Karsai will Taliban die Hand reichen

Im Rahmen des Strategiewechsels zur Befriedung Afghanistans hat Präsident Hamid Karsai Verhandlungen mit der Führung der Taliban angekündigt.

Kabul/Hamburg - Im Rahmen des Strategiewechsels zur Befriedung Afghanistans hat Präsident Hamid Karsai Verhandlungen mit der Führung der Taliban angekündigt.

Er wolle möglichst ranghohen Vertretern der Aufständischen die Hand reichen, um Frieden und Sicherheit nach Afghanistan zu bringen, sagte Karsai am Sonntag in der Hauptstadt Kabul. Gleichzeitig betonte er jedoch, dass dies nur für jene Taliban gelte, die keine Verbindungen zum Terrornetzwerk El Kaida hätten.

Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) rechnet spätestens in einigen Monaten mit Ergebnissen der neuen Strategie, die am Donnerstag auf der internationalen Konferenz in London beschlossen worden war. “Im Herbst 2010 müssten wir absehen können, ob wir Erfolg haben werden“, sagte Guttenberg der “Bild“-Zeitung (Montag). Für die Bundeswehr werde es am Hindukusch Veränderungen geben. “Unsere Soldaten werden länger und häufiger die großen Feldlager verlassen.“ Der Kommandeur der deutschen Afghanistan-Truppen, Brigadegeneral Frank Leidenberger, rechnet mit einem vorübergehend gefährlicheren Einsatz.

Das sind die Taliban

Das sind die Taliban

Der Begriff Taliban (“Koranschüler“) hat sich als Bezeichnung für die islamistischen Aufständischen in Afghanistan eingebürgert.

Die “Gotteskrieger“ kämpfen für einen Abzug der ausländischen Soldaten und den Sturz der Regierung Karsai.

Sie wollen wieder ihr Islamisches Emirat Afghanistan errichten.

Bis 2001 hatten sie die Macht über das Land am Hindukusch.

Maßstab aller Ordnung ist für die Taliban eine besonders strenge Auslegung der Scharia, des islamischen Rechts. Foto: Afghanische Frau in einem Burka-Schleier.

Gegründet wurde die Bewegung von Absolventen pakistanischer und afghanischer Koranschulen.

Die Taliban sind Sunniten, wie die Mitglieder aller derzeit international operierender islamistischer Terrorgruppen.

Die Taliban konnten sich unter ihrem Anführer Mullah Omar nach dem Sturz ihres Regimes wieder zu einer schlagkräftigen Guerillatruppe formieren.

Trotz mehr als 100 000 ausländischer Soldaten im Land sind sie seit einigen Monaten stark wie nie zuvor.

Schätzungen über die Zahl ihrer Kämpfer reichen bis zu mehreren zehntausend.

Anschläge und Angriffe werden oft vom benachbarten Pakistan aus gesteuert.

Dabei nehmen die Taliban keine Rücksicht auf Unbeteiligte und sind für die meisten zivilen Opfer in dem Konflikt verantwortlich.

Präsident Karsai sagte dem “Spiegel“, in London habe die Staatengemeinschaft “endlich“ begriffen, wie wichtig ein Aussöhnungsprogramm mit den Taliban für Afghanistan sei. Hätten die Verbündeten das schon vor acht Jahren unmittelbar nach dem Sturz des Taliban-Regimes eingesehen, stünde Afghanistan heute besser da. “Leider haben nicht alle auf uns gehört“, so Karsai. Der Westen habe erst jetzt erkannt, dass sich der Antiterrorkampf nicht gegen afghanische Dörfer richten dürfe, sondern gegen die “Rückzugsgebiete, die Trainingscamps, die finanziellen Unterstützer“ der Terroristen. Die internationale Gemeinschaft hatte sich in London auf ein Aussteigerprogramm für gemäßigte Taliban verständigt, das in den kommenden Monaten mit umgerechnet 100 Millionen Euro unterstützt werden soll.

Das ist Afghanistan

Das ist Afghanistan

Seit dem Sturz der Taliban vor acht Jahren sind Milliarden Hilfsgelder nach Afghanistan geflossen.

In dem Land am Hindukusch sind inzwischen mehr als 100.000 internationale Soldaten stationiert.

Afghanistan ist jedoch immer noch eines der korruptesten, ärmsten und gefährlichsten Länder der Welt

In Afghanistan leben auf einer Fläche, die knapp doppelt so groß ist wie Deutschland, rund 33 Millionen Menschen.

Dem Entwicklungsindex (HDI) der Vereinten Nationen zufolge ist Afghanistan derzeit das zweitärmste Land der Welt. Schlechter ist die Lage nur im Niger.

Der Index berücksichtigt neben dem Einkommen auch Faktoren wie Kindersterblichkeit, Unterernährung und Bildung.

Mehr als 50 Prozent der Afghanen leben Schätzungen zufolge unter der Armutsgrenze.

Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt laut Vereinten Nationen bei 44 Jahren (Deutschland: 80 Jahre).

Der Durchschnitt der ärmeren Länder liegt laut Weltbank bei 59 Jahren.

Auf dem Korruptionsindex 2009 von Transparency International ist Afghanistan weiter zurückgefallen und steht auf dem vorletzten Rang. Noch schlechter ist die Lage nur in Somalia.

Die Wirtschaftsleistung (BIP) lag laut Internationalem Währungsfonds (IWF) unter Einberechnung eines Kaufkraftausgleichs 2008 bei 21,4 Milliarden Dollar oder 760 Dollar pro Kopf.

Für 2009 rechnet der IWF mit einem BIP von 25,1 Milliarden Dollar.

Das Volumen des illegalen Opiumhandels wird von der Weltbank auf ein Drittel des regulären BIP geschätzt.

Afghanistan produziert mehr als 90 Prozent des weltweit gehandelten Opiums, woraus Heroin hergestellt wird.

Für Projekte der Entwicklungshilfe und des Wiederaufbaus sind von der Bundesregierung von 2002 bis 2010 mehr als 1,2 Milliarden Euro Hilfsgelder zugesagt.

Bis Mitte August 2009 wurden davon 830 Millionen Euro ausgezahlt.

Damit ist es das größte Empfängerland deutscher Entwicklungshilfe.

Präsident Karsai sagte, dieses Geld werde verwendet, um Aufständische in die Gesellschaft zu reintegrieren. Die Kämpfer sollen damit “nicht bestochen werden“, ihre Waffen niederzulegen. Zudem sollen deutlich mehr afghanische Sicherheitskräfte von ausländischen Polizisten und Soldaten ausgebildet werden. Die Taliban-Führung bekräftigte dagegen ihr Festhalten am “Heiligen Krieg gegen alle Invasoren“. In einer am Samstag in Kabul verbreiteten Erklärung dementierten die Extremisten die Bereitschaft zur Versöhnung und jede Friedensabsicht. Berichte über ein angebliches Treffen mit dem Afghanistan-Beauftragten der Vereinten Nationen, Kai Eide, wurden als “sinnlose und gegenstandslose Gerüchte“ bezeichnet. Nach diesen Berichten soll Eide Anfang Januar in Dubai mit Vertretern der Taliban zusammengekommen sein.

Der deutsche Brigadegeneral Leidenberger erwartet zunächst eine Zuspitzung der Lage für die deutschen Soldaten. “In der Anfangsphase werden wir gemeinsam mit den afghanischen Sicherheitskräften in die bedrohten Gebiete vorgehen und dort den Gegner verdrängen. Dadurch kann es mehr Gefechte geben“, sagte Leidenberger der “Bild am Sonntag“. Doch danach werde die Gefahr in Nord-Afghanistan deutlich abnehmen, “weil wir schließlich weiter präsent sind“. Die Bundesregierung will die Truppen-Obergrenze in Afghanistan von 4500 auf 5350 erhöhen. Im Einklang mit Guttenberg hält Kanzlerin Angela Merkel (CDU) auch nach der Londoner Afghanistan-Konferenz den Termin für einen Bundeswehr-Abzug offen. “Ein Abzug ohne das Erreichen unserer Ziele und obendrein ein deutscher Alleingang wäre keine Übergabe in Verantwortung, sondern eine Aufgabe in Verantwortungslosigkeit“, sagte Merkel der “Welt am Sonntag“.

Im Norden Afghanistans, dem Verantwortungsbereich der Deutschen, habe sich die Sicherheitslage in einigen Distrikten verbessert, anderswo aber auch deutlich verschlechtert, erklärte die Kanzlerin. Außenminister Guido Westerwelle (FDP) bekannte sich indes zum Ziel, den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan 2011 zu beginnen. Er lehnte es aber ab, hierfür eine Garantie abzugeben.

dpa

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