gegeben, wie sich seiner Meinung nach der Transfermarkt in diesem Sommer verändern wird. „In dieser Situation“, sagt er also, „sind Managementqualitäten gefragt.“

Corona-Virus verändert den Transfermarkt

Dass nichts mehr so sein wird wie zuvor oder zumindest nicht wie in den vergangenen Jahren, als das Prinzip „Höher-Schneller-Weiter“ galt und gnadenlos umgesetzt wurde, als kein Preis zu hoch und kein Spieler unverkäuflich war, liegt auf der Hand. Die Corona-Umklammerung treibt viele Vereine in eine bedenkliche Schieflage, manche gar an den Rand des Konkurses, andere vielleicht sogar wirklich in den Ruin. Irrationale Preise, wahre Unsummen können und werden nicht mehr gezahlt, Ablösen in Höhe von 50, 60 Millionen sind größtenteils utopisch.

Vielleicht wird es einige wenige hochpreisige Transfers jener Vereine geben, die ohnehin zu den Big Playern zählen und weiterhin potent sind, doch Insider gehen davon aus, dass selbst Spitzenspieler „nur“ noch 20 Millionen Euro bringen würden. Der Markt reguliert sich selbst, die Bewegungen werden überschaubar sein.

Eintracht Frankfurt: Fredi Bobic hat sich gewappnet

Wie genau das letztlich aussehen wird, wissen die Manager noch nicht, selbst der mit allen Wassern gewaschene Fredi Bobic nicht, der eigentlich ein gutes Gespür dafür hat, was geht und ob etwas geht und welche Entwicklungen bevorstehen. „Doch dieses Gefühl ist weg“, sagt der frühere Nationalspieler. Einfach deshalb, weil niemand auch nur die geringste Erfahrung mit einer Situation wie dieser hat. Da ist nur eine große Ungewissheit.

Seriös lässt sich nicht abschätzen, ob wieder gespielt wird und wenn ja, wann. Und es ist von Land zu Land verschieden, kaum vorstellbar, dass in Italien oder Spanien die Saison zu Ende geführt wird – selbst hierzulande ist das höchst ungewiss.

Bobic hat sich gewappnet, mit seinem Team mehrere Szenarien entworfen. Die ursprüngliche Planung aber werde die Eintracht nicht halten können. „Wir hatten schon vieles von dem vorbereitet, was wir für den Kader der nächsten Saison machen wollten“, sagte Bobic, „aber das alles ist jetzt komplett für die Tonne.“

Eintracht Frankfurt wird Verlust machen

Eintracht Frankfurt wird auf einen Verlust von 25 Millionen Euro zusteuern, das ist noch der günstigste Fall, also der mit Geisterspielen und einer zu Ende geführten Runde. Andernfalls drohen weitaus höhere Einschnitte, 50 bis 70 Millionen beim Abbruch der Saison und Geisterspielen in der neuen Runde in diesem Jahr – andere, noch schlimmere Szenarien wären selbst für einen wirtschaftlich recht gut aufgestellten Klub wie die Eintracht existenzbedrohend. Da geht es dann um bis zu 120 Millionen Euro Verlust – das ist nicht aufzufangen.

Umso glücklicher kann sich der Verein schätzen, im zurückliegenden Sommer Spieler für mehr als 100 Millionen Euro transferiert und in den Markt geschickt zu haben. 70 Millionen für Luka Jovic würden die Frankfurter nun nie und nimmer mehr erzielen, und auch West Ham United würde keine 50 Millionen Euro für Sebastien Haller zahlen (können).

Fredi Bobic sieht Chance für die Eintracht in der Corona-Krise

Fredi Bobic wird im kommenden Sommer erfinderisch sein müssen. Er fragt sich daher: „Welche Spieler kann ich preiswert erwerben oder ausleihen? Auch die großen Klubs müssen sparen und ihre Ausgaben drosseln. So könnte man vielleicht einen tollen Spieler für wenig Geld bekommen.“ Falls etwas weniger Rote Zahlen geschrieben würden und also mehr Geld zur Verfügung stehen sollte, würde er einen „Schattenkader mit Spielern erdenken, die man gern verpflichten würde“. Da ist, in beiden Fällen, viel Fantasie gefragt.

Das muss nicht schlecht sein für den hessischen Bundesligisten. Denn Bobic und sein Vertrauter Ben Manga, der geachtete Chefscout und Kaderplaner, haben schon häufiger bewiesen, dass sie aus wenig sehr viel machen können. 2016 etwa kamen Ante Rebic, Jesus Vallejo, Omar Mascarell und später Marius Wolf, ein Jahr später heuerten Luka Jovic, Sebastien Haller, Danny da Costa, Kevin-Prince Boateng und Carlos Salcedo an. 2018/19 wechselten Filip Kostic, Kevin Trapp, Sebastian Rode, Evan Ndicka und schließlich Martin Hinteregger zur Eintracht. Allesamt Volltreffer.

Eintracht Frankfurt: Not macht Bobic und Co. erfinderisch

Bobic und Ben Manga waren immer dann besonders stark, einfallsreich und erfolgreich, wenn sie nicht übermäßig viel Geld zur Verfügung hatten und kreativ sein mussten. Kurioserweise war ausgerechnet vor dieser Runde die Personalpolitik suboptimal, so einen richtigen Treffer hat die Eintracht da nicht gelandet, eher für viel Zaster viele Mitläufer geholt, beispielsweise rund 20 Millionen Euro für die Mittelfeldspieler Dominik Kohr und Djibril Sow ausgegeben. Vielleicht haben sich die Chefeinkäufer auch von zu vielen Einflüssen und Meinungen anderer leiten lassen, zu viel auf Altbewährtes gesetzt und nicht mehr so sehr auf Spieler, die schlummerndes Potenzial haben, aber erst noch entwickelt werden müssen.

Nun könnte diese neue, erzwungenen Vorgehensweise auf dem Transfermarkt eine Chance sein, eine Chance zur Rückbesinnung auf die Stärken, auf das Schnüffeln nach Trüffeln, dem Graben nach Rohdiamanten. Es ist die Zeit für Korrekturen, denn die aktuelle Mannschaft wirkt unfertig, asymmetrisch und heterogen.

Zumindest eine gute Nachricht hat die schlimme Krise für die Eintracht erbracht: Filip Kostic, ihr beste Spieler, wird dem Verein wohl erhalten bleiben. 45 Millionen Euro zahlt nun keiner mehr für den wuchtigen Serben, wahrscheinlich nicht mal die Hälfte. Ein Verkauf ergibt daher keinen erdenklichen Sinn.

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