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Terror gegen die Neue Seidenstraße in Pakistan - China fürchtet mehr Anschläge nach Taliban-Sieg

Zwei Sicherheitsmänner stehen auf dem Bahnsteig bei der Eröffnung einer neuen U-Bahnlinie in Lahore.
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Projekt von Chinas Neuer Seidenstraße: Wachleute bei der Eröffnung einer neuen U-Bahnlinie im pakistanischen Lahore im Herbst 2020.

China verlangt von den Taliban, dass sie gegen Terrorgruppen vorgehen. Peking fürchtet die Infiltration von uigurischen Kämpfern in Xinjiang. Die meisten Anschläge gegen Chinesen aber gibt es in Pakistan.

Peking/Islamabad/Kabul/München - China wird nicht müde, vor Terroranschlägen in der Konfliktregion um Afghanistan zu warnen. Bei jeder Gelegenheit* fordern Pekings Außenpolitiker die siegreichen Taliban auf, islamistischen Terrorgruppen keinen Unterschlupf zu gewähren. Die Sorge ist berechtigt. Zuletzt häuften sich Anschläge auf Chinesen und Projekte der Neuen Seidenstraße* in Afghanistans Nachbarland Pakistan. Im Juli starben dort beim Angriff auf einen Bus neun chinesische Ingenieure. Und auch andere Staaten warnen davor, dass der Staat am Hindukusch wieder zum Hort von Terroristen einschließlich Al-Kaida wird - wie unter der ersten Herrschaft der Taliban 1996-2001.

Öffentlich sprechen Chinas* Diplomaten vor allem von der uigurischen Terrorgruppe East Turkestan Islamic Movement (ETIM), die in Afghanistan operieren soll. Aus dieser ging zudem eine weitere Gruppe namens Turkestan Islamic Party (TIP) hervor. Peking verlangt, dass die Taliban gegen diese Gruppen vorgehen, die einen uigurischen Staat in der nordwestchinesischen Region Xinjiang errichten wollen. Dort regiert Chinas Kommunistische Partei mit harter Hand und soll Hunderttausende muslimischer Uiguren in Umerziehungslagern interniert haben, um sie zu assimilieren.

Doch schlimmer ist die Lage für Peking derzeit in Pakistan. Dessen poröse Grenze zu Afghanistan liegt in unwegsamem Gelände; sie ist schwer zu kontrollieren, und seit Jahrhunderten bewegen sich die auf beiden Seiten wohnenden Bevölkerungsgruppen ganz natürlich hin und her, als gebe es die zum Ende der Kolonialzeit gezogene Grenze gar nicht. Zwischen diese mischen sich auch Terroristen: In der Region hatte Al-Kaida-Chef Osama Bin Laden nach 2001 zunächst seinen Unterschlupf. Pakistan gehört zu den engsten Verbündeten Chinas, dort entsteht mit dem China Pakistan Economic Corridor (CPEC) eines der Schlüsselprojekte der Neuen Seidenstraße, mit vielen Infrastrukturprojekten bis hinunter zum Hafen Gwadar am Indischen Ozean. Überall sind dort auch chinesische Firmen mitsamt ihrer Mitarbeitenden aktiv. Mit seinem pakistanischen Amtskollegen Shah Mahmood Qureshi will Chinas Außenminister Wang Yi die Afghanistan-Politik koordinieren.

Pakistan: China im Fadenkreuz separatistischer Terrorgruppen

Doch in Pakistan steht China im Fadenkreuz lokaler militanter Gruppen, und die Frequenz ihrer Angriffe auf Chinesen und Investitionsprojekte im Land nimmt zu. Angreifer reichen von pakistanischen Separatisten aus den Grenzregionen von Belutschistan und Sindh bis hin zu islamistischen Dschihad-Gruppen wie dem lokalen Taliban-Ableger Tehrik-i-Taliban Pakistan (TTP). Allein in diesem Jahr gab es bereits vier Anschläge auf prominente chinesische Ziele.

Bei dem bisher tödlichsten Anschlag starben im Juli neun chinesische Ingenieure: Ein Attentäter sprengte einen Bus mit chinesischen Vertragsarbeitern nahe dem Dasu-Staudamm - einem Seidenstraßen-Projekt in der an Afghanistan grenzenden Provinz Khyber Pakhtunkhwa. Noch ist unklar, wer hinter dem Attentat steckt, das Pakistan zunächst versuchte als Unfall zu deklarieren. „Normalerweise müsste sich jemand zu einem so ‚erfolgreichen‘ Anschlag bekennen“, sagt Raffaello Pantucci vom Verteidigungs-Thinktank Royal United Services Institute in London zu Merkur.de*. Die Sache sei undurchsichtig, es gebe nicht einmal Informationen über den Attentäter, dessen Leiche die pakistanische Polizei ja untersucht haben müsse. „Ich bin sicher, dass die chinesische Seite bereits eigene Nachforschungen anstellt“, sagt Pantucci.

Pakistan: Anschläge von Separatisten auf China, weil es mit Islamabad verbündet ist

Die Anschlagsserie offenbart die Schwäche der pakistanischen Regierung: Sie kann nicht einmal ihren engen Verbündeten schützen. Die Befreiungsarmee Belutschistans (BLA) attackierte chinesische Ziele bereits mehrfach, 2018 sogar das Konsulat in Pakistans größter Metropole Karatschi. Zuletzt gab es erst im August einen BLA-Anschlag in der Nähe des Seidenstraßen-Hafenprojekts von Gwadar auf einen chinesischen Konvoi. Die BLA behauptet, dabei sechs Chinesen und drei Wachmänner getötet zu haben - während China von mehreren Verletzten und einem getöteten pakistanischen Kind spricht. Besorgniserregend und neu sei dabei der Einsatz eines Selbstmordattentäters gewesen, sagt Pantucci. Das gehört eher zum Arsenal islamistischer Terroristen und ist für Separatisten eher ungewöhnlich. Seit Dezember 2020 waren zuvor mehrmals Chinesen auch von anderen Separatistengruppen beschossen worden, zuletzt kurz nach der Attacke von Gwadar.

„Die separatistischen Gruppen aus Sindh und Belutschistan nehmen China als neokoloniale Macht wahr, die nach ihren Rohstoffen greift und sich mit ihrem Hauptgegner zusammenschließt: dem pakistanischen Staat“, schrieb Pantucci kürzlich gemeinsam mit dem Terrorexperten Abdul Basit von der Nanyang Technological University in Singapur im US-Magazin Foreign Policy. So habe etwa das BLA-Bekennerschreiben nach der Attacke in Karatschi China Ausbeutung „im Gewand von Entwicklungsprojekten“ vorgeworfen. Viele Menschen in den Grenzregionen leben in bitterer Armut und erhalten wenig Unterstützung vom Staat. „Und China baut mit der pakistanischen Regierung Seidenstraßen-Projekte durch ihre Regionen, von denen die Menschen dort aber nicht profitieren“, sagt Pantucci im Gespräch.

Hier werde China in ein innpolitisches Problem Pakistans verwickelt, betont der Experte. Es gebe wenig, was China dagegen tun könne. Also konzentriere es sich darauf, in Pakistan selbst und auch in Afghanistan Geheimdienstinformationen über die betreffenden Gruppen zu bekommen, um mit ihnen direkt zu verhandeln - an der Regierung vorbei. „Ich habe Gerüchte gehört, dass China Kontakt zu diesen Gruppen aufgenommen hat - und ich bin sicher, dass Pakistan diese Gerüchte auch kennt“, sagt Pantucci. Amüsiert dürfte man in Islamabad darüber nicht sein.

China: Zunehmend auch Ziel militanter Dschihadisten

Die Regierung und der pakistanische Geheimdienst haben das Problem allerdings selbst mit geschaffen. Pakistan hatte den afghanischen Taliban jahrelang erlaubt, auf pakistanischem Territorium zu operieren - und damit indirekt auch eigenen Islamisten Auftrieb gegeben, darunter einer lokalen Gruppe radikaler Taliban-Kämpfer (Tehrik-e-Taliban Pakistan, TTP). Chinas Botschafter in Pakistan Nong Rong entging im April nur knapp einem Angriff der TTP in einem Hotel in der Stadt Quetta.

Die TPP zählen zu den islamischen Dschihadisten - und auch diese haben es zunehmend auf China abgesehen. Das liegt zum einen daran, dass China als aufstrebende Großmacht in der globalen Geopolitik aktiver - und damit sichtbarer wird. Mit dem Abzug der westlichen Schutzmächte aus Afghanistan werden künftig andere Mächte in der Konfliktregion ihren Einfluss ausüben*: Russland, Pakistan, Indien oder Iran - und vor allem China. Hinzu kommt die Unterdrückung der muslimischen Minderheit der Uiguren in Xinjiang durch Peking, die islamischen Terrorgruppen ein Dorn im Auge ist. Laut einem aktuellen Bericht des UN-Sicherheitsrates besteht die - für viele Jahre auch von den USA als Terrorgruppe eingestufte - uigurische ETIM in Afghanistan aus ein paar hundert Kämpfern, die auf vier Provinzen verteilt sind. Wie aktiv diese Kämpfer sind und wie gefährlich, ist unklar.

Xinjiang: China fürchtet Terrorgruppen ETIM und TIP

China fürchtet eine Infiltration von ETIM und TIP nach Xinjiang*. Die Forderung an die Taliban, diese Gruppen nicht länger zu unterstützen, gehörte daher von Anfang an zu den Bedingungen, die China den Taliban für eine Normalisierung der Beziehungen stellte*. Die Taliban sagen stets zu, dass ihr Land kein Schutzhafen für Terroristen werde und Afghanistan nicht für Kämpfe gegen andere Staaten genutzt werden dürfe. Talibansprecher Suhail Shaheen betonte vor ein paar Tagen im Interview mit der chinesischen Staatszeitung Global Times, dass deshalb viele ETIM-Kämpfer Afghanistan verlassen hätten. Shaheen nannte drei Zusagen: „Erstens werden wir kein Training auf unserem Territorium zulassen. Zweitens werden wir nicht zulassen, dass Gruppen mit einer Agenda im Ausland sich hier Mittel beschaffen. Drittens werden wir nicht den Aufbau von Rekrutierungszentren in Afghanistan zulassen. Das sind die wichtigsten Dinge.“

Wang Yi und Mullah Abdul Ghani Baradar: China und die Taliban sind keine natürlichen Verbündeten - aber sprechen trotzdem miteinander.

„Wir hoffen, dass die afghanischen Taliban* ihre Versprechen einlösen, mit der ETIM und anderen Terrororganisationen brechen und wirksame Maßnahmen ergreifen können, um sie energisch zu bekämpfen“, sagte Außenministeriumssprecher Zhao Lijian am Tag nach dem Interview. China ist offen für einen realpolitischen Umgang mit den Taliban*, bleibt aber misstrauisch.

„Die Taliban sagen allen dasselbe zu“, sagt Pantucci. Aber es gebe bisher keine Berichte von konkreten Kampagnen gegen Terrorgruppen vor Ort. „Warum auch?“, sagt Pantucci. Viele dieser Terrorgruppen hätten jahrelang mit den Taliban gekämpft. Jetzt haben die Taliban gewonnen - und da sollen sie sich gegen ihre einstigen Verbündeten richten, nur weil andere Staaten das wollen? Pantucci hält das für unplausibel. Auch uigurische ETIM-Kämpfer hätten an der Seite der Taliban gekämpft. „Die vorherige Regierung in Afghanistan hasste ETIM deswegen“, sagt Pantucci. Der Frage nach einer möglichen Auslieferung gesuchter ETIM-Terroristen an China wich Shaheen aus. Es stehen unruhige Zeiten bevor - und das gilt auch für China (ck) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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