Schirmherr - oder mieser Gastgeber?

Putin und Pop im Platzregen: Darum war das kuriose WM-Ende politisch so vielsagend

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Putin unterm Schirm - der Rest im Regen: Symbolisches Foto vom WM-Finale

Spitzenpolitiker im Fotorausch - das WM-Finale hat einige denkwürdige Bilder geliefert. Von Putins Schirmherrschaft bis zu Macrons „Dab“. Ein Zufall ist das nicht.

Moskau - Am Ende war die Fußball-WM in Russland gar nicht einmal so politisch aufgeladen, wie es vor dem ersten Anpfiff viele befürchtet (oder erhofft hatten). Da gab es vor allem eine in vieler Hinsicht vielsagende Debatte um pro-ukrainische Äußerungen des Kroaten Domagoj Vida. Und kleinere Irritationen um Geldstrafen der Fifa: Während der schwedische Verband für ein unter verrutschten Stutzen sichtbares Logo eines Sockenherstellers 60.000 Dollar Strafe zahlen musste, kam der russische Verband mit 10.000 Euro für ein Nazi-Banner im Fanblock davon.

Ansonsten begnügten sich Berichterstatter und Fans größtenteils mit dem Blick aufs Sportliche - von ein paar TV-Dokus zu Beginn der Weltmeisterschaft einmal abgesehen. Vielleicht ja auch, weil sich Russlands Präsident Wladimir Putin recht konsequent aus den Stadien fernhielt. Am Sonntag, beim Finale, war Putin dann doch wieder dabei. Und mit ihm hielt auch plötzlich die Politik wieder Einzug in die WM. Zumindest die poppige Variante: das Ringen um symbolische Bilder.

Macron, Grabar-Kitarovic und Putin auf dem Laufsteg

Erst entsandten die Oppositionellen von Pussy Riot vier Flitzer in Polizei-Uniformen auf den Final-Rasen. Dann gerieten Siegerjubel und Pokal-Verleihung zum Laufsteg für Staatschefs. Emmanuel Macron sprang im VIP-Bereich der Tribüne auf den Tisch. Kroatiens Präsidentin Kolinda Grabar-Kitarović machte gute Figur beim regennassen Umarmen der kroatischen WM-Helden.

Emmanuel Macron feiert den Finalsieg

Und Wladimir Putin selbst? Der tätschelte mal kurz den WM-Pokal. Und ließ dann im Umgang mit dem Moskauer Wolkenbruch ganz viel Interpretationsspielraum: Der russische Präsident war der Einzige, der umgehend unter einem Schirm Schutz fand. Die Kollegen Politiker, der Fifa-Chef Gianni Infantino, die Spieler - alle anderen standen im russischen Platzregen.

„Russia first“? Putins Schirm hat Priorität

Fußball-Fans und Politik-Deuter dürfen rätseln. Was wollte Polit-Profi Putin der Welt sagen? War er der einzige, der sich auf eine Offensichtlichkeit wie nahenden Regen vorzubereiten weiß? Ging es um ein subtiles „Russia first“, weil Putin die anderen Staats- und Verbandsgranden im Nassen stehen ließ? 

Oder hat der für seine bisweilen martialische Selbstinszenierung russische Präsident gar ein großartiges Fotomotiv sausenlassen - wäre eine WM-Ehrung im strömenden Regen ein Klassiker wie Putins oberkörperfreie Reitstunde geworden? Zumal Schirme im Fußball negativ vorbelastet sind. Als England 2007 in der EM-Quali an Kroatien scheiterte, mutierte Coach Steve McClaren zum „Wally with the brolly“, dem „Trottel mit dem Regenschirm“.

Kasper oder Polit-Popstar - die Zeit wird es zeigen

Antworten wird wohl erst die Zeit liefern. Emmanuel Macron etwa könnte mit seinen lässigen Regenfotos und dem „Dab“ mit Star Paul Pogba als Polit-Popstar ins kollektive Gedächtnis eingehen - wenn seine Amtszeit gut läuft. Ansonsten ließe er sich mit den Schnappschüssen auch bestens als begossener Pudel und Polit-Kasper illustrieren. 

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Klar ist, dass der große Fußball längst auch die große Bühne für Spitzenpolitiker ist: Dass Emmanuel Macron nie mit einem Berater über die angemessene Form des Jubelns sprach - es scheint eher unwahrscheinlich. Dass sich Grabar-Kitarovic aus dem kleinen Kroatien alle naselang mit den großen Namen auf der Ehrentribüne zeigte - eher kein Zufall. 

„Wie kann man nur so viel Korruption in ein Bild packen“

Und Putin? Der dürfte seinen Auftritt durchaus kalkuliert haben. Dass sich der Staatschef von den meisten Spielen fernhalten würde um, beim Finale aufzutauchen, hatte ein Experte schon vor über einer Woche prophezeit: „Er könnte zum Finale kommen, um als Gastgeber dieses kosmopolitischen Events aufzutreten“, sagte der Moskauer Innenpolitikexperte Andrej Kolesnikow der dpa - mit einem russischen Ausscheiden wolle sich Putin eher nicht assoziieren lassen, meinte er.

In Deutschland dürfte Putin ohnehin wenig schmeichelhaft in Erinnerung bleiben: Der Auftritt mit Fifa-Chef Infantino und dem saudischen Kronprinz Mohammed bin Salman beim Eröffnungsspiel sorgte für Spott. „Wie kann man nur so viel Korruption in ein Bild packen“, fragte ein Twitter-User sarkastisch. Angela Merkel dürfte möglicherweise ganz froh gewesen sein, dass eine Reise nach Russland gar nicht erst ernsthaft in Frage kam - oder sie sich nicht schon in der Vorrunde mit Jogi Löws erfolgloser Truppe ablichten ließ. Bei der WM 2014 war die Kanzlerin ja noch in der Kabine zu Gast.

Dass nach der WM die Zeit der Inszenierungen vorbei und die Phase des konzentrierten Arbeitens beginnt, darauf sollte übrigens eher nicht gehofft werden. So große Bühnen wie bei der WM gibt es zwar nicht immer. Aber das Bild hat trotzdem Vorrang. Notfalls reicht ein Handshake für die große Botschaft, wie Macron schon bewiesen hat. Putin darf schon am Montag wieder ran - wäre doch gelacht, wenn sich das Treffen mit US-Präsident Donald Trump nicht für den nächsten fotografischen Coup nutzen ließe. In Russland geht unterdessen das normale Leben wieder los. Höchstwahrscheinlich samt der Probleme, die die Pussy-Riot-Aktivisten in den Blick rücken wollten.

Politisch motivierte Unterbrechung des WM-Finals - Bilder der Flitzer-Aktion

fn (mit Material der dpa)

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