"Ein Fall Enke könnte sich jederzeit wiederholen"

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Sportphilosoph Gunter Gebauer

Berlin - Gnadenlos, heuchlerisch, heroisierend: Ein Jahr nach dem Selbstmord von Fußball-Nationaltorhüter Robert Enke rechnet Sportphilosoph Gunter Gebauer mit der Profi-Welt ab - und wagt düstere Prognosen.

Der renommierte Sportphilosoph Gunter Gebauer warnt vor grenzenloser Gier nach unverwundbaren Helden und befürchtet eine Wiederholung des Falls Robert Enke. Ein Jahr nach dem Selbstmord des Nationaltorhüters hat der Berliner Professor in einem Interview der Nachrichtenagentur dpa mit DFB-Präsident Theo Zwanziger und dem Profi-Fußball abgerechnet. “Ein Fall Enke könnte sich jederzeit wiederholen. Es ist nichts geschehen, was ihn verhindern könnte“, sagte Gebauer. Zwar gebe es in der Wahrnehmung einzelner Sportler und Zuschauer “eine gewisse Sensibilität für das Thema Depression“, aber “das Sportsystem selbst wird sich dadurch nicht verändern“.

Die Forderungen einiger Spitzenfunktionäre wie DFB-Boss Zwanziger nach der Enttabuisierung des Themas Depression ist für ihn typisch für das öffentliche “Gutmenschentum von Sportfunktionären“, die “kollektive Besserung des Sports“ versprechen. “Herr Zwanziger fühlt sich getrieben, gleich alle Probleme des Fußballs zu lösen: die Depressiven, die Schwulen, die Missbrauchten sollen sich an ihn wenden“, wetterte Gebauer, “aber hat er sich nur ein einziges Mal überlegt, was es für Folgen hat, wenn er seine breite Brust anbietet? Er ist der Letzte, der einen Menschen, schützen kann, der seine Schwäche offenbaren will. Funktionäre wie er sind am Erfolg in einer knallharten Welt interessiert und sortieren alles aus, was Misserfolg bringt. Diese beiden Seiten passen definitiv nicht zusammen.“ Zwanziger wollte sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Bilder: Die bewegende Andacht für Robert Enke

Bilder: Die bewegende Andacht für Robert Enke

Gebauer glaubt nicht, dass sich der “Kampfsport Fußball“ für Tabuthemen wie Depression oder Homosexualität öffnen kann. In diesem Mikrokosmos, bestimmt von “bedingungsloser Erfolgsorientierung“, verrate schon die Sprache der Trainer, Präsidenten, Medien und Fans Gewaltbereitschaft. “Wenn Misserfolg droht, wird der Umgang miteinander gnadenlos; dann macht Hoeneß seinen Trainer platt“, so der Wissenschaftler, “für die Beteiligten steht so viel auf dem Spiel, dass sie für Würde, Achtung, Fairness nur noch Verachtung übrig haben; sie leben in einer Welt von Wall Street III.“

Gebauer appelliert an die Verwertungsmaschinerie Fußball, die Spieler nicht zu Übermenschen aufzubauen. Das Heldenbild der Ball- Ikonen sei nicht beschädigt, aber als potenzielle Opfer der Unterhaltungsindustrie gelten die Profis als besonders gefährdet. “Die Unterhaltungsindustrie fordert Menschen, bei denen alles klappt, unter allen Bedingungen. Was sie überhaupt nicht duldet, ist Misserfolg aus Schwäche, aus welcher Schwäche auch immer“, meint Gebauer, “es stehen stets Nachfolger bereit, wenn der große Entertainer eine Schwächeperiode hat - siehe Michael Ballack.“

Auch das Geschäft mit dem Tod prangert er an. Im Zeitalter der Eventisierung wurde Enkes bewegende Trauerfeier gleich von mehreren TV-Sendern live übertragen. Am Rand der Zeremonie wurden sogar Enke- Trikots verkauft. Gebauer: “Auf den Tod folgte die große Trauer-Show. Und danach war das Gewissen wieder rein: Es konnte wieder losgehen - wie nach einem schweren Verkehrsunfall.“

Tod, Verehrung und Kommerz würden längst eine Einheit bilden. “Trauer wird zu einem Element der Popkultur Fußball. Die Medien veranstalten ein Wettrennen um die Trauerfeier. Ob es morbide Freude am Tod oder emotionale Betroffenheit ist - sie macht kauffreudig“, so Gebauer, “in der Popkultur vermarkten Väter von gestorbenen Helden deren Nachlass. Witwen schreiben Bestseller über das Sterben ihrer berühmten Männer. Tröstende Objekte, Devotionalien, biografische Bücher stellen für die Bewunderer eine gefühlte Nähe zu ihrem Helden her. Die Erinnerungskultur funktioniert in allen Bereichen gleich.“

Bei aller Einsicht, dass eine gnadenlose Behandlung durch Medien und Fans tief ins Innere eines Athleten dringen und ihn verstören und zerstören kann, habe sich nichts geändert. Schwäche werde nach wie vor grausam abgestraft. “Wer angesichts von maßlosen Erwartungen nicht die Bodenhaftung verliert und sein Können weiterentwickelt, braucht außergewöhnlich starke innere Ressourcen“, betonte Gebauer, “Thomas Müller und Mesut Özil scheinen diese Kraft zu besitzen. Aber die meisten Spieler halten solchem Druck nicht stand. Sie glauben an das, was über sie gesagt wird; sie leben in der Angst, diesem Bild nicht entsprechen zu können. Und stürzen ab.“

Sven Busch, dpa

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