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Impfpflicht und Lockdown: Spaltet Corona? Überraschende Ergebnisse zu politischer Polarisierung

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Von: Cindy Boden

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Jochen Roose (r.) von der Konrad-Adenauer-Stiftung untersuchte politische Polarisierung in Deutschland, daneben ein Protestzug
Jochen Roose (r.) von der Konrad-Adenauer-Stiftung untersuchte politische Polarisierung in Deutschland. © Lino Mirgeler/dpa/Jörg Klam

Polarisierung in Deutschland ist immer wieder Thema. Eine aktuelle Studie arbeitet Tendenzen heraus, wonach Vorsicht geboten scheint. Der Autor erklärt, was besonders bemerkenswert ist.

Berlin - Polarisierung, eine gespaltene Gesellschaft, die Trennung in Lager: Auch in Deutschland wird seit Jahren intensiv darüber diskutiert, wie stark die Gemeinschaft zerrissen ist - sei es bezüglich einzelner Themen oder innerhalb von Familien. Der Brexit, die Wahlen von Donald Trump und Joe Biden sowie die Themen Klima und Migration sind nur einige internationale Beispiele, die Gegensätze in Gesellschaften aufzeigen.

Polarisierung in Deutschland: Merkel äußerte Wunsch

In einer stark polarisierten Gesellschaft wird der Diskurs schwierig. Gedanken wie „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“ setzen sich fest. Es lassen sich kaum noch Gemeinsamkeiten finden, die Ablehnung überwiegt - verdeutlicht durch Formulierungen wie „die da“. Liest man in sozialen Netzwerken regelmäßig Kommentare, kann man bei all dem Hass und der Hetze* schnell den Eindruck bekommen, auch Deutschland trennt sich in zwei Lager.

Corona steigert die Präsenz von Spaltungsdebatten noch einmal. Dass politische Polarisierung aber keineswegs ein neues Phänomen ist, wird auch an einer alten Regierungserklärung von Ex-Kanzlerin Angela Merkel* (CDU) deutlich. „Ich möchte, dass am Ende dieser Legislaturperiode diese Bilanz gezogen wird: Unsere Gesellschaft ist menschlicher geworden, Spaltungen und Polarisierungen konnten verringert, vielleicht sogar überwunden werden, und Zusammenhalt ist neu gewachsen“, wünschte sie sich am 21. März 2018 im Bundestag.

Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung: „Polarisierung hat in der Corona-Pandemie nicht zugenommen“

Doch eine aktuelle Studie der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) zeigt: Deutschland ist vergleichsweise stark polarisiert - dies sei jedoch ein langfristiger Prozess und nicht in ein paar Monaten entstanden. Bei einigen politischen Fragen seien die Meinungen stärker auseinander gegangen. Mit AfD und Grünen beziehungsweise Linken stünden sich zwei politische Kräfte gegenüber, die relativ weit auseinander liegen. Dort stellen Forscher eine deutliche gegenseitige Abneigung fest - auch im Bezug auf die Wähler der Parteien. Wie stark sich die Abneigung auch auf Personen bezieht, findet der Autor der KAS-Studie, Wahl- und Sozialforscher Jochen Roose, doch bemerkenswert.

Und nicht nur das: „Womit ich gar nicht gerechnet hatte, ist, dass die Polarisierung in der Corona-Pandemie nicht zugenommen hat. Das Auseinanderbewegen der politischen Lager, das hat schon früher stattgefunden“, sagt Roose im Gespräch mit IPPEN.MEDIA*. Um solche Aussagen zu treffen, wurde eine repräsentative Befragung von Oktober 2019 bis Februar 2020 durch das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap unter insgesamt 3250 Wahlberechtigte im Sommer 2020 in Teilen noch einmal durchgeführt. Von August bis September 2020 befragte das Institut im Auftrag der KAS noch einmal insgesamt 1521 Wahlberechtigte telefonisch.

Spaltet Corona? Auch schon früher gab es polarisierende Diskussionen

An diesen Zeitfenstern zeigt sich, dass die aktuellen Diskussionen, etwa um eine Corona-Impfpflicht, noch nicht abgebildet werden können. Verändert Corona jetzt also doch etwas bei der Polarisierung der Gesellschaft? Roose warnt ausdrücklich vor solchen Erwartungen. „Diese Vermutung, dass das jetzt massiv zugenommen hat, die gab es früher auch immer.“ Akute Diskussionen ließen frühere Debatten, die auch schon als stark spalterisch wahrgenommen wurden, in den Hintergrund rücken. „2020 wurden Verschwörungstheorien und Corona-Einschränkungen sehr polarisiert und intensiv diskutiert. Da hatten wir auch eine relativ stark polarisierte Diskussion“, blickt der KAS-Forscher zurück. Für die Erkenntnis, dass auch solche Diskussionen der Studie zufolge nicht die Polarisierung verstärkt haben, macht Roose einen Grund aus: „Das liegt wesentlich auch daran, dass man nicht mehr so präsent im Kopf hat, wie intensiv ein Jahr vorher die Debatten über Klimaschutz und Klimawandel waren.“

Doch die Studie selbst kommt auch zu einem gespaltenen Ergebnis: Das Verhalten vieler Menschen in der Corona-Pandemie* werde als rücksichtslos empfunden. „Direkt gefragt, können viele eine Zunahme an gesellschaftlichem Zusammenhalt nicht erkennen“, heißt es sogar. Doch andererseits wird etwas seltener der Aussage zugestimmt, in der Gesellschaft stünden sich die Menschen unversöhnlich gegenüber.

Wie ist das wiederum zu erklären? „Man kann die Situation in Deutschland immer aus zwei Seiten beschreiben: Das Glas ist halb - ob Sie es als voll oder leer bezeichnen wollen, ist dann eben auch ein bisschen Geschmacksfrage“, sagt Roose dazu. Es gebe immer noch eine starke politische Mitte mit abwägenden Positionen. Viele wollen auch nach einem Kompromiss suchen. „Bei der Polarisierung ist es nicht so, dass sie Deutschland in zwei gleich große Teile zerrissen hätte.“

„Polarisierung ist ein selbstverstärkender Effekt“ - Studie zum Zusammenhalt in der Gesellschaft

In einer Demokratie gibt es immer unterschiedliche Meinungen, die geäußert werden - und das ist für den Fortbestand des Systems auch essentiell. Doch Polarisierung ist tückisch: „Polarisierung ist ein selbstverstärkender Effekt. Was mich an der Position der Gegenseite ärgert, führt zu einer emotionalen Reaktion, führt dazu, dass ich meine Position bestärke und die Gegenseite tendenziell ablehne. Und das wird auf der anderen Seite genauso wahrgenommen, es verstärkt den Prozess wieder und man kommt in eine Eskalationsspirale“, sagt Roose. Jeder müsse daher immer wieder überlegen, wo wirklich die eigenen Grenzen liegen, wo es möglicherweise noch eine gemeinsame Grundlage gibt.

Denn sonst können sich Differenzen in der Gesellschaft sichtbar durch Kontaktabbrüche zeigen. Und einige solcher Schritte gab es schon, wie Roose in Interviews von Befragten erfuhr: „Das hat mich schon beeindruckt, wie ausgeprägt der Kontaktabbruch ist. Wie viele etwa sagen: ‚Mit AfD-Wählern will ich nichts zu tun haben.‘“ Der Einzelne kann durch solche Trennungen hart im persönlichen Leben getroffen werden. Für die Gesellschaft wird es vor allem zum Problem, wenn Personengruppen gemieden werden.

Kanzler Scholz zu Polarisierung: „Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten“

Aus all den Erkenntnissen der Studie ergibt sich, dass die deutsche Gesellschaft durchaus aufpassen sollte, was Polarisierung angeht. Merkel wollte Spaltung verringern. Auch der neue Kanzler Olaf Scholz* (SPD) sagte Hass und Hetze schon mehrfach den Kampf an. In seiner ersten Regierungserklärung am 15. Dezember 2021 betonte er aber noch einmal seine Sicht auf die Dinge: „Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten.“ Um dann zu präzisieren: „Wir werden es uns nicht gefallen lassen, dass eine winzige Minderheit von enthemmten Extremisten versucht, unserer gesamten Gesellschaft ihren Willen aufzuzwingen.“ (cibo) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

Hinweise zur Studie

Die Studie der Konrad-Adenauer Stiftung bezieht sich auf zwei repräsentative, telefonische Umfragen und 68 leitfadengestützte, qualitative Tiefeninterviews sowie 24 Gruppendiskussionen. Zum einen wurden für die Umfragen von Oktober 2019 bis Februar 2020 insgesamt 3250 Personen befragt. Veränderungen durch die Corona-Pandemie sollten festgestellt werden, indem von August bis September 2020 noch einmal 1521 Personen telefonisch kontaktiert wurden. Die Umfragen führte das Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap durch, die qualitativen Interviews Mauss Research. Außerdem wertete die Stiftung weitere repräsentative Umfragen aus.

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