Wechselbad der Gefühle

Ramonas und Melanies sinnloser Tod bei einem Raser-Unfall: Alptraum für Angehörige hört nicht auf

„Dieses Strahlen - so waren sie“: Ramona Daxlberger und Melanie Rüth (von links).
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„Dieses Strahlen - so waren sie“: Ramona D. und Melanie R. (von links).

Ein schrecklicher Unfall jährt sich am heutigen 20. November zum 3. Mal: Weil ein Mann beim Überholen zu viel riskierte, starben bei Rosenheim zwei junge Frauen. Die Eltern und die  Geschwister von Melanie und Ramona sind seitdem durch ein Wechselbad aus Trauer, Wut und Trost gegangen. 

  • Am 20.November 2016 kam es in Rosenheim zu einem schrecklichen Unfall.
  • Zwei junge Frauen aus Rosenheim kamen bei dem Autounfall ums Leben.
  • Die Familien der beiden jungen Frauen aus Rosenheim durchleben seitdem ein Wechselbad der Gefühle.

VON MICHAEL WEISER

Am heutigen Mittwoch werden sie zusammensitzen, wie so oft in den vergangenen 1095 Tagen. Sie werden reden miteinander, sie werden gemeinsam schweigen. Und eben Mittwoch werden sie essen, was Melanie, damals 21 Jahre alt, am liebsten gegessen hat: Hühnerschnitzel in Parmesankruste.

Die R.s, also die Eltern Kerstin und Ralf sowie Tochter Chiara, und die D.s, also Franz und Manuela sowie Magdalena: Sie sind einander näher gekommen, als man das sonst auch unter guten Nachbarn in ihrem Dorf im Landkreis Rosenheim finden mag. Dass sie Mittwoch zusammen essen, das ist wegen der Ereignisse des Tages, der sich am 20. November 2019 zum dritten Mal jährt. Es ist der Tag, an dem ein Mann aus Ulm seinen Überholvorgang nicht mehr abbrechen konnte. „Unendliche Traurigkeit“, sagt Manuela D.: Das sei es, was sie spüre. „Nun sind es schon drei Jahre, dass wir weiterleben müssen ohne die beiden.“ Drei Jahre seit dem Unfassbaren.

Rosenheim: Unfall mit unfassbarer Vorgeschichte 

Am Abend des 20. November 2016 raste auf der Miesbacher Straße in Rosenheim der rote Golf des Ulmers frontal in den grünen Nissan, den Melanie R. lenkte. Melanie und ihre Freundin Ramona D. (15) starben, Ramonas Schwester Magdalena wurde schwer verletzt. Kurz nach Mitternacht erfuhren die Eltern von der Katastrophe.

Es war ein Crash mit unbegreiflicher Vorgeschichte, verursacht wohl durch die rücksichtslose Fahrweise von jungen Männern, die sich heillos überschätzten. Vor einer Woche erst verkündete das Landgericht in Traunstein das Urteil in der Berufungsverhandlung gegen zwei junge Männer aus dem Landkreis Rosenheim. Sie lenkten ihre BMW nach Überzeugung des Richters so, dass dem überholenden Ulmer das Einscheren im Angesicht des Gegenverkehrs unmöglich wurde.

Zwei Jahre und drei Monate muss demnach der eine hinter Gitter, gar zwei Jahre und fünf Monate der andere. Die Eltern hatten einander danach umarmt, hatten von Erleichterung gesprochen, davon, dass man nun wieder versuchen könne, ins Leben zurückzukehren.

Dann kam die Nachricht, dass die Anwälte Revision eingelegt hätten.

Ralf R. bemüht sich um Sachlichkeit. „Es nimmt dem Ganzen etwas von seiner befriedenden Wirkung“, sagt er. „Es ist schon schwierig wegen der Revision, aber das ist halt juristisch so.“ Ramonas Mutter dagegen macht aus ihrer Fassungslosigkeit keinen Hehl. „Jeder kann Fehler machen, aber er muss dazu stehen“, sagt sie. „Zweimal bereits gab es ein Urteil, und jetzt winden sie sich schon wieder raus.“

Nach dem tödlichen Unfall in Rosenheim: Die Familien finden Trost im Glauben

Für den 23. November haben die Familien zum Gottesdienst in die Dorfkirche im Landkreis Rosenheim eingeladen. Ein guter Freund wird Saxophon spielen, andere Freunde werden bayerisch musizieren, mit Gitarre und Hackbrett. 

Eigentlich hätte es so etwas wie ein Abschluss-Gottesdienst werden sollen. Davon kann nun nicht mehr die Rede sein. „Was die uns Familien antun – das ist unvorstellbar“, sagt Manuela D. an die Adresse der beiden BMW-Fahrer. Davon, dass die Strafe eine Lehre sein könnte, sind die Eltern auch nicht mehr recht überzeugt. Nur wenige Tage nach dem Urteil tötete ein Raser in München einen 14-Jährigen, wie tz.de* berichtet.

„Unfassbar“, sagt Ralf R. „Die Strafen für so etwas müssen drakonischer werden.“ „Die armen Eltern“, das schießt Manuela D. und den andern durch den Kopf, jenen, die dabei waren, als vor drei Jahren die Welt stillstand.

Dennoch hoffen beide Familien, am Samstag Trost zu finden, in derGesellschaft vieler Menschen, die ihr Mitgefühl bekunden, aber auch im Gottesdienst an sich. Beide Familien stehen zu ihrem Glauben. „Welcher Gott lässt das zu? Das haben wir in diesem Moment nicht gedacht“, beteuert Manuela D. „Das wäre ja gar nicht aushalten.“ „Ohne den Glauben an Gott hätten wir das nicht durchgestanden“, sagt wiederum Kerstin R.

Nach dem Unfalltod der Töchter in Rosenheim: „Man spürt ihre Anwesenheit“ 

Die Eltern sind überzeugt davon, dass ihre Kinder in ein anderes, ein besseres Leben eingegangen sind. „Manchmal erlebt man was – da weiß man, das war sie“, sagt Manuela D. Sie hadere nicht, sagt sie, sie spüre auch Dankbarkeit: für Magdalena, die Tochter, die überlebt hat, wenn auch schwer verletzt. Fast ein Wunder, wenn man bedenkt, dass ein Gutachter die Überlebenschance bei einem solchen Tempo auf nicht mal fünf Prozent angesetzt hatte.

Es gibt noch mehr, was es beiden Familien geradezu unmöglich macht, nur an die Macht des Zufalls zu glauben. Wie sonst sollen sie sich und andern erklären, dass Chiara schon im Auto saß, dann aber ausstieg, weil sie sich nicht nach Ausgehen fühlte, und lieber zu Hause blieb? Wie könnten sich die D.s sonst erklären, dass Ramona sich so ganz anders, so – sorgfältig verabschiedete? „Wir fahren jetzt, Mama, pfiad euch. Ich hab euch lieb“, habe Ramona gesagt, erinnert sich Manuela D. Und sie ist sich sicher: „Man spürt ihre Anwesenheit immer noch.

Vor dem Unfall in Rosenheim: Ein letzter Gruß aus dem Ristorante 

Weder Franz und Manuela D., noch Kerstin und Ralf R. haben es bislang übers Herz gebracht, die Unfallstelle aufzusuchen.Drei weiße Kreuze hat dort jemand aufgestellt, die Eltern wissen nicht wer, sie sind aber dankbar für diese Anteilnahme. Ein weiteres Kreuz steht im Garten der R.s. Melanies Kollegen einer Zimmerei in Miesbach haben es angefertigt und den Eltern geschenkt. „Dort sind wir sehr oft“, sagt Kerstin R.

Auch am heutigen Mittwoch werden sie dorthin gehen. Und an den Abend denken, der das Leben in ein „Davor“ und ein „Danach“ teilte. Kerstin R.  hütet noch immer die Erinnerung an eine Snapchat-Nachricht ihrer Tochter: ein Foto aus dem Restaurant Giuseppe in Kolbermoor (Landkreis Rosenheim). Dazu der Spruch: „Essen mit den Besten.“

Vor genau drei Jahren endete das Leben zweier junger Menschen. Darf man heute Fotos zeigen, auf denen die beiden lachen, auf denen sie für immer jung bleiben? Ralf R. bejaht entschieden. „Zeigt diese Fotos weiter“, sagt er. Die beiden jungen Frauen seien ja genau so gewesen, so hübsch, fröhlich und unbeschwert. „Die haben Ziele und Träume gehabt, die waren nur gut. Dieses Strahlen – so waren sie, wenn sie ausgeritten sind, wenn sie einen Auftritt mit dem Trachtenverein hatten, wenn sie zur Plattlerprobe gegangen sind. Für uns leben die beiden so weiter.

Dieser Text wurde zuerst auf www.ovb-online.de veröffentlicht, einem Partnerportal der Ippen-Gruppe.

*tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

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