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Chinas neue Normalität: Corona-Tests in Endlosschleife – Horrende Kosten erwartet

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Von: Christiane Kühl

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Ein Junge öffnet den Mund, um sich an einer Teststation in Peking auf das Coronavirus testen zu lassen.
Corona-Tests in Peking: Mehrere Metropolen sehen PCR-Tests dauerhaft als Eintrittskarte zum öffentlichen Leben. © Peng Ziyang/Imago/Xinhua

In China setzen mehrere Metropolen langfristig auf PCR-Tests für den Zugang zu Verkehrsmitteln oder Bürogebäuden. Die Hoffnung ist, auf diese Weise Lockdowns wie in Shanghai zu verhindern.

Update vom 4. Mai, 17.05 Uhr: Corona-Tests und kein Ende: Das dürfte teuer werden für China. Die offenbar geplante massive Ausweitung regelmäßiger Corona-Tests auf immer mehr Städte könnte das Land in diesem Jahr 1,5 Prozent seines gesamten Bruttoinlandsprodukts für 2021 kosten. Zu diesem Ergebnis kommt die Finanzfirma Soochow Securities. Wenn alle größeren Städte Chinas mit insgesamt rund 5050 Millionen Einwohnern ein Jahr lang Massentests durchführen, könnte das rund 1,7 Billionen Yuan – umgerechnet 245 Milliarden Euro – kosten, berechnete Tao Chuan, Chief Macro Analyst bei Soochow Securities. Das entspreche etwa 8,7 Prozent der öffentlichen Steuereinnahmen des letzten Jahres, sagte Tao der Hongkonger Zeitung South China Morning Post.

Unterdessen gaben weitere Städte die Einführung routinemäßiger Massentests nach Vorbild Pekings oder Shenzhens bekannt. Die Kommunalbehörden in der nordöstlichen Hafenstadt Dalian wollen ab Donnerstag (5. Mai) bis auf weiteres jede Woche Massentests ansetzen. Und Zhengzhou, Hauptstadt der Provinz Henan und wichtiger Verkehrsknotenpunkt, kündigte an, bis Freitag drei Testrunden in der Innenstadt durchzuführen. Beide Städte haben mehrere Millionen Einwohner. Hinzu kommen Massentests in kleineren Städten.  

China: Werden Ständige Coronatests die neue Normalität?

Erstmeldung vom 3. Mai: Peking/München – Wird der PCR-Test in China dauerhaft zur Eintrittskarte in ein halbwegs normales Leben? In den Metropolen Shenzhen, Hangzhou und Peking ist ein negatives Testergebnis innerhalb von 48 oder 72 Stunden inzwischen Voraussetzung, um in die U-Bahn zu steigen, stark besuchte Orte oder ein Bürogebäude zu betreten. Das gilt ganz unabhängig von der Wahrscheinlichkeit einer Person, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Die drei Städte bauen bereits Tausende staatlicher Teststationen auf. Allein Hangzhou etwa plant 10.000 vorerst dauerhafte Testcenter. Die meisten anderen Länder setzten dagegen auf Schnelltests. PCR-Tests gab es auch in Deutschland vorwiegend für bereits positiv Getestete.

Das strikte Testregime soll drakonische Lockdowns wie in Shanghai verhindern. Noch können anderswo in China die Menschen zur Arbeit gehen, einkaufen oder sogar Unterhaltungsstätten besuchen – solange sie eben rechtzeitig negative Testergebnisse liefern können. Und zwar durch PCR-Tests – Selbsttests gelten in den drei Städten nicht. Die PCR-Tests, früher Voraussetzung vor allem für provinzübergreifende und internationale Reisen, könnten somit bald zu einem festen Bestandteil des städtischen Lebens werden. Und zwar unabhängig davon, ob es einen lokalen Ausbruch gibt oder nicht.

China: Wie sinnvoll ist der Kampf gegen Omikron durch teure Testkampagne?

Ob eine Test-Endlosschleife einen größeren Ausbruch in diesen Städten wirklich verhindern kann, ist angesichts der rapiden Verbreitung der auch in China vorherrschenden Omikron-Variante allerdings völlig offen. Manche Kritiker nannten dies nach Angaben der South China Morning Post unnötig und viel zu teuer. Vor allem die Hauptstadt Peking und die südliche Tech-City Shenzhen gelten als Leitmetropolen. „Angesichts ihres großen Einflusses dürften weitere Städte Chinas ihrem Beispiel folgen“ und ebenfalls Tests in Dauerschleife starten, kommentierte das Blatt am Dienstag.

Zwar wären die direkten Kosten einer dauerhaften Testkampagne geringer als diejenigen für einen vollständigen Lockdown. Dennoch erhöhen endlose Tests den Druck auf die Finanzen vor allem kleinerer Städte: PCR-Testkits, Teststationen, zusätzliches Gesundheitspersonal und Kontrollen kosten Geld. Zumal sich die Frage stellt: Was passiert in eigentlich gar nicht befallenen Städten mit jenen, die doch einmal positiv testen? Die Gesundheitsbehörden in Peking haben bereits alle Städte im Land aufgerufen, rechtzeitig Isolationszentren für positiv Getestete zu errichten. Das würde zwar ein Chaos wie in den unvorbereiteten Metropolen Shanghai und Hongkong verhindern. Aber der Aufbau zigtausender Betten im ganzen Land würde weitere Unsummen verschlingen.

Detaillierte Daten über die Corona-Ausgaben der Kommunen gibt es bislang zwar kaum. Doch Null-Covid ist auf jeden Fall teuer. Die Shanghai benachbarte Stadt Suzhou etwa musste nach eigenen Angaben 120 Millionen Yuan (17 Millionen Euro) berappen zur Bekämpfung eines kleineren Ausbruchs Mitte Februar – für die angeordneten PCR-Tests ebenso wie für Schutzanzüge, medizinische Versorgung und sonstige Infrastruktur. Man mag sich vorstellen, wie viel Geld Shanghai derzeit für den Lockdown ausgeben muss.

Die lokale Website UVocation berechnete auf Basis der getesteten Personen und der Kosten für einen PCR-Test inklusive Instrumenten, Schutzkleidung und Transport, dass Shanghai zwischen Ende März und Ende April allein für die PCR-Massentests gut 5,5 Milliarden Yuan ausgegeben haben musste. Das sind gut 790 Millionen Euro. Für die vielen Isolierzentren sind es demnach sogar gut 1,7 Milliarden Euro. Hinzu kommen laut UVocation Kosten für Schnelltests, Steuernachlässe und Mietreduktionen für Staatsfirmen. Insgesamt habe Shanghai für alle diese Dinge 27,7 Milliarden Yuan ausgegeben – knapp 40 Milliarden Euro. Es ist eine stolze Summe, selbst für eine 25-Millionenmetropole wie Shanghai.

China: Null-Covid-Politik kommt Kommunen teuer zu stehen

Auch die derzeit vor einem Lockdown zitternde Hauptstadt Peking muss für die aktuellen Testserien und all die Kontrollen also tief in die Tasche greifen. Dort dürfen die meisten Geschäfte und öffentlichen Einrichtungen nur noch Kunden mit einem aktuellen PCR-Test hineinlassen. Die Restaurants der Stadt sind noch bis zum Mittwoch (4. Mai) für Gäste geschlossen und dürfen Gerichte nur zum Abholen oder Ausliefern anbieten. Dabei liegen die Neuinfektionen in der Hauptstadt bisher gerade mal im zweistelligen Bereich.

Zugleich erlahmt im gesamten Land die Wirtschaft, was wiederum die Steuereinnahmen der Kommunen drückt. Nach einem Papier von Forschenden der Universitäten Tsinghua und Zhejiang sowie der Chinese University of Hong Kong und der US-Universität Princeton, werde Chinas Null-Covid-Politik das Land wohl mindestens 46 Milliarden US-Dollar pro Monat kosten – an verlorener Wirtschaftsleistung. Das entspreche etwa 3,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.  

China: Null-Covid und kein Ende – Negativbeispiel Shanghai

Angesichts des Lockdown-Chaos in Shanghai gilt für alle anderen Städte: alles, nur das nicht. Nach nunmehr fünf Wochen sind in der Hafenmetropole noch immer keine Lockerungen in Sicht. Zwar fällt die Zahl der Neuinfektionen stetig. Sie lag am Dienstag bei 5.669, davon 274 Fälle mit Symptomen. 20 Menschen starben. Doch da sich die lokalen Behörden sorgen wegen einer Zunahme neuer Fälle in sogenannten „Niedrigrisiko-Vierteln“ mit etwas weniger strengen Kontrollen, bleibt es vorerst beim Lockdown. Derweil dringen immer wieder vereinzelte Gruselgeschichten aus der abgeriegelten Stadt. Am Dienstag war es die Meldung, dass das offenbar überforderte Personal eines Pflegeheims irrtümlich einen älteren Bewohner, der noch lebte, in einem Leichensack abtransportieren lassen wollte. Glücklicherweise bewegte sich der Mann rechtzeitig. (ck)

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