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„Putin könnte sich danach entschlossen haben, in die Ukraine einzumarschieren“

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Von: Anna-Katharina Ahnefeld

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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde im Russland-Ukraine-Krieg für viele Menschen zum Helden.
imago0156226313h.jpg © Ukrainian Presidency Press Office/Imago

Im Ukraine-Krieg verwandelte sich Wolodymyr Selenskyj über Nacht zum Kriegshelden. Dieser Faszination geht der Biograf Wojciech Rogacin nach und spricht nun im Interview.

Berlin – Für viele Menschen ist Wolodymyr Selenskyj das Symbol des ukrainischen Widerstands gegen das scheinbar übermächtige Russland. Ein beinahe unwirklicher Aufstieg, wie man ihn ansonsten nur aus Blockbustern kennt. Angesichts härtester Prüfungen wächst ein normaler Mensch über sich hinaus. So weit die Geschichte der Heldenreise des Wolodymyr Selenskyj. Nicht verwunderlich also, dass wenige Monate nach Ausbruch des Russland-Ukraine-Krieges bereits mehrere Biografien verfasst wurden.

Denn der ukrainische Präsident mit seinem charakteristischen grünen T-Shirt und seiner Wortgewandtheit fasziniert. Doch dieser Krieg ist keine Produktion aus Hollywood, sondern brutale Wirklichkeit. Und Wolodymyr Selenskyj ist kein makelloser Retter, sondern ein Mensch mit seinen „besseren und schlechteren Seiten“, so der polnische Journalist und Autor Wojciech Rogacin, dessen Biografie „Selenskyj“ am 6. Juli 2022 beim Europa Verlag erschienen ist. Im Interview mit FR.de von IPPEN.MEDIA spricht Rogacin über Selenskyjs Aufstieg zum Anführer einer Nation im Krieg, seine politische Krisen – und mutmaßt, dass Selenskyjs Amtsantritt Wladimir Putin zur Invasion der Ukraine ermutigt haben könnte.

Ukraine-Krieg: „Über Nacht wurde Selenskyj der Anführer einer kämpfenden Nation“

Herr Rogacin, aktuell erscheinen gleich mehrere Biografien über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj. Was war Ihre Motivation?

Als Journalist berichte ich für Polen über internationale Affären und interessiere mich stark für die ukrainische Politik – als unser Nachbarland, aber vor allem aufgrund der gemeinsamen Bedrohung durch Russland. Wolodymyr Selenskyj ist für mich seit seiner Präsidentschaftswahl-Kandidatur 2019 eine spannende Persönlichkeit. Er hatte ja keinerlei Erfahrungen als Politiker. Mich hat interessiert, wie sich so ein Mann als Präsident schlagen wird. Dann brach der Krieg aus und Selenskyj wurde zum Helden, nicht nur für die Ukraine, sondern für die ganze Welt. Er blieb in der Ukraine, obwohl die USA ihm und seiner Familie die Möglichkeit boten, zu fliehen. Über Nacht wurde er der Anführer einer kämpfenden Nation. Und ich entschied mich, seine Biografie zu schreiben, um aufzuzeigen, wer Selenskyj ist und wie er ein solcher Anführer werden konnte.

Mit wem konnten Sie sprechen?

Für die Recherche zu meinem Buch habe ich seine engen Mitarbeitenden, ehemalige Mitarbeitende, seine Gegnerinnen und Gegner, Journalistinnen und Journalisten und Kindheitsfreunde kontaktiert. Eine breite Auswahl an Menschen, die mir viel über Selenskyj und sein bisheriges Leben erzählen konnten. Ich habe auch versucht, Selenskyj zu kontaktieren. Doch es waren die ersten Wochen des Ukraine-Krieges, ein Gespräch konnte nicht stattfinden. Nach Erscheinen des Buches hatte ich Kontakt mit dem Team von Selenskyj. Sie waren zufrieden. Er selbst hat das Buch vom ukrainischen Botschafter in Polen erhalten. Selenskyj freut sich demnach darüber, dass das Buch die Aufmerksamkeit darauf richtet, was aktuell in der Ukraine passiert.

Sie beschreiben in Ihrem Buch einen Mann, der zum Anführer geboren wurde. In Ihrer Biografie zeichnen Sie bezüglich Selenskyj das Bild eines Kriegshelden. Kommt die Kritik an Selenskyj, ich denke dabei vor allem an seine Verbindung zum ukrainischen Oligarchen Ihor Kolomojskyj, nicht zu kurz?

Ich habe mich bemüht, ihn als Menschen mit seinen verschiedenen Facetten darzustellen. Es ist keine besonders politische Biografie – auch, wenn Politik natürlich eine große Rolle spielt, weil er Präsident der Ukraine ist. Doch ich habe mich auf seine Persönlichkeit konzentriert, um dem Publikum die Möglichkeit geben, selbst die Schlussfolgerung zu ziehen, wie Selenskyj zu dem wurde, was er heute ist.

Ich wollte das komplette Bild von Selenskyj zeigen, nicht nur seine starken Seiten. Sondern auch seine Graubereiche, seine Hochs und Tiefs. Jede Person hat bessere und schlechtere Seiten. In meinem Buch thematisiere ich nicht nur seine Verbindungen zu Oligarchen und seine Kooperation mit Oligarch Ihor Kolomojskyj, sondern auch seine Firmen im Ausland, auf Zypern, für die er angegriffen wurde, und die Phasen in seiner Präsidentschaft, die er nicht gut meisterte. Alles Gründe, warum seine Beliebtheit von 73 Prozent zu Beginn seiner Präsidentschaft auf weniger als 30 Prozent kurz vor Ausbruch des Krieges zusammenschrumpfte. Ich habe auch viele Interviews mit Menschen geführt, die mit Selenskyj gebrochen haben, mit seinen Kritikern, um ein objektives Bild zu erhalten.

Über den Autor Wojciech Rogacin

Der polnische Journalist Wojciech Rogacin hat seinen Schwerpunkt auf den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, den USA und dem Nahen Osten. Während des Irak-Kriegs (2003 bis 2004) arbeitete er als Korrespondent für das US-Nachrichtenportal Newsweek. Rogacin ist Mitbegründer und Chefredakteur der Tageszeitung Polska Times und in dieser Rolle für die Kooperation mit der britischen The Times zuständig. Außerdem gründete er die Presseagentur Polska Press mit, lehrt an der Universität SWPS in Warschau Journalistik und ist Co-Autor des Buches „Korespondenci.pl“ (Korrespondenten.pl), das sich mit polnischen Kriegsreportern befasst. 

Ukraine-Russland-Krieg: Selenskyjs Verwandlung zum Helden – Putin täuschte sich ihn ihm

Der polnische Journalist Wojciech Rogacin beobachtet die ukrainische Politik seit vielen Jahren – und hat nun eine Biografie über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj verfasst.
Der polnische Journalist Wojciech Rogacin beobachtet die ukrainische Politik seit vielen Jahren – und hat nun eine Biografie über den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj verfasst. © Wojciech Rogacin/Europa Verlag

Warum handelt Selenskyj nach Ihren Recherchen so, wie er sich im Russland-Ukraine-Krieg zeigt?

In seinen Interviews hat Selenskyj oft wiederholt, was er von seinem Vater gelernt hat: Tu nicht so, als seist du besser, als du in Wirklichkeit bist. Zeig Menschen deine Schwächen genauso wie deine Stärken. Zeig ihnen, dass du einer von ihnen bist. Das ist die Weisheit, der Wolodymyr Selenskyj folgt. Wir sollten ihn am Ende anhand der Konsequenzen seines Handelns beurteilen. Aktuell schlägt er sich meiner Ansicht nach sehr gut, er kämpft nicht nur für sein Land, sondern gegen das brutale, imperialistische Streben Russlands. Selenskyjs Kollegen sagten mir, seine Persönlichkeit sei sehr stark, er sei niemand, der sich mitten im Kampf zurückzieht. Er werde bis zum Ende kämpfen.

Denken Sie, dass die Präsidentschaft von Wolodymyr Selenskyj, dem Komiker, der zum Staatschef wurde, Putin dazu motivierte, die Ukraine anzugreifen, weil er annahm, einen schwachen Gegner zu finden?

Ja, ich bin davon überzeugt, dass Putin Selenskyj unterschätzt hat. Auf der einen Seite, kommt Selenskyj aus der Ostukraine, die stets eine enge Verbindung zu Russland hatte. Selenskyjs Muttersprache ist Russisch. Auf der anderen Seite war er kein Politiker, als er Präsident wurde, sondern Schauspieler. Er hatte keinerlei Erfahrungen. Putin nahm an, dass er schwach und leicht zu manipulieren sein werde. Als sich Selenskyj und Putin während des Normandie-Formats 2019 begegneten, war Putin überrascht darüber, wie hart Selenskyj etwa bei der Donbass-Frage auftrat. Er ist keinen Schritt zurückgewichen. Ich denke, dass Putin sich danach entschlossen haben könnte, in die Ukraine einzumarschieren. Damit meine ich selbstverständlich nicht, dass die Ukraine das provoziert hat! Wenn ein Land ein anderes Land angreift, ist der einzige Grund dafür, dass es die Macht an sich reißen will. Es gab keine Provokationen. Die Ukraine und Selenskyj wollten einfach nur zurückerhalten, was zur Ukraine gehört. Das ist ihr Recht.

Wird Putin Ihrer Ansicht nach bei der Ukraine Halt machen?

Wladimir Putins Ziel ist es, seinen Einflussbereich auszuweiten. Deswegen hat er sich dazu entschlossen, die Ukraine anzugreifen. Wenn er dort nicht gestoppt wird, wird er als nächstes andere Länder ins Visier nehmen. Deswegen ist es so wichtig, dass die Ukraine standhält und die Welt dieses Land unterstützt. Ohne diese Hilfe sieht die Zukunft der Ukraine, aber auch der Europas, schlecht aus.

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Wolodymyr Selenskyj: Ukrainischer Präsident lehnte US-Angebot ab – so könnte seine politische Zukunft aussehen

Sie erwähnen die besonderen Eigenschaften von Selenskyj. Liegt darin begründet, dass er das Evakuierungs-Angebot von Joe Biden zu Beginn des Russland-Ukraine-Krieges ablehnte?

Ja. In diesem Moment hat er bewiesen, dass er ein starker Mensch ist. Jemand, der angesichts schwieriger Situationen nicht wegrennt, sondern kämpft. Einer seiner Freunde aus Schulzeiten erzählte mir, dass er wusste, dass Selenkyj sich als Anführer der Ukraine behaupten wird, als der Krieg ausbrach. Als ich ihn fragte, warum er so überzeugt davon war, meinte er, dass bereits in der Schulzeit jede schwierige Situation der Moment für Selenskyj war. Er war der erste, der Herausforderungen und Probleme anging. Und das wiederholte sich etliche Male während ihrer gemeinsamen künstlerischen Arbeit. Selenskyj habe immer gewusst, mit schwierigen Momenten umzugehen. Ich denke, er hat instinktiv, nach seinen persönlichen Vorstellungen gehandelt. Es war richtig, die Ukraine nicht zu verlassen. Hätte er es getan, wäre die Situation für die Ukraine um einiges schlimmer, als sie es jetzt ist. Dass er blieb, hat die Moral der Menschen gestärkt.

Mit all Ihrem Wissen über Selenskyj: Wie könnte seine politische Zukunft aussehen?

Wir wissen nicht, wie sich der Krieg weiterentwickeln wird. Doch Selenskyj hat schon jetzt wichtige Ziele erreicht. Die Ukraine verteidigt sich, er selbst wirbt in der freien Welt um Hilfe und die europäischen Träume seines Landes könnten in Erfüllung gehen. Das ist bereits sein politisches Vermächtnis. Sobald der Krieg beendet ist, wird es politische Diskussionen in der Ukraine geben. Darüber, ob er das Land hätte besser auf den Krieg vorbereiten können. Manche Menschen werden auch fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, Putin entgegenzukommen, anstatt das Land so zerstört zu sehen. Diese Fragen werden kommen. Selenskyj weiß das meiner Ansicht nach. Aktuell ist er damit beschäftigt, Gesetze zu erlassen, um den Weg der Ukraine in die EU vorzubereiten – gegen Korruption, für ein moderneres, demokratisches Land. Er hat also bereits begonnen, die Zukunft vorzubereiten. Dennoch: Alles hängt davon ab, wie der Krieg endet und ob er endet. Putin könnte diesen Krieg Monate oder auch Jahre in die Länge ziehen, er hat die Kapazitäten dafür. Das Ergebnis dieses Krieges wird auch über die Zukunft von Wolodymyr Selenskyj entscheiden. So oder so: Er wird kämpfen.

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