GEW sieht hohe Zahl an Nachhilfeschülern kritisch

+
Kinder beim Nachhilfeunterricht.

Bielefeld - Der Boom bei der privaten Nachhilfe wird die Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem nach Einschätzung der Lehrergewerkschaft GEW nochmals verstärken.

Was soll nur aus meinem Kind werden, fragen sich viele Eltern, wenn in diesen Tagen die Halbjahreszeugnisse ins Haus stehen. “Versetzungsgefährdet“ bedeutet Alarm. Doch längst sind es nicht nur schlechte Noten, die Eltern dazu bewegen, das Portemonnaie für die private Nachhilfe weit zu öffnen. Grundschülern soll mit guten Zeugnissen der Weg auf die gewünschte weiterführende Schule geebnet werden. Und auch die Aussicht auf eine Lehrstelle oder den Traumstudiengang verbessern sich mit den entsprechenden Noten. Das alles sorgt für steigende Anmeldezahlen bei den kommerziellen Nachhilfeinstituten.

Gute Noten ohne Pauken? Schleimen will gelernt sein

Gute Noten ohne Pauken? Schleimen will gelernt sein

Mittlerweile rund 1,1 Millionen Schüler bekommen regelmäßig bezahlte Nachhilfe, heißt es in einer Studie der Bildungsforscher Klaus und Annemarie Klemm für die Bertelsmann Stiftung (Gütersloh). Das ist etwa jeder achte (12,2 Prozent) der insgesamt neun Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schulen. Eltern geben dafür jährlich zwischen 942 Millionen und knapp 1,5 Milliarden Euro aus.

Der Bundesverband der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen schätzt die Zahl der kommerzielle Anbieter in Deutschland auf rund 4000. Mehr als 2400 davon sind in dem Verband organisiert. “Die individuelle Förderung steht bei uns im Vordergrund“, sagt Verbandssprecherin Andrea Heiliger. “Und das sind nicht nur die wohlhabenden Eltern.“ Viele würden für die “Karriere“ ihrer Kinder bei Handy, Spielzeug oder Urlaub sparen. “Vielleicht haben die Eltern auch etwas das Vertrauen in die öffentlichen Schulen verloren.“ Das sei auch an den steigenden Anmeldezahlen der Privatschulen ablesbar.

Lehrergewerkschaft GEW: Dramatische Entwicklung

Die Lehrergewerkschaft GEW spricht von einer dramatischen Entwicklung. Die Chancenungleichheit im deutschen Bildungssystem werde nochmals verstärkt, wenn individuelle Förderung vom Geldbeutel der Eltern abhänge, mahnt die stellvertretende Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Marianne Demmer. Kinder aus benachteiligten Familien hätten es ohnehin schwerer in der Schule.

“Die individuelle Förderung ist eigentlich die Aufgabe der Schulen“, betont Demmer. Aber die Kultusminister machten es sich einfach, wenn sie diese Aufgabe den Schulen zuweisen, sie aber gleichzeitig nicht mit den notwendigen personellen und materiellen Ressourcen ausstatten. Hier entstehe ein Parallelsystem zum öffentlichen Schulwesen. “Darum müsste die Schulaufsicht auch die Aufsicht über diese Nachhilfeeinrichtungen übernehmen“, fordert die GEW seit Jahren.

Wie erfolgreich ist private Nachhilfe?

Unklar ist, wie erfolgreich die private Nachhilfe ist. Es gebe keine belastbaren Untersuchungen, “ob sich das Lernen der Kinder durch diese Nachhilfe nachhaltig verbessert“, sagt Demmer. Auch die Autoren der aktuellen Studie betonen, dass für eine Einschätzung die entsprechenden Untersuchungen fehlen. Und der Berliner Bildungsökonom Dieter Dohmen warnte 2008 vor schwarzen Schafen unter den Nachhilfeinstituten, etwa solchen, die Verbindungen zu Scientology oder der rechtsextremen NPD haben.

Die Bertelsmann-Stiftung sieht in dem Trend ein ernstzunehmendes Signal. Die Eltern seien offenbar mit dem Schulsystem unzufrieden, sagt Bildungsexperte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Stiftung. Ziel eines chancengerechten und qualitativ guten Schulsystems müsse es sein, Nachhilfe weitestgehend überflüssig zu machen. “Dass das möglich ist, zeigen internationale Beispiele wie Finnland, Kanada oder die Niederlande. Dort kommen Schüler weitgehend ohne Nachhilfe aus.“

dpa

Kommentare