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Grünen-Minister überrascht bei Plasberg zur möglichen Laufzeitverlängerung: „Ja klar!“

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Tarek Al-Wazir, Hermann-Josef Tenhagen, Caterina Künne, Gitta Connemann, und Stefan Kooth in der ARD-Talkshow hart aber fair im Studio Adlershof
Die Talkrunde bei „Hart aber fair“ am 12.09.2022. © IMAGO/Thomas Bartilla

Die Preise steigen weiter. Die Politik wirkt überfordert. Vor allem kleine Unternehmen sind stark gebeutelt. Kann ein Weiterlaufen der Atomkraftwerke den Preisanstieg stoppen? 

Berlin – Die Energiekonzerne fahren derzeit Rekordgewinne im Milliardenbereich ein. Doch das Geld kommt nicht wie aus einer geöffneten Gas-Quelle ohne Nebenkosten herausgesprudelt, sondern wird am anderen Ende derzeit ausgerechnet denen aus der Tasche und vom Konto genommen, die die Betriebsam- und Wirtschaftlichkeit unseres Landes am Leben halten sollen.

Ob die Atomkraft die Situation verändern könne, will Frank Plasberg in seinem „Hart aber fair“-Talk in der ARD mit seinen Gästen diskutieren. „Zu teures Gas, zu wenig Strom: Muss die Atomkraft doch länger laufen?“, lautet das Thema der Sendung.

Auf das Prinzip „Angebot und Nachfrage“ weist die Bundesvorsitzende der Mittelstands- und Wirtschaftsunion und langjähriges CDU-Bundestagsmitglied Gitta Connemann hin: „Die drei in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke versorgen zurzeit zehn Millionen Haushalten mit Strom“, so die Rechtsanwältin. Sie weist darauf hin, dass das Abschalten der AKWs – ohne adäquaten Energieersatz – automatisch den Mehrbedarf erhöhe. Die Unionsfrau: „Das wird dazu führen, dass der Preis sich noch weiter erhöht.“ Sie warnt vor den Folgen: „Den Leuten geht es richtig an den Kragen, sie haben keine Zeit.“ Doch ein deutliches Signal der Ampelkoalition an die Betriebe fehle derzeit, befindet die CDU-Abgeordnete.

„Hart aber fair“ - diese Gäste diskutierten mit:

Den Aussagen Connemanns widerspricht der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir von Bündnis ’90/Die Grünen, der in der Sendung sitzt, um den Wirtschaftskurs seines Parteikollegen Robert Habeck zu rechtfertigen. Al-Wazir verweist auf die bereits bewilligten Liquiditätshilfen und Zuschussprogramme und kündigt zudem einen geplanten Strompreisdeckel für kleinere Betriebe an. Außerdem bringt er die bereits in der Ampel heftig diskutierte Steuer auf „Über-“ beziehungsweise „Zufallsgewinne“, wie FDP und CDU diese nennen, für Unternehmen, die aus der Krise profitieren, erneut auf den Tisch. Der Grüne schließt dabei – anders als seine Parteikollegen – auch die Betreiber von Solarenergie nicht aus, die derzeit von der Krise profitieren.

Bäckerin rechnet vor: Energiekosten von 120.000 Euro auf 1,1 Millionen Euro gestiegen

Auch der Chefredakteur des Verbraucher-Ratgebers Finanztip, Hermann-Josef Tenhagen, seit seinem Studium bekennender Atomkraft-Gegner, befindet: „Wir brauchen die AKWs nicht“. Er verweist auf die Angebote für teuren Strom „bereits jetzt“, obwohl es die AKWs noch gebe. Doch auch der Verbraucherschützer vermisst von der Politik Lösungen. Tenhagen schlägt das „österreichische Modell“ vor, bei dem 80 Prozent des Durchschnittsverbrauchs der Haushalte preislich festgelegt seien. Erst darüber würden die höheren Preise greifen. Der Vorteil sei bei diesem Modell ein eingebauter Sparanreiz.

Wie die Lage an der „Wirtschaftsfront“ derzeit aussieht, schildert Bäckerei-Unternehmerin Caterina Künne mit sieben Filialen und 60 Mitarbeitern in Niedersachsen. Künne diskutiert bei Frank Plasberg mit in der Runde. Der Moderator nennt die Zahlen, mit denen die Bäckerin seit der Zeitenwende zu jonglieren hat: Statt 120.000 Euro jährlich nun über 1,1 Millionen Euro im Jahr – so das aktuellste Angebot eines Anbieters zur Deckung ihres Energiebedarfs. Künne sitzt sichtlich angeschlagen in der Sendung und führt auf, dass es derzeit vielen, der in Deutschland registrierten rund 250.000 Bäckerhandwerkern so ginge. Ein Kollege sei derzeit von 8000 auf 75.000 Euro monatlich gestuft worden. Künne kündigt an: „Ab Dezember muss irgendwas passieren, sonst gehen wir pleite“.

CDU-Politikerin kritisiert Ampel-Regierung: Es fehlt ein Signal an die Menschen

Dass es an kurzfristigen Lösung mangelt, muss auch Al-Wazir eingestehen. Bis zum neuen Jahr schaffe man die „Energiewende“ nicht, gibt er zu. CDU-Frau Connemann nutzt das politische Eingeständnis zum Angriff aus der Oppositionsecke: Die Energiewende, sei eine langfristige Strategie, „die den Unternehmen und Familien heute nicht helfe“, ruft sie empört aus und malt den Teufel an die Wand: „Ohne Hilfe werden in zwei Jahren 50 Prozent der Bäckereien nicht mehr da sein.“ Es fehle „ein Signal der Ampel“, das den Menschen zeige: „Wir werden gesehen, wir werden wahrgenommen“. Statt zu „beschwichtigen“, müsste „gemeinsam nach Lösungen“ gesucht werden, so die Mittelstands-Expertin. Dafür bekommt sie Applaus vom Publikum.

Die Talkrunde bei „Hart aber fair“ am 12.09.2022.
Die Talkrunde bei „Hart aber fair“ am 12.09.2022. In der Mitte Gitta Connemann, links Bäckereiinhaberin Künne. © WDR/Thomas Kierok

Grünen-Minister überrascht bei Plasberg zur möglichen Laufzeitverlängerung: „Ja klar!“

Der Grünen-Minister legt zum Gegenschlag die bekannte Platte auf: „Wir haben, was Frau Connemann zu verantworten hat, die Energiewende nicht vorangetrieben“, wirft er der Unionsfrau den Schwarzen Peter hin und ihr vor, ablenken zu wollen von dem, „was Sie uns hinterlassen haben“. Doch dann knickt der Landesminister in Sachen Atomkraft überraschend ein: Es könnte sein, so Al-Wazir, dass man „im November/Dezember“ sagen müsse, „dass die beiden süddeutschen Kraftwerke noch für dreieinhalb Monate am Netz bleiben müssen“. Plasberg wittert den Coup und macht die Aussage dingfest: „Sie interpretieren Notfallreserve so, dass man mit entsprechendem Vorlauf sagt: Produziert ihr mal weiter?“ „Ja klar“, bestätigt Al-Wazir überraschend offenherzig.

Weltwirtschafts-Experte prognostiziert bei Plasberg: Inflationshammer kommt noch

Plasberg hat seine Antwort in Sachen Atomstrom. Eine andere Frage bleibt aber unbeantwortet: „Der Inflationshammer kommt erst noch, oder?“, fragt Plasberg den Wirtschaftsexperten Prof. Dr. Stefan Kooths. Der stimmt zu: „Da erwarten wir die Spitze erst im kommenden Halbjahr“, da diese nach und nach auf die „Energiepreise weiter gewälzt“ würde. Man sei in Regionen angekommen, mit denen vorher niemand gerechnet hätte. Der Professor versucht einen schwachen Trost: „Ich will nicht zynisch klingen“, setzt er beschwichtigend an, „aber es wird dadurch ein bisschen einfacher, dass natürlich auch alle Ihre Wettbewerber eine ähnliche Situation haben.“

Bäckerin Künne überzeugt das nicht: „Wie genau sollen wir das an die Kunden weitergeben?“, fragt sie mit verzweifelter Stimme. Nach ihrer Berechnung würde der Preis für ein Brötchen damit von derzeit bereits verteuerten 40 auf 80 Cent steigen.

Fazit des „Hart aber fair“-Talks

Das war in weiten Teilen ein Talk der Kategorie „Seelsorge“. Viel Gejammer, wenig Lösung. Dazu das Partei-Gezänk zwischen den Gästen aus dem Grünen- und Unions-Spektrum. Und die überraschende Kehrtwende des Ministers aus Hessen zur AKW-Frage, die aber nicht näher vertieft wurde. (Verena Schulemann)

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