Auschwitz-Komitee findet Worte „widerlich“

Gauland: „Hitler und Nazis nur ein Vogelschiss in der Geschichte“ - Politiker reagieren

+
Bundeskongress der Jungen Alternative (JA) für Deutschland: Alexander Gauland. 

Millionen ermordete Juden, Millionen Kriegstote - dafür zeichneten sich die Nationalsozialisten verantwortlich. AfD-Chef Gauland bekennt sich bei einer Veranstaltung zwar zur Verantwortung hierfür, verharmlost die NS-Zeit dann aber. Die Empörung folgt umgehend.

Seebach - Der AfD-Vorsitzende Alexander Gauland hat die Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland relativiert und damit Empörung ausgelöst. „Hitler und die Nazis sind nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“, sagte Gauland am Samstag beim Bundeskongress der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative im thüringischen Seebach. Dieser mit Beifall aufgenommene Satz fiel nach einem Bekenntnis von Gauland zur Verantwortung der Deutschen für den Nationalsozialismus von 1933 bis 1945. Zum wiederholten Mal sorgt die rechtspopulistische AfD damit durch Thesen zum Umgang mit der deutschen Geschichte für Aufregung.

Das Internationale Auschwitz Komitee hat die verharmlosenden Äußerungen über die Zeit des Nationalsozialismus scharf kritisiert. Diese seien unerträglich und würdelos, hieß es in einer Erklärung. Christoph Heubner, der geschäftsführende Vizepräsident des Komitees, sagte weiter: „Für Auschwitz-Überlebende wirken die kühl kalkulierten und hetzerischen Äußerungen Gaulands nur noch widerlich.“

Reaktionen der Politiker lassen nicht lange auf sich warten

CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer schrieb dazu auf Twitter: „50 Mio. Kriegsopfer, Holocaust und totaler Krieg für AfD und Gauland nur ein „Vogelschiss“! So sieht die Partei hinter bürgerlicher Maske aus.“ SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil twitterte: „Das ist eine erschreckende Verharmlosung des Nationalsozialismus. Es ist eine Schande, dass solche Typen im Deutschen Bundestag sitzen.“

Sätze wie dieser seien „keine Ausrutscher sondern System“, schrieb der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck ebenfalls auf Twitter. „Die Kurve der AfD von eurokritisch über ausländerfeindlich zu völkisch ist steil und abschüssig.“ Der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion, Marco Buschmann, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Dieser Vergleich ist eine Geschmacklosigkeit und mehr als nur eine Entgleisung (...).“

Gauland sagte in Seebach: „Nur wer sich zur Geschichte bekennt, hat die Kraft, die Zukunft zu gestalten.“ Und: „Ja, wir bekennen uns zur Verantwortung für die zwölf Jahre.“ Der Partei- und Fraktionsvorsitzende im Bundestag machte aber auch deutlich, dass das nur ein Teil der deutschen Geschichte sei: „Wir haben eine ruhmreiche Geschichte - und die, liebe Freunde, dauerte länger als die verdammten zwölf Jahre.“

Auch Ralf Stegner, Landes- und Fraktionsvorsitzender der SPD Schleswig-Holstein, reagierte umgehend. „Gauland betätigt sich wieder als elender Hetzer mit seiner ekelhaften Geschichtsklitterung und den unsäglichen Bewertungen zum Massenmord der Nazi-Diktatur. Solche Typen gehören nicht ins Parlament. Aufstehen! Rauswählen! #NieWiederRechts“

Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft sowie Landesvorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz schrieb auf Twitter: „Die systematische Ermordung von Juden, Sinti + Roma, Homosexuellen, Beeinträchtigten ist kein „Vogelschiss“, wie Gauland sagt, in Deutschlands Geschichte!“

Thüringens Partei- und Fraktionschef Björn Höcke, der auch Gast des Bundeskongresses der Jungen Alternative war, hatte im vergangenen Jahr mit der Forderung nach einer „erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad“ für heftige Debatten gesorgt. Ein Parteiausschlussverfahren gegen Höcke, das noch der alte Bundesvorstand unter der damaligen AfD-Chefin Frauke Petry eingeleitet hatte, ist inzwischen vom Thüringer Schiedsgericht beendet worden. Es lehnte einen Parteiausschluss Höckes ab.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer riet in der Auseinandersetzung mit der rechtspopulistischen AfD zu Sachargumenten gemischt mit einem Schuss Ironie. „Man darf nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird“, sagte er der „Welt am Sonntag“. Sachsen haben Erfahrung mit Parteien rechts von der Union. „Die NPD war zwei Mal im sächsischen Landtag. Auf die Aggressivität, das Brechen mit Konventionen und die Lautstärke mussten wir uns da auch erst einstellen“, räumte der Christdemokrat ein. „Die NPD konnten wir politisch entzaubern, und bei der AfD sind wir auf einem guten Weg.“

In dieser Auseinandersetzung müsse man „cool bleiben“, man brauche „sachliche Argumente, und manchmal hilft Ironie“, sagte Kretschmer. Das sei jetzt auch im Deutschen Bundestag ganz wichtig. Für die AfD sei die CDU „der größte Feind“, sagte Kretschmer. Auch deshalb sei klar, dass es mit dieser Partei keine gemeinsamen Positionen und schon gar keine Zusammenarbeit geben könne, betonte der Ministerpräsident. Die AfD habe keinen positiven Ansatz, den man brauche, wenn man Politik gestalten wolle.

dpa

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion