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Ukraine im Konflikt mit Russland: US-Botschaft in Kiew versagt bei Meme-Diplomatie

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Von: Sonja Thomaser

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Ein Blick auf die US-Botschaft in Kiew.
Ein Blick auf die US-Botschaft in Kiew. © Andrew Kravchenko/dpa

Die US-Botschaft in Kiew versucht, Wladimir Putins Rede über die Geschichte der Ukraine mit einem Meme zu widerlegen - und das misslingt.

Kiew - Die US-Botschaft in der Ukraine*, die kürzlich von Kiew nach Lemberg verlegt wurde, löste am Dienstag (22.02.2022) eine Debatte aus. Grund für die Diskussion war ein Meme, das sie angesichts des russischen Einmarschs in die Ukraine posteten. Aber diese sogenannte „Meme-Diplomatie“ gelang nicht wirklich. Denn die Debatte war nicht das, was die Botschaft im Sinn hatte, da sich die Diskussion mehr um die Qualität des Memes als um den Inhalt drehte.

Der Twitter-Account der US-Botschaft Kiew postete ein Bild, das den Unterschied in der Entwicklung zwischen Kiew und Moskau zwischen den Jahren 996 und 1108 nach unserer Zeitrechnung zeigt. Die Bilder von Kiew aus dieser Zeit zeigen reich verzierte Kirchen, Klöster und Kathedralen, während Moskau durch einen Wald dargestellt wird.

Ukraine-Konflikt: Meme sollte Behauptungen aus Putins Rede widerlegen

Das Meme sollte Behauptungen von Wladimir Putin* über die Geschichte der Ukraine widerlegen, die er am Montag (21.02.2022) in einer Ansprache darlegte*, die von historischem Revisionismus durchsetzt war. Putin sagte: „Die moderne Ukraine wurde vollständig von Russland* geschaffen, genauer gesagt, dem bolschewistischen, kommunistischen Russland. Dieser Prozess begann unmittelbar nach der Revolution von 1917.“ Weiter führte der russische Präsident aus: „Die Ukraine hatte nie eine Tradition echter Staatlichkeit“, und wies jede Vorstellung von ukrainischem Nationalismus zurück.

Viele lobten den Tweet der US-Botschaft. Der konservative Kommentator Charlie Sykes nannte die Aktion einen „epischen Troll“, während die Politikwissenschaftlerin Laura Seay sagte: „Das ist diplomatisches Trolling von hoher Qualität.“ Doch nicht alle waren beeindruckt.

Meme-Fail der US-Botschaft: „Versehentlich die Erzählung des Gegners verstärkt“

Gregg Carlstrom vom Economist schrieb: „Eine Botschaft, die vor einigen Wochen evakuiert wurde und versucht, eine Militärinvasion mit einem frechen Meme zu beantworten, das versehentlich die Erzählung des Gegners verstärkt, ist der Höhepunkt einer langen Reihe von Trends in der Außenpolitik der USA*, von denen keiner gut ist.“

Grund für die Kritik ist, dass sich Putin schließlich in seiner Rede auf den Aufbau der modernen Ukraine bezog - nach 1917. Diese Behauptung wird nicht mit ein paar Bildern von Kathedralen aus den Jahren 996 bis 1108 widerlegt. Im Gegenteil: Man könnte das Meme sogar so auslegen, dass es Putins Behauptungen unterstützt, da es keine Beispiele für moderne Errungenschaften der Ukraine liefert und es so aussieht, als ob die Ukraine aus eigener Kraft nach dem frühen Mittelalter nichts mehr erschaffen habe. Oder eben generell nichts erschaffen habe außer Kirchen.

Der Autor der National Review, Michael Brendan Dougherty, argumentierte: „Aus russischer Sicht beweist dieses Meme die These von Putins Ausführungen über ihre Beziehungen.“ Ben Judah, Senior Fellow des Atlantic Council, antwortete: „Ich persönlich würde es vermeiden, dass die amerikanische Diplomatie dieses ethno-mittelalterliche Territorium betritt, und löschen.“

Russlands Botschaften sind bekannt für ihr erfolgreiches und gelungenes Internet-Trolling. Die US-Botschaft in Kiew, die nun bald wieder nach Polen verlegt wird, sollte das wohl eher Expert:innen überlassen. (Sonja Thomaser) *fr.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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