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Sprechstunde bei Dr. Merkel

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Bundeskanzlerin Angela Merkel
Gibt Ratschläge für alle Lebenslagen: Angela Merkel bei der Bürgerfragestunde. © dpa

Berlin - Premiere im Privatfernsehen: Mit Angela Merkel stellte sich gestern Abend erstmals ein deutscher Regierungschef einer Bürgerfragestunde nach amerikanischem Vorbild. Ein TV-Format mit hohem Unterhaltungswert – und hohem Risiko.

Für eine Bürgersprechstunde ist es ein recht aufwändiger Rahmen: 30 Scheinwerfer und ein Dutzend Kameras und Mikrofone sind auf die Kanzlerin gerichtet. Stylisten sorgen sich um die Haarpracht der Hauptdarsteller, Sicherheitsleute beobachten das Publikum. Die hundert handverlesenen Normalbürger, die am Sonntagabend ab 21.45 Uhr im Mittelpunkt stehen, werden vorab gründlich gefilzt: erst von der Fernsehredaktion, dann vom Bundeskriminalamt.

Merkels Mimik

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Der Termin ist nicht ungefährlich für Angela Merkel : 75 Minuten stellt sich die Regierungschefin den Fragen der Bürger, zur besten Sendezeit auf RTL. Volk trifft Kanzlerin, das ist eine Premiere im deutschen Fernsehen. Das neue TV-Format soll die Machthaber wieder näher ans Volk bringen. Pate steht US-Präsident Obama , der im Wahlkampf mit „Townhall-Meetings“ (Rathaus-Treffen) auf Stimmenfang ging.

Anders als Obama, der locker plaudernd durch Fernsehstudios spaziert, sitzt Merkel freundlich lächelnd in einem zu großen Sessel und nimmt Fragen aus dem Publikum entgegen. Ein Opel-Arbeiter ist mit seinen Sorgen gekommen, eine junge Frau ist da, die mit 1116 Euro im Monat fünf Kinder durchzubringen hat, und eine Mutter, die beim Amoklauf in Winnenden ihre einzige Tochter verloren hat. Die Kanzlerin im rosenholzfarbenen Blazer hört sich geduldig die Nöte der Menschen an, spricht lange, widerspricht häufig, aber versprechen tut sie nichts. Weder bei Steuern und Gesundheit, noch bei Bildung oder Opel. „Bis jetzt ist gar nix in die Hose gegangen“, hält sie dem Arbeiter aus Rüsselsheim entgegen, der beklagt, der Bund fahre den Konzern mit Karacho an die Wand. „Ich kann Ihre Angst echt gut verstehen. Meine Bitte: Halten Sie weiter durch.“ Die Kanzlerin zeigt Mitgefühl, erklärt, wo die Grenzen der Politik sind, wo alle Möglichkeiten ausgereizt seien, wie etwa beim Waffenrecht.

Die Hausfrau, der Fließbandarbeiter, der Kinderarzt: „Wir haben Menschen ausgewählt, die mit ihren Problemen stellvertretend stehen für viele andere in Deutschland “, sagt RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel, der die Sprechstunde gemeinsam mit seiner Kollegin Maria Gresz von „Spiegel TV“ moderiert. Die Kanzlerin habe nicht gewusst, was auf sie zukommt, versichert Kloeppel. „Es gab keine Bedingungen, keine Absprachen.“ Erstaunlich, denn gewöhnlich legt das Kanzleramt im Umgang mit Medien Wert auf größtmögliche Kontrolle. „Zuschauer fragen – Bundeskanzlerin Merkel antwortet“, heißt der Titel der Sendung. Doch oft ist es umgekehrt: Merkel stellt die Fragen, die Zuschauer antworten. Da ist zum Beispiel Dennis Schubert, 21, aus dem nordhessischen Baunatal, der sich über das Arbeitsamt beklagt. „Was haben Sie gelernt?“, will Merkel wissen. „Nichts“, lautet die Antwort des Arbeitslosen. „Das wäre doch jetzt mal die Stunde dazu“, sagt Merkel etwas schnoddrig und beginnt mit der Berufsberatung: „Irgendwas Technisches? Etwas im Pflegebereich?“ Der junge Mann ist verblüfft. Er merkt an, dass zumindest seine Frau etwas Geld verdiene. Merkel kontert: „Auf eine gut verdienende Frau allein kann man auch nicht hoffen.“ Ob Ehe, Finanzamt, Kindergarten – Dr. Merkel gibt Rat für alle Lebenslagen.

Erstmals erfährt das deutsche Fernsehpublikum, wie die Aufgaben im Hause Merkel verteilt sind: Die Kanzlerin hat keine Bügelhilfe, ist deshalb auch für das Zusammenlegen der Wäsche und die Befüllung der Waschmaschine zuständig – Jobs, die Joachim Sauer gerne seiner Gattin überlässt. „Ich habe einen Mann, der mich nicht nur hätschelt und tätschelt.“

75 Minuten Frage und Antwort – Angela Merkel übersteht die Zeit unfallfrei. Am Ende der Sprechstunde ist es Moderator Kloeppel, der sich einen schweren Patzer leistet: Ausgerechnet der vorletzte Fragesteller, der aufgerufen wird, entpuppt sich als linientreuer CDU -Fan: „Ich wollte herzlichen Dank sagen, dass Sie unsere Kanzlerin sind“, flötet der junge Mann. „Ohwei, jetzt haben wir den Richtigen erwischt“, stöhnt Kloeppel und blickt genervt zu Merkel: „Ist das ein Enkel von Ihnen?“ Die kinderlose Kanzlerin, 54 Jahre alt, ist sichtlich empört. Nur wenige Minuten zuvor war sie gefragt worden, wie sie mit Satire umgehe: „Ich bemühe mich zu lachen.“

Holger Eichele

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