75. Jahrestag

NS-Pogromnacht: Gauck mahnt zu Zivilcourage

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Bundespräsident Joachim Gauck (r.) und der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan J. Kramer in Eberswalde.

Eberswalde - 1938 brannten in Deutschland die Synagogen. Geschäfte wurden geplündert, Tausende Juden verschleppt. Zum 75. Jahrestag der NS-Pogromnacht warnen Politiker heute vor Fremdenhass und Rassismus.

Am 75. Jahrestag der antisemitischen Pogrome in Deutschland haben Politiker und Kirchenvertreter zu mehr Courage gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus aufgerufen. Bundespräsident Joachim Gauck sagte, die Erinnerung an Opfer und Täter der NS-Verbrechen sei wichtig. Es komme aber auch darauf an, sich als Gesellschaft entschlossen zu positionieren. „Wir müssen heute da hinschauen, wo es erforderlich ist“, betonte Gauck am Samstag in Frankfurt (Oder). Das gelte für Institutionen wie für alle Bürger, unterstrich der Bundespräsident mit Verweis auf die Morde des NSU.

Am Wochenende wurde der Opfer der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 gedacht. Sie gilt als Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten, die in jener Nacht einen Großteil der mehr als 1200 Synagogen und jüdischen Gebetshäuser in Deutschland zerstörten, plünderten und mordeten. Bei der Terrorwelle wurden nach Historiker-Einschätzungen mehr als 1300 Menschen getötet und mehr als 30 000 Juden verschleppt.

Gauck: "Wir wollen ein Land sein, das offen ist“

Auch Papst Franziskus erinnerte am Sonntag an die Opfer: „Beten wir zu Gott, damit die Erinnerung an das Vergangene uns hilft, immer wachsam gegenüber jeder Form von Hass und Intoleranz zu sein“, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche beim Angelus-Gebet vor Tausenden Pilgern auf dem Petersplatz. „Erneuern wir unsere Nähe und Solidarität gegenüber dem jüdischen Volk.“ US-Präsident Barack Obama forderte in Erinnerung an die „tragischen Folgen des Schweigens“, sich gegen Antisemitismus und Intoleranz stark zu machen. Für alle Zeiten müsse man sagen: „Niemals wieder.“

Bei einer Gedenkveranstaltung im brandenburgischen Eberswalde wünschte sich Bundespräsident Gauck einen stärkeren Zusammenhalt der Gesellschaft. Menschen dürften nicht in wertvolle und weniger wertvolle Menschen eingeteilt werden. „Wir wollen ein Land sein, das offen ist.“

Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, rief in München zu Wachsamkeit auf. „Wer wegsieht, verharmlost oder schweigt, kann sich bereits mitschuldig an neuerlichen Verbrechen machen. Nur wer hinschaut, hinhört und niemals schweigt, kann etwas verändern. Das ist die Botschaft dieser Nacht.“

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) mahnte, jeder Form von Antisemitismus entgegenzutreten. Die Menschen jüdischen Glaubens müssten „absolut sicher sein“, dass sie von ihren Mitbürgern in Deutschland nicht wieder alleingelassen werden, sagte sie am Sonntag bei einer Gedenkveranstaltung im Düsseldorfer Landtag.

Zunehmende Religionsfeindlichkeit in Europa

Mit Sorge beobachten indes Juden in Europa Tendenzen hin zu Rechtspopulismus und Fremdenfeindlichkeit. „Es ist kalt geworden in unserer Gesellschaft“, sagte der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer. Er erinnerte daran, wie „schnell und reibungslos“ eine Gesellschaft in die Barbarei abgleiten könne. Die Verfolgung der Juden habe - lange vor den Konzentrationslagern - vor der Haustür ihrer Mitbürger begonnen.

Daran erinnern in deutschen Städten sogenannte Stolpersteine. Bei einer der vielen Gedenkaktionen gedachten in Berlin Prominente wie Moderator Günther Jauch der Opfer der Pogrome, indem sie einige der kleinen, in den Boden eingelassenen Messingplatten putzten. In Städten wie Berlin und Hamburg stellten Bürger am Samstagabend Kerzen neben „Stolpersteine“.

Der Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, Pinchas Goldschmidt, warnte vor einer zunehmenden Religionsfeindlichkeit in Europa. Der Raum für die Religionen von Minderheiten, etwa Juden und Muslime, werde immer kleiner, sagte er der dpa. Rund 200 europäische Rabbiner kamen am Sonntag für drei Tage in Berlin zusammen. Zur Lage der Juden in Europa meinte der Rabbiner: „Ich vergleiche das mit zwei Zügen, die mit hoher Geschwindigkeit aufeinander rasen. Auf der einen Seite haben wir die große Zahl von Einwanderern aus dem Nahen Osten und Nordafrika, auf der anderen Seite die zunehmende Einschränkung der Religionsfreiheit - und wir sind in der Mitte.“

dpa

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