Biografie über Enke: "Ich spüre nichts mehr"

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Robert Enke bei der Nationalmannschaft im September 2009, rund zwei Monate vor seinem Tod

Frankfurt/Main - "Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben" von Ronald Reng verrät viel über das oft schwierige, aber nicht selten auch schöne Leben des einstigen Fußballprofis. Und es verrät auf 427 Seiten viel über den Profifußball.

“Wenn du nur einmal eine halbe Stunde meinen Kopf hättest, dann würdest du verstehen, warum ich wahnsinnig werde.“ Der erschreckende Satz, den Robert Enke einmal zu seiner Frau Teresa gesagt hat, ist eines von vielen Details, das hängen bleibt von der Biografie des verstorbenen Nationaltorwarts. “Robert Enke. Ein allzu kurzes Leben“ von Ronald Reng verrät viel über das oft schwierige, aber nicht selten auch schöne Leben des einstigen Profis von Hannover 96. Und es verrät auf 427 Seiten viel über den Profifußball.

Das Buch steht wenige Tage vor Enkes erstem Todestag nach seinem Selbstmord in einigen Bestsellerlisten. Eine der letzten Seiten beschreibt jenen 10. November 2009, als Teresa erfährt, dass ihr Mann den ganzen Tag unterwegs war, obwohl kein Training anstand. “Durchsuch sofort sein Zimmer, ob du einen Abschiedsbrief von ihm findest“, sagt Manager und Freund Jörg Neblung am Telefon panisch zu Enkes Frau. Sie rennt die Treppe hoch ins Schlafzimmer und wischt die Zeitschriften vom Nachttisch, ein weißes Blatt fällt heraus. “Liebe Terri, es tut mir leid, dass...“

Enkes “Depri-Ordner“, wie dieser sein Tagebuch nannte, seine eigenen Begegnungen mit dem Fußballer, viele lange Gespräche mit Teresa und Interviews mit Wegbegleitern sind Rengs Quellen. Daraus wurde ein akribisches, feinfühliges Werk, das Enkes Stationen von Jena über Mönchengladbach, Lissabon, Barcelona, Istanbul und Teneriffa bis Hannover aufzeichnet - und tiefe Einblicke in sein Innenleben gibt. Nicht alle Protagonisten kommen dabei gut weg. Über den heutigen Bayern-Coach Louis van Gaal, bei dem Enke einst bei “Barça“ trainierte, sagt er mal: “Er hat im ganzen Jahr nie mit mir geredet.“

Bilder: Die bewegende Andacht für Robert Enke

Bilder: Die bewegende Andacht für Robert Enke

Fast wie ausgelöscht sind seine drei glücklichen Jahre in Lissabon, bevor Enke in Barcelona scheitert. Er geht dort zum ersten Mal zu einem Psychologen und Psychotherapeuten, wechselt kurz darauf zu Fenerbahce Istanbul, löst dort schnell seinen Vertrag auf. “Ich habe nur noch Angst“, sagt er zu seinem Torwarttrainer Eike Immel. Erstmals bricht 2003 die Depressions-Krankheit aus. “Ich werde bald verrückt, denke oft an...“, schreibt Enke in sein Tagebuch. Er lässt sich behandeln, seine Teresa wird schwanger. Es ist mehr ein Ab als ein Auf, aber es gibt auch ungemein glückliche Momente. “Ich hab' gelacht und getanzt - unglaublich!“, heißt es an Silvester.

Sportlich kommt Enke beim spanischen Zweitligisten Deportivo Teneriffa wieder auf die Beine, ehe er bei 96 in der Bundesliga die Nummer 1 wird und bis in die Nationalmannschaft durchstartet. Tochter Lara wird herzkrank geboren, stirbt nach einer Ohrenoperation. Sechs Tage später steht Enke wieder zwischen den Pfosten. Die zweite Depressions-Phase kommt 2009 - und unvermittelt. Enke sagt zu Neblung am Telefon: “Ich spüre nichts mehr. Keine Nervosität, keine Freude, nichts.“ Alles ist eine große Anstrengung für den damals 32-Jährigen, selbst die Wahl zwischen Pflaumen- oder Käsekuchen bei einem Kindergeburtstag.

Enke lässt nur schwer jemand an sich heran. Nicht einmal seinen Vater Dirk, einen promovierten Psychotherapeuten. “Robbi“, sagt später sein Freund Marco Villa, hatte zwei Träume: “Die Weltmeisterschaft und sich outen. Und er wusste, beides ging nicht.“ Enke nimmt Stimmungsaufheller, kommt aber bei einem Nationalmannschafts-Lehrgang kaum aus dem Bett. “Denke an S.“, schreibt er. Er fährt stundenlang durch Köln. “Ich habe geschaut, wo ich mich umbringen könnte“, sagt er zu Teresa. Er weigert sich einweisen zu lassen: “Ich bin Nationaltorwart, ich kann doch nicht in eine Klinik gehen.“

Im Klappentext der Biografie rätselt Reng, der mit Enke freundschaftlich verbunden war: “Welche Kraft musste seine Krankheit gehabt haben, um solch einen Menschen in den Tod zu treiben?“ Der in Barcelona lebende Schriftsteller und Autor hat aber auch den wunderschönen Seiten von Enkes Vita Platz eingeräumt: der ungemein starken Liebe zwischen ihm und Teresa, seinem formidablen Umgang mit Mitspielern: Ausgerechnet zu seinem Nationalmannschaftskonkurrenten René Adler verbindet ihn ein herzliches Verhältnis. Den Stuttgarter Torhüter Sven Ulreich ruft er einmal an und spricht ihm Mut zu, als der Bundesliga-Neuling öffentlich von seinem Trainer Armin Veh kritisiert wird.

Die bundesweite Teilnahme nach Enkes Tod mit der Trauerfeier in Hannovers Stadion spielt kaum mehr eine Rolle in dem Buch. Dass der Sarg dort aufgebahrt wurde, kommentiert Mutter Gisela aber doch: “Da dachte ich mir: Mensch, er ist doch nicht Lenin.“

Ulrike John, dpa

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