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Angriffe auf trans* Personen: Was befeuert den Hass gegen die LGBTQIA+-Community?

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Von: Anna-Katharina Ahnefeld

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Eine Erinnerungsstätte für den 25-jährigen trans Mann Malte C. aus Münster, der vergangene Woche seinen schweren Verletzungen erlag.
Eine Erinnerungsstätte für den 25-jährigen trans* Mann Malte C. aus Münster, der vergangene Woche seinen schweren Verletzungen erlag. © Bernd Thissen/dpa

Dass sich die queere Community nicht mehr versteckt, ist eine große gesellschaftliche Errungenschaft. Leider scheint es, als führe mehr Sichtbarkeit auch zu mehr Gewalt. Das zeigt nicht nur der Fall Malte C. aus Münster.

Berlin – Sei stolz, ist einer der Slogans der LGBTQIA+-Bewegung. Leider muss man ergänzen: Sei gewappnet, dafür mit deinem Leben zu bezahlen. So wie kürzlich trans* Mann Malte C., der queere Frauen beim CSD Münster gegen lesbenfeindliche Attacken verteidigte. Auf seine Zivilcourage folgte brutale, rohe Gewalt, ein unvermittelter Schlag ins Gesicht. Als er taumelte, schlug der Angreifer erneut zu, wieder direkt ins Gesicht, Malte landete mit dem Kopf hart auf dem Asphalt. Eine Woche künstliches Koma folgte, dann erlag er seinen schweren Verletzungen. Der 25-jährige Malte wurde die Zielscheibe von Hass.

Es ist ein Paradoxon in Deutschland: Auf der einen Seite wird die Gesellschaft immer diverser, homosexuelle Paare heiraten, und beim Christopher Street Day 2022 gingen mehr Menschen als jemals zuvor auf die Straßen. Die Regenbogenflagge schmückt Fußballstadien, den Bundestag und zahlreiche Markenlogos – zumindest zum Pride Month. Auf der anderen Seite zählt das Bundesinnenministerium immer mehr Straftaten gegen queere Menschen. 2021 gab es rund 1000 Übergriffe, 870 Straftaten (Steigerung von über 50 Prozent zum Vorjahr) entfielen dabei auf das Spektrum „Sexuelle Orientierung“, 340 Straftaten (Plus von über 66 Prozent) auf „Geschlecht/Sexuelle Identität“. Die Dunkelziffer dürfte um ein vielfaches höher liegen, denn viele Angriffe werden erst gar nicht angezeigt. Deutschland hat offenbar ein Problem mit Queerfeindlichkeit.

Queerfeindlichkeit in Deutschland: Anstieg von Straftaten gegen LGBTQIA+-Community

Das stellt auch Grünen-Politiker Sven Lehmann, erster Queer-Beauftragter der Bundesregierung, fest. „Wir erleben einen Anstieg von registrierten und angezeigten Delikten. Jeden Tag werden mindestens drei, vier queere Menschen angegriffen, verbal oder körperlich. Das ist sehr viel – und doch nur die Spitze des Eisbergs. Wir haben ein deutliches Problem mit Hasskriminalität gegen queere Menschen“, sagt Lehmann der Frankfurter Rundschau von IPPEN.MEDIA. Um die Motive genauer zu beurteilen, bräuchte es jedoch mehr empirische Daten und Forschung, die explizit Aufschluss über Täter:innen und Opfer geben. Bislang wird queerfeindliche Hasskriminalität in jedem Bundesland unterschiedlich gut erfasst. Transfeindliche Straftaten kommen erst seit Kurzem überhaupt in der Statistik vor.

Über die individuellen Motive der Täter:innen lässt sich daher oft nur spekulieren. Dabei ist dieses Wissen entscheidend, um Präventionsmaßnahmen zu entwickeln. Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) hat wenige Tage nach dem Tod von Malte C. versprochen, die Erfassung in den Polizeistatistiken zu verfeinern. Zusätzlich richtet das Bundesinnenministerium das Arbeitsgremium „Bekämpfung homophober und transfeindlicher Gewalt“ ein, ein Zusammenschluss aus Wissenschaft, Praxis und LGBTQIA+-Gemeinschaft.

Das ist auch notwendig, denn Fakt ist: Offen als queere Person zu leben, ist gefährlich. Das zeigt nicht nur der schockierende Fall von Malte C. Kurz darauf wurde eine 57-jährige trans* Frau in Bremen von Jugendlichen in einer Straßenbahn gedemütigt und zusammengeschlagen, die Perücke wurde ihr vom Kopf gerissen. Fälle wie diese legen offen, dass politischer Handlungsbedarf besteht, um die LGBTQIA+-Community – vor allem trans* und nicht-binäre Personen – zu schützen.

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Queer-Bundesbeauftragter gibt Startschuss für Aktionsplan gegen Queerfeindlichkeit

Das ist nicht nur Aufgabe der Politik, sondern eine gesamtgesellschaftliche. Solange die Lebensrealität vieler Menschen kaum Berührungspunkte mit queerem Leben hat, hat auch dessen Schutz wenig Priorität. „Gewalt gegen queere Menschen ist eine Bedrohung, der wir alle uns entgegenstellen müssen“, twitterte der Grüne Lehmann kurz nach dem Tod von Malte. Erst vergangene Woche gab der Politiker den Startschuss für einen Aktionsplan gegen Queerfeindlichkeit. Dieser wurde im Koalitionsplan des Ampelbündnisses vereinbart, nun liegt der erste Entwurf vor. Gemeinsam mit den Bundesländern möchte er erreichen, dass Hasskriminalität gegen queere Menschen flächendeckend erfasst, die Polizei sensibilisiert wird und dass es Ansprechpersonen gibt. „Wir haben bislang nur in Berlin den Fall, dass regelmäßig veröffentlicht wird, wer die Opfer und wer die Täter:innen sind und queerfeindliche Motivationen in den Polizeimeldungen erwähnt werden. Eine bundesweite präzise Erfassung hinzukriegen, ist unser Ziel für die kommenden Jahre“, so Lehmann.

Diese Notwendigkeit unterstreicht auch Bastian Finke, Leiter von Maneo, einem schwulen Anti-Gewalt-Projekt in Berlin: „Ein erheblicher Anteil der Zahlen der bundesweiten Kriminalstatistik, über 60 Prozent, kommen allein aus Berlin. Das macht deutlich, dass in den anderen Bundesländern queerfeindliche Übergriffe viel zu selten als solche zur Anzeige gebracht, beziehungsweise erfasst werden.“ Doch Deutschland habe nicht allein mit Queerfeindlichkeit ein Problem, sondern auch damit, auf polizeilicher Seite zu reagieren, zielgruppenspezifische und bedarfsgerechte Angebote der professionellen Opferberatung und -hilfe für LSBTIQ+ zur Verfügung zu stellen und öffentliche Aufklärungsarbeit zu leisten, so Finke.

Führt mehr Sichtbarkeit zu mehr Queerfeindlichkeit? Besonders Transfeindlichkeit wird offenkundig

Und während Deutschland erschüttert über den Tod von Malte C. ist, die Bundesregierung gegen Queerfeindlichkeit vorgehen will, wird die Frage nach dem Warum lauter. Was bringt Menschen dazu, Mitglieder der LGBTQIA-Community zu beleidigen, zu schlagen, zu töten? Sozialpsychologin Pia Lamberty, Expertin für Verschwörungserzählungen, geht von einem weltweiten Phänomen aus. Queerfeindlichkeit und Antifeminismus, wie etwa die Einschränkung des Abtreibungsrechts, seien in zahlreichen Ländern auf dem Vormarsch, sagt sie der Frankfurter Rundschau. „In den USA, aber auch Polen und Ungarn wird gegen queere Menschen mobilisiert, man sieht sich als angebliche Behüter von traditionellen Werten. Dabei haben sich Netzwerke herausgebildet, die daran arbeiten, die Rechte von LGBTQIA+ einzuschränken“, analysiert Lamberty.

Besonders Transfeindlichkeit sei ein gesellschaftlich stark verankertes Phänomen. Der Durchbruch bei der Änderung des „Transsexuellengesetzes“ habe eine breite Debatte ausgelöst und diese offenkundiger gemacht. „Menschen werden attackiert, um das eigene Verständnis von einer biologisch begründeten Zweigeschlechtlichkeit zu verteidigen“, sagt Pia Lamberty. Die extreme Rechte stürze sich auf die Themenfelder Gender und LGBTQIA+, „eben weil sie in der Gesellschaft immer stärker verhaftet sind.“ Dabei sind gerade trans* Personen vermehrt Zielscheibe von Hass, wie auch das Beispiel von AfD-Politikerin Beatrix von Storch zeigt, die die Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer in einer Rede attackierte.

Führt mehr Sichtbarkeit der LGBTQIA+-Community also zu einem Anstieg von Queerfeindlichkeit? Einiges spricht dafür. „Der CSD Köln hatte einen Rekordwert an Besucher:innen von 1,2 Millionen Menschen. Wir haben eine erhöhte Sichtbarkeit, in den Medien, in der Politik, im Netz. Diese Sichtbarkeit gefällt aber leider Menschen, die queerfeindlich sind, nicht“, sagt dazu Sven Lehmann. Gleichzeitig spräche die Zunahme registrierter Straftaten dafür, dass auch mehr Opfer zur Polizei gehen und diese die Angriffe teilweise besser registrierten. Dennoch sei Queerfeindlichkeit schon immer Teil der Gesellschaft gewesen. Lehmann: „Es ist die Sichtbarmachung eines Problems, das es schon lange gab. Viele LSBTIQ* haben sich bisher versteckt. Das machen sie jetzt nicht mehr und laufen damit leider in der Gesellschaft Gefahr, Opfer zu werden.“ Sei stolz – und pass auf dich auf.

Die Geschichte hinter der Geschichte

Beim Streamen der lesbischen Datingshow „Princess Charming“ (Staffel 2) prägte sich eine Szene unserer Redakteurin besonders ein. Eine der Kandidatinnen berichtete in Folge zwei von einem queerfeindlichen Angriff auf sie. Für die Recherche zu diesem Artikel nahmen wir Kontakt zu der 30-jährigen Carolin Konrad aus Leipzig auf. Ihr Erlebnis steht beispielhaft für viele Straftaten gegen queere Menschen. Achtung, Triggerwarnung:

Carolin Konrad: Vor mittlerweile 12 Jahren war ich mit Freunden in einem Karaoke-Klub in Leipzig. Ich hatte mir ein Lied herausgesucht und stand mit dem Rücken zur Bühne, mit Blick auf dem Bildschirm für den Songtext. Auf einmal kam ein Mann von hinten auf mich zu, zog mir vor dem versammelten Publikum die Hose runter, sodass ich nur noch in Boxershorts dastand. Das war mir in dem Moment total peinlich, denn alle lachten. Ich ging danach zu ihm und habe ihn gefragt, was die Aktion sollte. Der Mann war größer als ich und ich bin schon 1,91 Meter groß. Zunächst ignorierte er mich und unterhielt sich weiter mit, wie ich später herausfand, seinem Bruder. Dann sprach ich ihn nochmal an, er drehte sich schließlich zu mir um, guckte mich an und schlug mir mit der Faust so ins Gesicht, dass ich wie ein Baum umfiel. Da lag ich dann und habe nur noch gesehen, wie zwei, drei Tritte in mein Gesicht folgten. Dann war ich weg. Ich kann mich nur noch erinnern, dass ich im Krankenhaus mit Halskrause zu mir gekommen bin.

Das war das erste Mal, dass ich mit Queerfeindlichkeit in Kontakt kam. Dabei komme ich aus einem kleinen baden-württembergischen Dorf, als lesbische Frau dort aufzuwachsen, war nicht einfach. Als ich nach Leipzig zog, schaute dann keiner mehr, wenn ich mit meiner Freundin Hand in Hand durch die Gegend gelaufen bin. Leipzig war für mich bunt, ich konnte mich einfach wohlfühlen. Dass mir aber dieser Vorfall ausgerechnet in Leipzig passierte, hätte ich nicht gedacht. Das Gerichtsverfahren danach zog sich über vier Jahre, weil die Person, die mich angegriffen hat, einen eineiigen Zwillingsbruder hat, der auch vor Ort war. Es war sehr schwierig, die Schuldfrage zu klären, obwohl es Videoaufnahmen gab. Denn beide schwiegen. Bei jeder Gerichtsverhandlung habe ich geweint, sofort war ich wieder in die Situation von damals zurückkatapultiert. Schlimm war für mich auch, dass der Strafverteidiger mich befragte, als wäre ich die Beschuldigte. Ich habe mich gefühlt, als hätte ich etwas falsch gemacht hat. Er versuchte, meine Glaubwürdigkeit infrage zu stellen. Doch am Ende wurde der Angreifer verurteilt.

Ich möchte Menschen, denen ähnliches passiert, Mut machen, Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Denn ich weiß, dass das erstmal mit Scham verbunden ist. Meine Eltern haben mich darin bestärkt, zur Polizei zu gehen. Ich selbst wollte das erstmal nicht. Mir war das alles zu viel und ich wollte es einfach vergessen. Heute bin ich froh, dass sie damals auf eine Anzeige bestanden haben und ich mich so wehren konnte.

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