Londons dicke Luft

Wie die Briten gegen ihr Umweltproblem kämpfen

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Die britische Hauptstadt hat ein Luftproblem. Foto: Philip Toscano

Feinstaub-Alarm und Fahrverbote: In Deutschland nervt vielerorts die Luftverschmutzung. In London ist sie aber ein echter "Killer".

London (dpa) - Rote Doppeldecker-Busse und schwarze Taxen schieben sich dicht an dicht über die Oxford Street, eine beliebte Einkaufsstraße im Zentrum Londons. Wer sich hier als Tourist auf eine Shopping-Tour begibt, dem kann schnell die Luft wegbleiben.

Das liegt nicht an den beeindruckenden Häusern oder der schicken Mode in den Schaufenstern. Nein, die britische Hauptstadt hat ein Luftproblem.

"Die Luft in London ist ein Killer", sagte Sadiq Khan, Bürgermeister der Millionen-Metropole, kürzlich auf einer Pressekonferenz. Der Anlass: Das Londoner Warnsystem für Luftverschmutzung hatte Ende Januar zum ersten Mal für die höchste Stufe Alarm geschlagen. Eingeführt wurde das System zum Anfang des Jahres. "Die Lungen von Kindern in manchen Stadtteilen sind unterentwickelt und viele von uns haben Asthma wegen der schlechten Luft", ärgerte sich der gebürtige Londoner.

Auch die britische Regierung steht unter Druck: Ihre neuen Pläne für den Kampf gegen die Luftverschmutzung muss sie im April vorlegen. Dazu verurteilte sie das höchste britische Gericht im vorigen Jahr. Rund 40 000 vorzeitige jährliche Todesfälle gebe es im Vereinigten Königreich wegen der Luftverschmutzung, schätzt die Regierung selbst.

"In Deutschland gab es zuletzt circa 41 100 vorzeitige Todesfälle pro Jahr, bei denen etwa Herzkreislauferkrankungen durch Feinstaub-Belastung die Ursache sind", sagt Marcel Langner vom Umweltbundesamt in Dessau-Roßlau. Das zeigten Zahlen für das Jahr 2014. "Dabei wäre es aus Sicht des Gesundheitsschutzes sinnvoll, wenn die Grenzwerte noch deutlich niedriger liegen würden."

In Deutschland kämpft vor allem Stuttgart mit dem Feinstaub. Zehntausende ältere Diesel-Fahrzeuge sollen 2018 an Tagen mit besonders hoher Luftverschmutzung nicht mehr fahren dürfen. "Am Stuttgarter Neckartor messen wir die deutschlandweit höchste Feinstaub-Belastung", sagt Langner. Das liege vor allem an der ungünstigen Lage Stuttgarts in einem Talkessel.

Das giftige Gas Stickstoffdioxid (NO2) finde sich hingegen an allen stark befahrenen Straßen deutscher Städte. Extrem hohe Werte werden ebenfalls vor allem in Stuttgart und sowie an der Landshuter Allee in München erfasst.

In London wurde die jährliche Luftverschmutzungsgrenze der EU in diesem Jahr schon am 5. Januar überschritten. Eine weitere Mahnung für den 2016 gewählten Bürgermeister, der Londons Luft nun gründlich reinigen will: Bis 2020 plant Khan, eine Umweltzone vom Hyde Park bis zum Bankenviertel einführen. Schadstoffreiche Fahrzeuge sollen daraus verbannt werden - es sei denn, die Fahrer zahlen eine City-Maut.

Für die schwarzen Taxen gibt es nun eine Altersgrenze. Rund 6000 von ihnen dürfen nicht mehr fahren. Langfristig sollen Elektro-Taxen zum Einsatz kommen. Am nördlichen Polarkreis werden sie derzeit getestet. Viele Doppeldecker-Busse wurden bereits erneuert. Die Bus-Flotte gehöre nun zu den "saubersten und neuesten der Welt", heißt es auf der Webseite des Bürgermeisters.

"Wir freuen uns, dass der Bürgermeister die Luftverschmutzung ernst nimmt, aber er könnte noch weiter gehen", sagt Anna Heslop, Anwältin bei der Umweltorganisation ClientEarth. So solle die Umweltzone für den ganzen Raum London und für alle Fahrzeuge gelten. "Außerdem gilt die City-Maut nur für alte Autos, sie sollte aber auch für die schmutzigsten Fahrzeuge gelten", so die Anwältin.

"Eine City-Maut gibt es in Deutschland nicht. Ein wichtiges Instrument sind jedoch die Umweltzonen", betont Langner. "Grundsätzlich empfehlen wir, dass nur noch Diesel-Pkw in Innenstädte einfahren dürfen, die unter realen Fahrbedingungen Stickoxide von maximal 120 Mikrogramm pro Kilometer freisetzen." Derzeit erfüllten nur die allerwenigsten Diesel-Autos diese Anforderung.

Um den Feinstaub weiter zu reduzieren, ist es Langner zufolge auch wichtig, in Ballungsräumen nicht mit Holz zu heizen. Besonders gefährlich ist der Einsatz von Kohle. Dies wurde den Londonern einst bei bestimmten Wetterlagen zum Verhängnis: Beim "Großen Smog" von 1952 starben über 12 000 Londoner an den Folgen des giftigen Nebels. Den hatten sie zuvor verharmlosend "Erbsensuppe" genannt.

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