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Ukraine: Kinder auf der Flucht vor Krieg – „Wir holen so viele raus wie möglich“

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Von: Jens Kiffmeier

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Bomben und Granaten: Der Ukraine-Konflikt treibt Hunderttausende in die Flucht. Die SOS Kinderdörfer leisten Evakuierungshilfe – und warnen vor einer Katastrophe.

Luhansk – Artilleriefeuer gehört zum Alltag. Seit acht Jahren. Denn im Osten der Ukraine hat der kriegerische Konflikt zwischen Regierungstruppen und Russlands treuen Separatisten nie aufgehört. Mal waren die Kämpfe mehr, mal weniger. Aber sie seien immer dagewesen, sagt der Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine, Serhii Lukashov, im Interview mit kreiszeitung.de. Die Organisation betreut in der umkämpften Luhansk-Region Pflegekinder, leistet Traumahilfe und unterstützt Familien. Viele Schutzbedürftige wurden bereits evakuiert, aber die Mitarbeiter harren weiter vor Ort aus.

Verwaltungseinheit der Ukraine:Region Luhansk
Fläche:26.683 km²
Offizielle Einwohnerzahl:2,24 Millionen Einwohner
Umkämpft seit:2014

Seit dem Russlands Präsident Wladimir Putin an der ostukrainischen Grenze 190.000 Soldaten zusammengezogen hat und mehr oder minder mit einer Invasion droht, stellt sich die ukrainische Regierung und der Westen auf eine große Flüchtlingswelle ein. Doch derzeit sind die Berichte über die aktuelle Lage in der Krisenregion undurchsichtig und oftmals Teil einer großen Propagandamaschine. Doch wie sieht es in und um Luhansk wirklich aus? Zeit für einen Anruf bei Lukashov:

Ukraine-Konflikt: Russlands Präsident Wladimir Putin droht mit Invasion – Aktuelle Lage im Osten unklar

Herr Lukashov, die Berichte aus der umkämpften Krisenregion sind unübersichtlich. Wie nehmen sie die Situation vor Ort wahr?

Es wird immer schlimmer und unberechenbarer. Vor vier Tagen war es noch halbwegs ruhig. Aber dann begann der Beschuss an der Frontlinie. Seitdem wird er stärker – und wir wissen nicht, wie es sich weiterentwickelt. Viele Häuser sind zerstört. Auch die Elektrizitäts- und Wasserversorgung ist teilweise beschädigt. Ein Kindergarten und eine Schule wurden getroffen.  

Serhii Lukashov, Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine, mit sorgenvoller Miene. Im Hintergrund bringt ein Polizist flüchtende Kinder zum Zug.
Warnt vor einer humanitären Katastrophe in der Ostukraine: Serhii Lukashov, Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine. (kreiszeitung.de-Montage) © Vladimir Smirnov/dpa/tass/sos-kinderdoerfer

Gab es dabei Tote?

 Zum Glück sind dabei keine Kinder gestorben. Aber es kann jede Stunde passieren.

Ihre Organisation ist seit Jahren in der Kriegsregion aktiv. Konnten Sie ihre Kinder in Sicherheit bringen?

Die 40 Kinder und Pflegefamilien, die wir direkt betreuen, konnten wir evakuieren. Daneben leisten die SOS-Kinderdörfer Traumahilfe, medizinische Versorgung und unterstützen Familien, von denen viele jetzt bedroht sind. Außerdem gibt es in dem Gebiet insgesamt 2000 betreute Kinder, 800 in Pflegefamilien und 1500 in Wohnheimen. Wir versuchen jetzt, so viele wie möglich herauszuholen.

Was sicherlich nicht einfach ist. 

Ja. Das ist eine enorm große Herausforderung für uns. Wenn wir eine große Invasion Russlands in der Ukraine erleben, was wir befürchten, dann werden wir ein Desaster erleben. Dann werden Hunderttausende in die Flucht getrieben. Das wäre eine vollständige humanitäre Katastrophe.  

Ukraine-Russland-Konflikt: Die Kämpfe in der Region Luhansk könnten Flüchtlingswelle lostreten

Wo liegen bei der Rettung für Sie die größten Schwierigkeiten?

Unsere Ressourcen sind begrenzt. Im Moment läuft der Bahnverkehr, mit dem wir die Menschen aus der Gefahrenzone herausbekommen. Doch das ist teuer. Die SOS-Kinderdörfer müssen für den Transport bezahlen. Wir müssen den Wechsel der Unterkunft bezahlen. Und wir brauchen zusätzlichen Mittel, um die soziale Betreuung für verängstigte und traumatisierte Kinder sicherzustellen. Und wir müssen noch sehr viel Überzeugungsarbeit leisten.  

Damit die Menschen fliehen?

Ja. Derzeit ist die Gefahr groß, aber noch nicht so direkt. Solange die Züge fahren, bekommen wir die Kinder und ihre Familien weg. Aber die Pflegefamilien wollen natürlich wissen, wohin sie gebracht werden. Sie wollen sich am Ende nicht auf der Straße wiederfinden. Viele wollen nicht ihre Häuser verlassen, selbst wenn sie unter Beschuss geraten. Sie haben ja sonst kein Zuhause. Das ist schon ein großes Problem. Viele Familien wollen trotz der Gefahr dableiben.

Die SOS-Kinderdörfer in der Ukraine

Serhii Lukashov, 49 Jahre, ist seit Mai 2019 Nationaler Leiter der SOS-Kinderdörfer in der Ukraine. Lukashov ist gelernter Psychologe und Soziologe. In der Ukraine unterstützt die Organisation Kinder und Familien seit 2003. 2010 wurde das erste Kinderdorf in Brovary bei Kiew eröffnet. Nach Beginn des Krieges in der Ostukraine 2014 verstärkten die SOS-Kinderdörfer ihre Arbeit in der Region Luhansk und unterstützen als eine von wenigen Hilfsorganisationen die Menschen dort kontinuierlich. Verlassene Kinder haben im SOS-Kinderdorf Luhansk wieder ein Zuhause bekommen, außerdem leisten die SOS-Kinderdörfer Traumahilfe für Kinder und bewahren Familien vor dem Auseinanderbrechen.

Das ändert sich vielleicht im Falle einer russischen Invasion. Wie groß schätzen sie dann die Fluchtbewegung aus der Ostukraine ein? 

Im Moment sind es vielleicht ein paar Tausend. Doch das kann sich schnell ändern. Die Vereinten Nationen haben verschiedene Szenarien durchgespielt. Im schlimmsten Fall könnten 2,5 Millionen Binnenflüchtlinge unterwegs sein. Davon werden einige in die West-Ukraine flüchten, einige nach Europa.  

In der Ostukraine schwelt der blutige Konflikt seit 2014. Wie beeinflusst dies das Leben der Menschen?

Der Hauptpunkt ist die mangelnde Sicherheit. Der Konflikt war immer da. Der Beschuss an der Frontlinie gehört seit acht Jahren zum Alltag, wenn auch nicht in der Stärke wie jetzt. Aber er war immer da. Seitdem leben wir, die Kinder und die Erwachsenen, mit dieser Anspannung. Leider ist der Konflikt jahrelang nicht gelöst worden – und jetzt gerät er außer Kontrolle.  

Ukraine-Konflikt: Putins Vorgehen hat Auswirkungen für Europa und Deutschland – können Sanktionen ihn stoppen?

Was erwarten Sie von der westlichen Allianz?

Sie muss den Druck erhöhen und diesen Konflikt lösen. Sonst droht eine humanitäre Katastrophe. Die Ukraine kann diese Situation nicht alleine bewältigen. Wir haben das schon einmal gemacht. Nach den Angriffen im Jahr 2014 wurden 1,2 Millionen Menschen innerhalb der Ukraine zu Binnenflüchtlingen. Die Integration in anderen Landesteilen war schwierig. Aber die ukrainische Gesellschaft hat das geschafft. Aber jetzt vielleicht noch einmal 2,5 Millionen neue Flüchtlinge – das wird zu schwierig.  

Reichen die vom Westen ins Auge gefassten Sanktionen aus, um Russland in die Schranken zu weisen? 

Das kann ich nicht beurteilen. Ich bin kein Politiker, sondern Sozialarbeiter. Aber Kinder sind in Gefahr. Und es ist unsere humanitäre Pflicht, den Menschen zu helfen.

Wie lange machen Sie persönlich weiter?

 Solange, wie es geht.

In Deutschland stellt man sich mittlerweile auf die Auswirkungen der Auseinandersetzung im Ukraine-Konflikt ein. Zwar will die Bundesregierung der Ukraine keine militärische Unterstützung leisten, aber die humanitäre Hilfe soll hochgefahren werden. Das kündigte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) bereits an. Derzeit bereite man sich darauf vor, den Nachbarländern der Ukraine finanzielle Hilfe anzubieten, da diese der erste Anlaufpunkt für ukrainische Flüchtlinge seien, sagte Faeser in Wien am Rande einer europäischen Migrationskonferenz. * kreiszeitung.de, fr.de und merkur.de sind ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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