Islamistischer Anschlag

18-Jähriger enthauptet Lehrer bei Paris: Elf Festnahmen – Zahlreiche Demos angekündigt

Nach dem Anschlag auf einen Lehrer bei Paris ist das Entsetzen groß. Die Polizei nimmt elf Menschen fest. Zahlreiche Demonstrationen finden statt.

  • Bei Paris wird ein Geschichtslehrer enthauptet, der 18-Jährige Angreifer wird erschossen.
  • Frankreichs Präsident Emmanuel Macron spricht von „islamistischem Anschlag“.
  • Parteien, Verbände und Gewerkschaften kündigen zahlreiche Demonstrationen an.

Update vom Sonntag, 18.10.2020, 14.33 Uhr: Nach dem islamistischen Anschlag auf einen Geschichtslehrer nahe Paris ist das Entsetzen in Frankreich weiterhin groß. Aber nicht nur der Schock sitzt tief, viele Menschen wollen auch ein Zeichen gegen Gewalt und Hass setzten. Parteien, Verbände und Gewerkschaften kündigten für Sonntagnachmittag (18.10.2020) Großdemonstrationen an.

Geschichtslehrer bei Paris enthauptet: Zahlreiche Demonstrationen angekündigt

Bereits am Samstag (17.10.2020) gedachten hunderte Menschen in Conflans-Sainte-Honorine des Opfers. Sie versammelten sich an der Schule, in deren Nähe am Vortag ein 18-jähriger Russe tschetschenischer Herkunft den 47-jährigen Lehrer enthauptet hatte.

18-Jähriger enthauptet Lehrer bei Paris: Elf Festnahmen – Zahlreiche Demos angekündigt

Die wichtigsten politischen Parteien, Verbände und Gewerkschaften kündigten für Sonntag Demonstrationen für die Meinungsfreiheit in Paris und vielen weiteren Städten in Frankreich an. Auch die Satirezeitung „Charlie Hebdo“ schloss sich dem Aufruf an. Eine nationale Gedenkfeier solle am Mittwoch stattfinden, teilte die Regierung mit. Staatspräsident Emmanuel Macron schrieb bereits am Freitag (16.10.2020) auf Twitter in Bezug auf die Terroristen: „Sie werden nicht durchkommen.“ (Französisch: „Ils ne passeront pas.“)

Elf Festnahmen nach islamistischem Anschlag nahe Paris

Im Zusammenhang mit dem Fall wurden bis Sonntagmorgen elf Menschen in Gewahrsam genommen, darunter die Eltern, der Großvater und der jüngere Bruder des mutmaßlichen Täters. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde auch der Vater eines Schülers festgenommen. Er soll sich mit dem Lehrer über dessen Unterricht gestritten haben.

Der Vater hatte sich im Internet darüber beschwert, dass der Lehrer seinen Schülern Nackt-Karikaturen des Propheten Mohammed gezeigt habe. Die Halbschwester des Festgenommenen soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft für die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) nach Syrien gezogen sein.

Unter den Verdächtigen, die in Gewahrsam genommen wurden, befindet sich Ermittlerkreisen zufolge auch ein islamistischer Aktivist. Er soll zusammen mit dem festgenommenen Vater die Entlassung des Lehrers beantragt haben.

Islamistischer Anschlag bei Paris: Angreifer wegen krimineller Delikte bekannt

Der Angreifer, der von der Polizei in der Nähe des Tatorts nordwestlich von Paris erschossen worden war, war in Frankreich bislang nicht wegen Radikalisierung erfasst worden. Er war der Polizei wegen krimineller Delikte bekannt, für die er jedoch nicht verurteilt wurde, wie die Staatsanwaltschaft am Samstag mitteilte. Nach Angaben der russischen Botschaft hatte der in Moskau geborene Angreifer keine Beziehungen zu Russland, da er seit zwölf Jahren in Frankreich gelebt habe.

Ob der in Evreux lebende mutmaßliche Angreifer einmal Schüler an der Schule des Opfers gewesen war, gab die Staatsanwaltschaft nicht bekannt. Er hatte den Angaben zufolge kurz nach der Tat ein Foto des abgetrennten Kopfes seines Opfers beim Kurzbotschaftendienst Twitter veröffentlicht und Präsident Emmanuel Macron als „Anführer der Ungläubigen“ bezeichnet.

Paris: Lehrer enthauptet – Täter von Polizei getötet

Erstmeldung vom Samstag, 17.10.2020, 6.37 Uhr: In Frankreich sitzt der Schock nach einer brutalen islamistischen Terrorattacke auf einen Lehrer tief. Der Mann ist nach ersten Erkenntnissen am Freitagnachmittag in einem Pariser Vorort enthauptet worden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron eilte zum Tatort und fand deutliche Worte: „Unser Mitbürger wurde feige angegriffen, er war das Opfer eines bösartigen islamistischen Terroranschlags.“ Die Ermittler wollen sich bald zum Tathergang und den Hintergründen äußern.

Der Vorfall hatte sich im Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine am Freitagnachmittag ereignet - der Täter wurde von der Polizei getötet. Ein sichtlich angeschlagener Macron nannte in seiner kurzen Rede keine Details zum Ablauf der Tat oder zum Täter - er bestätigte auch nicht, dass der Mann enthauptet worden sein soll. „Sie werden damit nicht durchkommen“, sagte er mit Blick auf Gewalt und Terroristen und weigerte sich geradezu, grausige Details zu nennen. Auch von den Ermittlern gab es zunächst keine offiziellen Informationen. Am Abend und in der Nacht liefen Medien zufolge Durchsuchungen - außerdem gab es mehrere Festnahmen.

Berichten und dem Bürgermeister des Vororts zufolge wurde der Lehrer auf offener Straße angegriffen und enthauptet. Die Anti-Terror-Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen übernommen. Das Opfer soll Berichten nach Mitte 40 gewesen sein und vor kurzem Mohammed-Karikaturen im Unterricht gezeigt haben, als das Thema Meinungsfreiheit behandelt wurde. Daraufhin soll es in der Schule zu Ärger und Drohungen gekommen sein. Der Mann wurde dann am Freitag ganz in der Nähe des Schulgebäudes attackiert.

Lehrer in Paris getötet: Täter soll „Allahu akbar“ gerufen haben

Der mutmaßliche Täter wurde kurze Zeit später von der Polizei aufgegriffen. Laut Medien hat er versucht, die Polizei anzugreifen - daraufhin hat diese auf ihn geschossen und ihn getötet. Unbestätigten Berichten zufolge ist er 18 Jahre alt, wurde in Moskau geboren und war den Geheimdiensten bisher nicht bekannt. Er soll „Allahu akbar“ („Gott ist groß“) gerufen haben und mit einem Küchenmesser bewaffnet gewesen sein. Außerdem soll er mit der Tat im Netz geprahlt haben.

Polizisten ermitteln am Tatort in Paris. Der mutmaßliche Täter wurde kurze Zeit später im nahe gelegenen Éragny von der Polizei aufgegriffen. Foto: Abdulmonam Eassa/AFP/dpa

Macron betonte in seiner kurzen Ansprache, dass die Bildung ein hohes Gut sei. Es sei kein Zufall, dass ein Terrorist ausgerechnet einen Lehrer ermordet habe, weil er das Land in seinen Werten habe angreifen wollen. Der Lehrer sei ermordet worden, weil er für Meinungsfreiheit eingestanden habe.

„Dieser Angriff ist nicht nur ein Angriff zu viel. Er ist barbarisch und sehr ernst“

„Ich möchte heute Abend allen Lehrern Frankreichs sagen, dass wir mit ihnen zusammen sind, dass die ganze Nation heute und morgen an ihrer Seite sein wird, um sie zu schützen, zu verteidigen und ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre schönste Aufgabe zu erfüllen, die es gibt: freie Bürger zu machen“, sagte er. Er erwähnte auch, dass die Direktorin der Schule in den vergangenen Wochen hohem Druck ausgesetzt gewesen sei - ging aber nicht auf die Hintergründe ein.

Im Kampf gegen radikalen Islamismus hatte der Staatschef zuletzt vor allem auf die Bildung als zentrales Element gesetzt. Der Fernunterricht von Kindern, die zu Hause bleiben, solle vom kommenden Sommer an strikt eingegrenzt werden, kündigte Macron Anfang Oktober an. Ausnahmen solle es nur noch aus Gesundheitsgründen geben. Unterricht sei vom Alter von drei Jahren an verpflichtend.

Lehrer in Paris enthauptet – Macron spricht von islamistischem Anschlag

Zahlreiche Politikerinnen und Politiker reagierten geschockt auf den Vorfall. „Dieser Angriff ist nicht nur ein Angriff zu viel. Er ist barbarisch und sehr ernst“, sagte David Le Bars, Generalsekretär einer Polizeigewerkschaft, dem Sender Franceinfo. „Wir befinden uns wieder in diesem Kreislauf der Gewalt. Und die Menschen sind sich dessen bewusst.“

Erst vor wenigen Wochen hatte es vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ in Paris eine Messerattacke gegeben. Dabei wurden zwei Menschen verletzt - auch hier hat der Täter veröffentlichte Mohammed-Karikaturen als Motiv für die Tat angegeben.

Auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ hatte es im Januar 2015 einen tödlichen Anschlag gegeben. Aktuell läuft in Paris der Prozess gegen mutmaßliche Helfer der Terrorserie im Januar 2015, bei der insgesamt 17 Menschen getötet wurden.

Frankreich wird seit Jahren von islamistischen Anschlägen erschüttert - dabei starben mehr als 250 Menschen. Daher ist die Terrorgefahr fast ständig im Bewusstsein der Menschen. Frankreichs Regierung hat den Kampf gegen den Terror zu einer Top-Priorität gemacht und warnt immer wieder, dass die Gefahr von Terrorangriffen sehr hoch sei. (Marvin Ziegele mit dpa)

Rubriklistenbild: © BERTRAND GUAY/AFP

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