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„Hart aber fair“: Erzieher schildert Inflations-Alltag - „Dieses Jahr klappt’s noch, nächstes Jahr wird’s eng“

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„Hart aber fair“ (ARD): Die Gäste bei Frank Plasberg am 23.05.2022.
„Hart aber fair“ (ARD): Die Gäste bei Frank Plasberg am 23.05.2022. © WDR/Dirk Borm

„Mit der jetzigen Inflation gehts ans Eingemachte“, sagt die ARD-Börsenexpertin bei „Hart aber fair“. Ein Erzieher berichtet vom harten Alltag in Zeiten explodierender Preise.

Berlin – „Deutschland ist Teuerland geworden.“ Mit diesem Statement macht Frank Plasberg klar, dass dieser Abend kein leicht verdaulicher sein wird. Die Preise für Lebensmittel und Energie, fürs Wohnen und fürs nackte Existieren, sie explodieren. Offiziell beträgt die Inflationsrate 7,4 Prozent. Doch die reale Preissteigerung liegt weit darüber. Das wird im Talk bei „Hart aber fair“ nach wenigen Minuten klar. Aber was sind die Gründe, wer sind die Player im Hintergrund, gibt es Gewinner? Und wer sind diese?

Die Schilderungen des Erziehers Jens Diezinger sorgen für Bestürzung, für Momente der Betroffenheit und, ja, des Mitleids. Fünf Besserverdiener und ein fünffacher Vater. Er spiegelt das Leben da draußen, den Zustand der Gesellschaft. Eine Familie mit fünf Kindern, beide Eltern brauchen je zwei Jobs, um es irgendwie zu schaffen. 4000 Euro netto und es reicht kaum zum Leben. 260 Euro Mehrkosten hat Diezinger allein für Lebensmittel. Jeden Monat. Sein Wocheneinkauf früher: 80 Euro. Heute 140. Hinzu kommen die explodierenden Heiz- und Benzinkosten. Wenn Diezinger ins nächste Jahr schaut, verdunkelt sich seine Mine. Dabei sei er so ein grundpositiver Mensch, wie Plasberg attestiert.

„Hart aber fair“: „Was die Ampel bis dato auf den Tisch gelegt hat, ist Flickwerk“

Wie werden Menschen wie Diezinger entlastet? „Was die Ampel bis dato auf den Tisch gelegt hat, ist Flickwerk“, attestiert Gitta Connemann. Sie hält nichts „von einem 9-Euro-Ticket in überfüllten Bahnen und Bussen“ und fordert: „Wir brauchen echte Entlastung, und das geht am besten über die Steuern.“

Die Forderung wird von Anja Kohl sehr nüchtern eingeordnet. „Sie hatten 16 Jahre Zeit, jede Steuerreform der Welt zu machen, und sie haben nichts, Nullkommagarnichts, gemacht,“ erwidert die ARD-Börsenexpertin der CDU-Politikerin und erntet dafür großen Applaus des Publikums.

Dass Mineralölkonzerne jeden Preissprung nach oben sofort an die Tanksäule weitergeben, aber einen fallenden Ölpreis aussitzen und die Preise oben lassen, ist nicht nur der Börsenfachfrau aufgefallen. Sie prangert an, „dass das Kartellamt tatenlos zuschaut“.

Inflation: Was tun, wenn das Geld in den Händen schmilzt? „Als Konsument kannst Du nichts mehr machen“

Auch bei den Lebensmitteln gibt es angeblich Absprachen der Discounter. Das hat Erzieher Diezinger zumindest vor Ort festgestellt. „Ich kann es beim Frischkäse sagen, ich kann es bei der Apfelschorle sagen. Einer setzt die Preise hoch, und die anderen ziehen hinterher. Du kannst als Konsument nichts mehr dagegen machen.“

„Wie stemmen Sie das?“, will Plasberg wissen. „Sparen“, sagt der Erzieher. „Es ist hart, wenn am Ende des Geldes noch so viel Monat übrig ist. Und da liegen wir mit dem 22./23. gar nicht mal so verkehrt.“ Mit dem Auto legt er fast nur noch die Arbeitswege zurück. „Ich muss gucken, dass ich zum Monatsersten komme, dass ich dann wieder tanken kann.“

Die Schilderung seines tragischen Status Quo nimmt kein Ende: Die Eltern teilen sich das Schlafzimmer mit zweien der Kinder. Die Familie versorgt sich teilweise auf Basaren für Kindersachen. Um den bescheidenen Jahresurlaub an der Nordsee zu ermöglichen, verzichten die Kleinen freiwillig auf Weihnachtsgeschenke. Und dennoch muss das gemeinsame Eisessen in Büsum mühsam angespart werden. „Dieses Jahr klappt’s noch“, sagt Diezinger, „nächstes Jahr wird’s eng“.

„Wo liegt der Fehler?“ fragt Plasberg. „Fehler will ich nicht sagen“, sagt FDP-Mann Christian Dürr. Er berichtet, was die Ampel-Regierung alles angestoßen hat: Energiegeld, Kinderbonus, Tankrabatt. „Die Ampel entlastet jetzt kleine und mittlere Einkommen in Höhe von 37 Milliarden Euro.“ Die Steuermehreinnahmen durch gestiegene Preise lägen aber nur bei 16,9 Milliarden.

„hart aber fair“: Diese Gäste diskutierten mit Frank Plasberg:

Wie sich solch gut gemeinte Rechnereien und vermeintliche Entlastungen tatsächlich auswirken, malt Diezinger in dunklen Farben auf. Er habe, sagt der Erzieher, im vergangenen Jahr einen Corona-Bonus bekommen. Ergebnis: Am Jahresende hatte er offiziell 138 Euro zu viel verdient, so dass ihm die Lehrmittelbefreiung gestrichen wurde. Deshalb musste er 900 Euro für die Schulbücher seiner Kinder selbst bezahlen.

Kalte Progression nennt man so etwas - und CDU-Frau Connemann rühmt sich, dass die Große Koalition diese abgebaut habe. Eine Aussage, die Börsenfrau Kohl „sehr irritiert“ zurücklässt. Die Koalition habe doch genau das verschlafen. Kohl stellt außerdem fest: „Herr Diezinger verdient für das, was er tut, zu wenig.“ Es sei eine „extrem verantwortungsvolle Arbeit für unsere Gesellschaft“ .

Die Börsenfachfrau bringt an diesem Abend einige erschreckende Zahlen aufs Tableau: In den vergangenen zehn Jahren seien die Steuern um 42 Prozent gestiegen, die Einkommen aber nur um 30 Prozent. „1965 konnten Sie das 18-Fache des durchschnittlichen Bruttogehalts verdienen, dann waren Sie im Spitzensteuersatz. Jetzt reicht das 1,4-fache. Mit 57.000 Euro Bruttoeinkommen sind Sie schon im Spitzensteuersatz.“ Ihre Schlussfolgerung ist fatalistisch: „Wir haben eine komplette Schieflage. Jetzt kommt diese exorbitante Inflation noch obendrauf.“

FDP-Fraktionschef Dürr bei „Hart aber fair“: „Da muss mehr übrigbleiben“

Dürr ärgert sich über die Aussagen Anja Kohls: „Das war eigentlich immer mein Redebaustein.“ Plasberg mahnt, die Redebausteine nun mal bitte wegzulassen. Deshalb zeichnet Dürr seinen Fahrplan zur Lösung der Probleme auf: „Das gerechter zu machen, wäre unsere Aufgabe, keine Frage. Dafür brauche ich politische Mehrheiten, so ehrlich will ich an der Stelle auch sein. Die haben wir zurzeit noch nicht. Wir werden in der Ampel darüber reden. Ich hoffe und kämpfe dafür, dass da jetzt was passiert. Die Sorge teile ich. Da muss mehr übrigbleiben, dafür werde ich mich einsetzen in der Ampel, ist doch klar.“

Gitta Connemann ist unzufrieden: Im 37-Mrd.-Paket der Bundesregierung seien die Rentner und die Studenten vergessen worden. Sie schlägt eine Senkung der Einkommenssteuer vor, nicht der Mehrwertsteuer. Und an Dürr gerichtet: „Steile Thesen ersetzen keine Fakten.“

Einen Moment der Sprachlosigkeit provoziert Anja Kohl, als sie die Ausführungen der beiden CDU- und FDP-Vertreter abprallen lässt. „Ich kann es nicht fassen, dass Frau Connemann und Herr Dürr sagen, die ja beide in Regierungsverantwortung waren oder sind, dass sie nicht die Mehrheiten für Beschlüsse hätten.“

Kurze Pause. Kohl fährt ganz langsam fort: „Ja, was denn dann?“ Große Pause. Nachdenken. Stille. Die Sekunden vergehen. Keiner der Angesprochenen will so recht antworten. Dürr wagt es schließlich, schlägt einen „Tarif auf Rädern“ vor, ohne das Konzept genau zu erklären. „Das wäre eigentlich mein Ziel, das wäre schon fast eine Revolution in Deutschland, dessen bin ich mir bewusst, aber ich setze mich gern dafür ein. Dafür brauche ich Partner.“ Connemann winkt ab. „Dann müssten Sie Grüne und SPD überzeugen. Ich glaube, das wird schwer.“ Die Sprachlosigkeit ist besiegt.

„Ich bin ja sofort dabei, von allem mehr zu machen“, sagt Dürr. „Nur zur Verantwortung gehört eben, dass was bezahlbar ist. Sonst würden wir der Familie Diezinger ja was vormachen. Die Inflation, diese Wahrheit muss mal ausgesprochen werden, die kann nicht zu 100 Prozent vom Staat ersetzt werden, aber dass wir da, wo es echt unfair ist, entlasten, da bin ich der Erste, der dabei ist.“

Und wie kommt eine Energiepauschale bei den Diezingers an? Der Familienvater sagt nüchtern: „Das schlägt ein und ist weg. Bringt mir vielleicht eine Tankfüllung, aber es hilft mir ansonsten nicht weiter.“

Gitta Connemann bei „Hart aber fair“: „Menschen merken, dass Sie sich ganz Normales nicht mehr leisten können“

In den vergangenen Jahren habe es im Schnitt eine Inflation von 1,4 Prozent gegeben, sagt CDU-Frau Connemann. „Wir sind jetzt bei 7,4 Prozent. Die Kosten explodieren. Natürlich ist das irgendwann auch explosiv vor dem Hintergrund, dass die Menschen merken, dass Sie sich ganz Normales nicht mehr leisten können.“ In Anspielung auf die Gelbwestenproteste in Frankreich wirft Frank Plasberg trocken ein: „Gelbe Westen kann man auch in Deutschland kaufen.“

Zu den gestiegenen Lebensmittelpreisen hat Bäckermeister Jürgen Hinkelmann Erstaunliches zu berichten: „Wir haben ja nicht 7,4 Prozent Inflation“, sagt er. „Die Inflation ist bei uns zwischen 28 und 29 Prozent. Keiner von uns weiß, wo es hinläuft.“

„Fakt ist“, konstatiert Anja Kohl, „der ganze Lebensmittelhandel wird von einer Art Oligopol kontrolliert, von Discountern und Handelsketten.“ Ein Landwirt habe in den Siebziger-Jahren 19 Prozent an seinem Getreide verdient und in den Neunziger-Jahren nur noch sieben Prozent. „2020 waren es nur noch vier Prozent.“ Sie plädiert für Transparenz und Kontrolle bei der Preisgestaltung. „Man muss nicht gleich enteignen, wenn man den Konzernen mal auf die Finger guckt.“ Es brauche dringend „eine Instanz, die jetzt bei dieser bedrohlichen Inflation mal schaut, was da passiert“.

Plasberg-Sidekick Brigitte Büscher in der Ukraine: Beeindruckende Reportage erntet Applaus

Eine Sternstunde der Sendung ist ein acht Minuten langer Einspieler, eine kleine Reportage. Hier zeigt Plasbergs Sidekick Brigitte Büscher, die sonst ausschließlich für das Online-Feedback und die Zuschauerkommentare zuständig ist, ihre Qualitäten als Reporterin. Ihr Film portraitiert einen deutschen Landwirt, der in der Westukraine Getreide anbaut. Markus Schütte pendelt zwischen Berlin und der Ukraine, hat dort 50 Angestellte auf dem Hof. Und er weiß nicht mehr, wohin mit seiner Ernte, seit der Krieg tobt. Wieviel Luft er noch hat? „Vier Wochen, maximal.“ Und wann muss er sein Land aufgeben? „Wenn es von Russland besetzt wird. Erst dann.“

Der Einspieler erntet großen Applaus. „Das haben wir selten“, sagt Plasberg neidlos. Reporterin Büscher bilanziert anschließend, wie sie den deutsch-ukrainischen Landwirt erlebt hat: „Das macht den Mann trotz seiner ruhigen Art wirklich fertig. Er hofft auf die EU, er hofft auf den grünen Korridor.“

Die zugeschaltete Börsenkennerin Kohl mahnt eindringlich: „Ich kann der Politik nur raten, diese Ernährungsinflation extrem ernst zu nehmen, weil sie die soziale Kluft nochmal verbreitert. Die Wertschöpfungskette ist so bedroht, dass wir mit weiter steigenden Lebensmittelpreisen rechnen müssen. Ich würde sofort die Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel aussetzen.“ Die jetzige, exorbitante Inflation sei mit der Vergangenheit nicht vergleichbar. „Das hier ist was völlig anderes. Die zwei Jahre Pandemie, extreme Lieferengpässe“, China mit seinen menschenverachtenden Lockdowns, obendrauf ein Krieg mitten in Europa und schließlich „eine europäische Zentralbank, die komplett das Falsche tut“. Die Ausführungen der Expertin haben es in sich: „Ich sehe die große Gefahr einer Weltwirtschaftskrise.“

Und es klingt nur scheinbar hoffnungsfroh, wenn sie abschließend sagt: „Ich sehe die Gefahr eines Absturzes. Wenn wir den wirklich kriegen, dann lässt die Inflation ein wenig nach.“

Fazit des „hart aber fair“-Talks

Diese Sendung war bestürzend in vielerlei Hinsicht. Hier die Einblicke in das „normale“ Leben eines Erziehers und seiner Familie. Dort die vielen wirtschaftlichen Hintergründe einer Mega-Inflation, die jetzt so richtig Fahrt aufnimmt. Das alles ließ den Zuschauer zerrissen zurück: voller Informationen und dennoch – oder gerade deshalb – auf fatale Weise ratlos. (Michael Görmann)

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