Pläne durchgesickert

Lira-Krise: Türkei greift zu überraschender Maßnahme - Hilft VW jetzt Erdogan? 

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Recep Tayyip Erdogan bei einem Auftritt in Istanbul Mitte Juli.

Der Präsident wünscht - die Zentralbank folgt. Die türkische Zentralbank hat in der schwelenden Lira-Krise einen ungewöhnlichen Schritt getätigt. Hilfe könnte indirekt von VW kommen.

Ankara/Wolfsburg - Die Türkei kämpft weiter mit wirtschaftlichen Problemen - ein drastischer Schritt der Zentralbank hat nun für weitere Turbulenzen gesorgt. Die türkischen Währungshüter reduzierten den Leitzins am Donnerstag um 4,25 Prozentpunkte. In der Folge verlor die Lira gegenüber dem US-Dollar nach kurzer Achterbahnfahrt zwischenzeitlich um fast ein Prozent an Wert.

Mit dem Schritt wurde offenbar der Wille des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan umgesetzt. Er hatte am Anfang Juli den bisherigen Zentralbankchef Murat Cetinkaya per Dekret entlassen, weil dieser eine Senkung des Leitzinses abgelehnt hatte. Die meisten Ökonomen waren nach dem Wechsel an der Spitze der Zentralbank zwar von einer Zinssenkung ausgegangen, hatten aber überwiegend eine Senkung nur um 2,0 bis 3,0 Prozentpunkte erwartet.

Türkei/Lira: Erdogan will Zinssenkung - Zentralbank folgt

Die Lira war im August 2018 inmitten eines Streits mit den USA um die Inhaftierung eines US-Pastors dramatisch eingebrochen. Hinzu kamen Zweifel an der Unabhängigkeit der Zentralbank, nachdem Erdogan angekündigt hatte, die Kontrolle über die Bank verstärken zu wollen. Nach monatelanger Untätigkeit hob sie im September aber den Leitzins um 6,25 Prozentpunkte an. Zwar erreichte die Inflation im Herbst einen Rekordwert, doch stabilisierte sich die Lira in der Folge der Zinserhöhung.

Erdogan hat Zinsen wiederholt als "Instrumente der Ausbeutung" und als "Mutter und Vater allen Übels" bezeichnet. Er vertritt die Theorie, dass niedrige Zinsen zur Senkung der Inflation führen. Der ökonomische Mainstream geht vom Gegenteil aus. Erdogan setzt auch auf niedrige Zinsen, um die schwächelnde Wirtschaft zu stürzen. Bei den Kommunalwahlen im März fielen daraufhin wichtige Städte an die Opposition. In Istanbul etwa gewann Oppositionskandidat Ekrem Imamoglu.

Türkische Wirtschaft in Dauerkrise - Jetzt könnte VW helfen

Unterdessen könnte die türkische Wirtschaft - und damit auch Erdogan - gewichtige Unterstützung aus Deutschland erhalten, wie die ARD aus deutschen Regierungskreisen erfahren haben will. So sei die Stadt Manisa bei Izmir als Standort für ein neues VW-Werk „gesetzt“. 

Sollte es so kommen, hätte die Türkei Bulgarien ausgestochen - und das trotz vermutlich niedrigerer Lohnkosten in dem EU-Partnerland. Hauptargument sei der türkische Markt gewesen, schreibt tagesschau.de. Auch der türkische Staat könnte dem Bericht zufolge einen erheblichen Teil des erwarteten Absatzes von jährlich 40.000 Passat-Limousinen in der Türkei abnehmen. In dem neuen Werk soll neben Skoda- und Seat-Modellen auch der Passat gefertigt werden.

Beschert VW Erdogan einen „Prestigegewinn“? Bedenken beiseite gewischt

Auch die Bedenken des eigenen Betriebsrates hat Volkswagen bei der mutmaßlichen Entscheidung für die Türkei wohl beiseite gewischt. Die Arbeitnehmerseite sehe den Zustand der Arbeitnehmerrechte und Einbindung der Beschäftigten in der Türkei kritisch, hieß es. Die Bundesregierung und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) haben laut tagesschau.de allerdings keine Einwände gegen die Pläne.

Eine Unterzeichnung der Verträge sei Ende September oder Anfang Oktober möglich, hieß es weiter. Für Erdogan bedeute die erwartete Entscheidung für die Türkei einen Prestigegewinn in schwierigen Zeiten. In einer Umfrage hatten sich die Deutschen bereits 2018 ablehnend zu direkten Hilfen für die angeschlagene Türkei geäußert.

Probleme drohen Erdogan unterdessen wegen des Vorgehens seiner Regierung in Zypern - die USA sind besorgt, die Kritik in eigenen Reihen wächst. Mit den USA liegt die Türkei wegen ihrer Verteidigungspolitik seit längerem über Kreuz. VW hat unterdessen weiter mit dem Abgasskandal zu kämpfen - bereits jetzt ist eine riesige Summe für Berater und Anwälte geflossen.

fn/AFP

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