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Proteste im Iran: Hier tötete das Mullah-Regime die meisten Menschen

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Von: Luisa Billmayer

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Seit über sieben Wochen protestieren Frauen und Männer gegen das unterdrückende Mullah-Regime im Iran.
Seit mehr als zwei Monaten protestieren Frauen und Männer gegen das unterdrückende Mullah-Regime in Iran. © dpa/N. Bruckmann/M. Litzka (Montage)

Mutige Iranerinnen und Iraner wehren sich seit über zwei Monaten täglich gegen den religiösen Machthaber Ali Chamenei und Präsident Ebrahim Raisi. Unsere Karten und Analysen zeigen die brutale Reaktion der Regierung.

Die strengen Regeln und Gesetze des Mullah-Regimes prägen das öffentliche und das private Leben im Iran. Als Frau auf der Straße tanzen? Verboten. Kritisch über das Regime berichten? Kann Journalistinnen und Journalisten die Freiheit kosten. Das Hidschāb ist in Augen der Sittenpolizei Gascht-e Erschad verrutscht? Besser nicht. Unsere Analyse aktueller Daten des Protests zeigt die Folgen für die Demonstrierenden in dieser Gesellschaft.

Jina Mahsa Amini kostete das nicht korrekte getragene Kopftuch offenbar das Leben. Die Gascht-e Erschad nimmt die 22-jährige Kurdin am 13. September 2022 in Teheran fest – beschuldigt wegen „des Tragens unangemessener Kleidung“. Noch in Polizeigewahrsam stirbt die junge Frau drei Tage später in einem Krankenhaus in Teheran. Menschenrechtsorganisationen und Medien berichten von Misshandlungen während und nach der Festnahme. Die Polizei bestreitet die Vorwürfe. Aminis Vater macht daraufhin deutlich, dass er die Erklärungen der Polizei nicht akzeptiert. Jina Mahsa Amini wird zum Gesicht der iranischen Protestwelle. Unsere Karte zeigt, wie sich diese seit ihrem Tod im Land verbreitet.

Bereits am Tag von Aminis Beerdigung in Saqqez gibt es erste Demonstrationen. Vor allem in ihrer Heimatprovinz Kurdistan, aber auch in der Hauptstadt Teheran. Die Wut über den Vorfall und auf das Regime überträgt sich auf das Land. Bereits in den ersten zehn Tagen gehen Protestierende in mindestens 93 Städten fast aller iranischer Provinzen auf die Straßen. „Tod dem Diktator“ und „Frauen, Leben, Freiheit“ rufen sie.

Seit Jina Mahsa Aminis Tod verbreiten sich die Proteste im ganzen Iran

Vor allem in Aminis Heimat Kurdistan sind seitdem viele Menschen auf die Straßen gegangen, wie eine Datenanalyse der Proteste zeigt. Auch in der Hauptstadt Teheran gab es seit dem 29. September an fast jedem Tag mindestens eine Protest-Versammlung. Zahlen zu den Demonstrationen analysiert das Critical Threats Project (CTP). Anhand von Medienberichten und Social-Media-Beiträgen sammelt und überprüft das Institut, wo und wann es Proteste gab.

Gewaltsame Antwort des Regimes kostet hunderte Menschen das Leben

Das iranische Regime versucht, die Proteste mit Gewalt niederzuschlagen. „Ein Menschenleben im Iran ist nichts wert“, sagte Iran-Expertin Natalie Amiri im Interview mit Jung & Naiv. Die Sicherheitskräfte nehmen Demonstrierende fest, setzen Tränengas ein und schießen auf die Menschen in den Straßen. Fotos von Menschen, deren Rücken mit kleinen Wunden übersät sieht, kursieren auf Twitter. Die Wunden sollen von verschossenem Vogelschrot kommen.

Über 18.000 Personen wurden in den vergangenen Wochen festgenommen, berichtet die Menschenrechtsorganisation Human Rights Activists In Iran. Den Inhaftierten drohen Folter und im schlimmsten Fall die Todesstrafe. Direkt auf den Straßen haben die iranischen Sicherheitskräfte seit dem 17. September mindestens 416 Demonstrierende getötet, berichtet die Organisation Iran Human Rights.

Besonders viele Todesopfer gab es in und um Kurdistan und nahe der Hauptstadt Teheran. Doch mit bisher 126 Menschen starben mit Abstand am meisten in der Provinz Sistan und Belutschistan. Warum mussten dort so viele Menschen ihr Leben lassen? „Die iranische Führung befürchtet, dass sich die zunehmenden Unruhen zu einer ernsthafteren Bedrohung für das Regime ausweiten könnten. Daher wendet sie dort ein höheres Maß an Unterdrückung an als in anderen Teilen des Landes“, sagt ein Iran-Experte des Critical Threat Projects (CTP) auf Anfrage von IPPEN.MEDIA.

„Blutiger Freitag“: Sicherheitskräfte reagieren in Sistan und Belutschistan besonders brutal

Am 30. September, dem sogenannten „blutigen Freitag“, kamen in der Provinzhauptstadt Zahedan dutzende Menschen um. Scharfschützen, Sicherheitspersonal und Polizisten in Zivil schossen wahllos auf Personen, darunter auch Kinder. Todeszahlen für allein diesen Tag schwanken zwischen 66 und 96. Die tatsächlichen dürften laut CTP noch höher liegen. Die Bevölkerung der Provinz Sistan und Belutschistan ist überwiegend sunnitisch, ebenso wie die Kurden. Das schiitische Regime diskriminiert die Menschen der ärmsten Region des Irans daher seit Jahren. In der Vergangenheit führte die Unterdrückung immer wieder zu Angriffen auf die dortigen Sicherheitskräfte.

Ob die Demonstrationen tatsächlich zu einem Sturz des Mullah-Regimes führen und Platz für ein neues Gesellschaftssystem schaffen, wird der Protestverlauf in den nächsten Wochen zeigen. Unterstützer der Proteste werten die Situation zumindest als Beginn einer Revolution. Falls der Aufstand gelingt, könnte sich im Iran die weltweit erste feministische Revolution ereignen.

Transparenz: Unsere Daten, Quellen und Methoden

Die von unterschiedlichen Quellen gemeldete Zahlen zu stattgefunden Protesten, verhafteten Personen und getöteten Demonstrierenden schwanken. Das CTP und Menschenrechtsorganisationen gehen allerdings davon aus, dass die berichteten Daten niedriger sind als die tatsächlichen Zahlen. Wir haben Angaben von Iran Human Rights und Human Rights Activists In Iran berücksichtigt.

Auf Basis der Beweislage teilt das Critical Threats Project (CTP) die Proteste in drei unterschiedliche Kategorien ein: geringe, mäßige und hohe Wahrscheinlichkeit. Je höher die Wahrscheinlichkeit, desto besser die Belege eines stattgefundenen Protests. Wir fassen in unserer Karte Ereignisse aller Kategorien zusammen. Berichte und konkrete Belege zu den Protestaktivitäten seit 28. September sammelt das CTP in den Iran Crisis Updates. CTP ist ein Projekt von American Enterprise Institute mit Unterstützung von Institute for the Study of War. Als weitere Quellen dienten Berichte der AFP.

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