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Kurz vor Haftantritt geflüchtet: Verurteilter Mörder von 16-Jähriger gefasst

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Von: Marcus Giebel

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Eine Person versteckt ihr Gesicht hinter Kapuze und Maske
Ralf H. vor Gericht: Im Januar 2021 fiel das Urteil für den Mord aus dem Herbst 1993. © Bernd Thissen/dpa

Ein 56-Jähriger soll wegen eines Mordes aus den 90ern den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Doch vor der Vollstreckung des Haftbefehls gelingt dem Mann die Flucht. Nun wurde er gefasst.

Update vom 24. Dezember, 8.18 Uhr: Der flüchtige Mörder der 16-jährigen Nicole Schalla wurde gefasst. Wie unter anderem ntv berichtet wurde Ralf H. in der niederländischen Stadt Enschede von der Polizei aufgefunden worden. Neben dem Flüchtigen selbst wurde demnach auch seine Frau, die ihm geholfen haben soll, festgenommen.

Der verurteilte Mörder war am Mittwoch geflüchtet, kurz bevor er seine lebenslange Haftstrafe antreten sollte. Er hatte vermutlich mithilfe seiner Frau die Fußfessel selbst entfernt, berichtet ntv weiter.

Mörder von Nicole Schalla (16) kurz vor Haftantritt geflüchtet

Ursprungsmeldung vom 23. Dezember: Dieser Mordfall lässt die Polizei einfach nicht los. Mehr als ein Vierteljahrhundert Zeit verging zwischen dem gewaltsamen Tod einer 16-Jährigen und dem Abschluss des Prozesses gegen einen mittlerweile 56-Jährigen, der mit einem Schuldspruch endete. Doch nun müssen sich die Ordnungshüter auf die Jagd nach dem verurteilten Mörder machen - denn der befindet sich seit Dienstagabend auf der Flucht.

Der Mann war zwar am 25. Januar dieses Jahres wegen des Mordes an Nicole Schalla vor 27 Jahren vom Landgericht Dortmund zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Weil das Urteil aber noch nicht rechtskräftig war und die Richter keine Fluchtgefahr sahen, durfte Ralf H. weiter in Freiheit leben.

Mörder auf der Flucht: Fußfessel abgelegt als Urteil rechtskräftig wurde

Eine elektronische Fußfessel offenbarte seinen Aufenthaltsort rund um die Uhr. Doch die legte er nun ab, als das Urteil nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshof vor wenigen Tagen rechtskräftig wurde. Was für den Mann den zeitnahen Gang hinter Gittern zur Folge gehabt hätte.

Am Dienstag wollte die Staatsanwaltschaft den Haftbefehl vollstrecken, doch am Abend hatte sich der in Münster lebende H. von seiner Fußfessel getrennt. Ganz im Gegensatz zu seiner Lebensgefährtin, die laut Ermittlern als Fluchthelferin zu fungieren scheint. Nach dpa-Informationen werde daher von der Staatsanwaltschaft Münster geprüft, ob auch gegen die Frau ein Haftbefehl zu erwirken sei. Einen offiziellen Kommentar dazu gab es zunächst nicht.

Polizei fahndet öffentlich und bekommt viele Hinweise aus der Bevölkerung

Die Polizei ruft H. zur Fahndung aus. Dabei wird auch auf die Mithilfe der Bevölkerung gesetzt - entsprechende Informationen zum Aufenthaltsort können unter der Telefonnummer 0251/2752222 an die Polizei Münster oder auch an jede andere Polizeidienststelle weitergegeben werden.

Zwar seien bereits zahlreiche Hinweise über den Aufenthaltsort des Flüchtigen eingegangen, doch er sei unauffindbar, teilte die Polizei mit. H. wird wie folgt beschrieben: Er sei 1,80 Meter groß, wiege etwa 80 Kilogramm, sei schlank, trage braune, schüttere Haare, seine Augenfarbe sei blau-grau.

Mord im Jahr 1993: Jugendliche soll bis zu acht Minuten um ihr Leben gekämpft haben

Nicole Schalla war am 14. Oktober 1993 unweit ihres Elternhauses tot aufgefunden worden. Ihr Slip war zerrissen, ihr Intimbereich entblößt. Der Täter soll ihr nahe einer Bushaltestelle aufgelauert und sie von hinten gepackt haben. Die Obduktion ließ darauf schließen, dass die Jugendliche fünf bis acht Minuten um ihr Leben gekämpft hatte, ehe sie das Bewusstsein verlor.

Erst 25 Jahre später konnten dank neuer Technik gefundene DNA-Spuren H. zugeordnet werden. Weil während des Prozesses eine Richterin erkrankte, musste dieser jedoch neu starten. So saß der Angeklagte vor dem Richterspruch bereits zwei Jahre in U-Haft - weil ihm nicht mehr Zeit hinter Gittern ohne Urteil zugemutet wurde, kam er auf freien Fuß. Dort blieb er schließlich auch, solange die Revision lief.

Polizei überprüft Wohnung und Laube - Flüchtiger Mörder bleibt verschwunden

Die Fußfessel war jedoch nötig, weil von H. weitere Gefahr für schwere Straftaten gegen Frauen ausgehen könnten. So berichtet es die Bild, die auch darauf verweist, dass der Bundesgerichtshof lediglich die Staatsanwaltschaft und den Verteidiger darüber informiert habe, dass das Urteil nun rechtskräftig sei. Die Polizei habe dagegen nichts davon gewusst.

Gegen 20.10 Uhr am Dienstabend soll H. dem Bericht zufolge in einem Gewerbegebiet in Münster-Gremmendorf seine Fußfessel und sein Handy abgelegt haben, ehe er spurlos verschwand. Die Polizei habe alle Anlaufadressen, seine Wohnung und auch eine Laube, die ihm als Übernachtungsmöglichkeit diente, aufgesucht - ohne Ergebnis.

Flucht wahrscheinlich per Auto oder per Zug - Nebenklage-Anwältin spricht von „Albtraum“

Es deute einiges darauf hin, dass die Flucht länger geplant gewesen sei. Wahrscheinlich sind H. und seine Verlobte per Auto oder per Zug unterwegs.

„Es war zu erwarten, dass der Angeklagte und jetzt Verurteilte die lebenslange Haft nicht freiwillig antreten wird“, zitiert die Boulevardzeitung die Nebenklage-Anwältin Dr. Arabella Pooth, die die Eltern von Nicole Schalla vertritt: „Meinen Mandanten kann ich das auch nicht mehr erklären, dass der Mörder ihrer Tochter jetzt weg ist. Das ist ein Albtraum.“ (mg)

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