Stalin-Zeit

Autorin Gusel Jachina: „Das ist das Echo der Vergangenheit, das sich in uns zeigt“

Tschulpan Chamatowa als Suleika auf dem Weg nach Sibirien. Ausgerechnet dort befreit sie sich vom Patriarchat. Foto: Rossija1
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Tschulpan Chamatowa als Suleika auf dem Weg nach Sibirien. Ausgerechnet dort befreit sie sich vom Patriarchat.

„Suleika öffnet die Augen“ und „Wolgakinder“: Die russische Schriftstellerin Gusel Jachina über ihre Romane zur Stalin-Ära und die vehementen Reaktionen, die sie in ihrer Heimat ausgelöst haben.

  • Die Schriftstellerin Gusel Jachina ist mit den Romanen „Suleika öffnet die Augen“ und „Wolgakinder“ berühmt geworden.
  • Die Autorin aus Russland spricht im Interview über ihre Romane zur Stalin-Ära.
  • Die Bücher von Gusel Jachina haben in Russland heftige Reaktionen ausgelöst.

Fr au Jachina, als Ihr Buch „Suleika öffnet die Augen“ vor fünf Jahren erschienen ist, wurden Sie mit Lob überschüttet, aber es gab auch harte Kritik. Jetzt ist in der russischen Presse wieder vom Streit zu lesen, dieses Mal über die TV-Serie zum Buch. Die Geschichte handelt von der Zwangskollektivierung in der Stalin-Ära, von Verbannung, erzählt vor allem am Beispiel einer jungen Tatarin. Warum wieder dieser Aufschrei?

Wir reden ja hier nicht von fachlicher Kritik, es geht um politische Äußerungen. Und da gibt es unterschiedliche Stimmen, teils widersprüchliche. Aus Tatarstan kamen nationalistische, religiöse Äußerungen, die kritisierten, dass die Heldin im Buch sich für einen russischen Mann entscheidet, dass sie ihren tatarischen Mann vergisst, dass sie ihren Sohn nicht nach der Tradition der Scharia erzieht, sondern ihn sogar von der Familie weggehen lässt und zwar nach Leningrad, also in eine andere Welt, in die europäische Zivilisation. Ja, solche Äußerungen gab es. Aber ich habe aus Tatarstan auch sehr viele positive Reaktionen bekommen, ich habe sehr viel Unterstützung, sehr viel Liebe, sehr viel Dankbarkeit erfahren, dafür, dass ich diesen Teil der tatarischen Geschichte erzählt habe. Dann gab es Stimmen, die mir vorwarfen, dass ich unsere gute Vergangenheit beschmutze, sie verleumde. Und es gab auch Stimmen, die im Gegenteil mir vorwarfen, ich würde die Repressionen zu seicht schildern, zu spannend erzählen und dass die Heldin sogar zu ihrem Glück findet. Damit hätte ich gerechtfertigt, was Stalin verbrochen hat.

Wie haben Sie diese Kritik verarbeitet?

Gusel Jachina,  42, ist russische Schriftstellerin mit tatarischen Wurzeln. Ihr Debüt „Suleika öffnet die Augen“ erschien in Russland vor fünf Jahren und löste eine Diskussion über die Darstellung der Stalin-Zeit auf. Das Buch ist soeben als Serie im russischen TV ausgestrahlt worden und heizte die Debatte über die Repressionen von Stalin wieder an. „Wolgakinder“, Jachinas zweiter, in Russland ebenfalls stark gelobter Roman, widmet sich auch der Geschichte der jungen Sowjetunion. Beide Bücher sind auf Deutsch im Aufbau Verlag erschienen.

Ich habe verstanden, dass das, was die Kritiker äußern, mehr über sie selbst etwas aussagt, als über mein Buch. Damit habe ich mich beruhigt. Jetzt sind die Reaktionen noch stärker, weil das TV-Publikum viel größer ist als die Leserschaft. Es kann aber auch sein, dass die Isolation der Corona-Zeit hier eine Rolle spielt. Die Einschränkungen sind ja in Russland recht streng. Es kann sein, dass Ängste, dass dieser Zwang, sich an einem Ort aufhalten zu müssen, also eine Art Hausarrest zu erfahren, auf die Menschen und auf ihre Reaktionen wirken. Aber es gibt nicht nur negative Reaktionen. Ja, es gab Beleidigungen, es gab sehr harte Äußerungen, aber auch sehr viel Dankbarkeit. Menschen erzählen, dass sie über ihre Familiengeschichte endlich reden können. Die Welle der Solidarität war um ein vielfaches größer. Ich habe über soziale Medien Tausende positive Reaktionen erhalten.

Gusel Jachina: Wolgakinder. Roman. A. d. Russ. v. Helmut Ettinger. Aufbau Verlag, Berlin 2019. 591 S., 24 Euro

Wenn Ihr Buch den Menschen in Russland erlaubt, über die dunklen Ereignisse in der Geschichte, in der eigenen Familiengeschichte zu sprechen, wie bewerten Sie dann die Wiederbelebung der Stalin-Ära, die in Russland zu beobachten ist? Die Mehrheit im Land bewertet dessen Rolle positiv.

Ich möchte nicht die gesamte Politik in ihrem Verhältnis zur Geschichte der frühen Sowjetunion bewerten. Ich kann als Autorin meiner Bücher sprechen, das erste Buch handelt über die Zwangskollektivierung, das zweite über die Wolga-Deutschen. Beide Bücher wurden hoch gelobt, sie wurden ausgezeichnet und wurden in viele Sprachen übersetzt. Diese Übersetzungen werden staatlich gefördert. Und dass das erste Buch von einem staatlichen Sender verfilmt wurde – das ist doch auch wichtig. Ja, ich hatte tatsächlich Bedenken, dass bei der Verfilmung vielleicht etwas weichgespült werden könnte. Aber das Buch ist sehr behutsam, respektvoll gegenüber jener Zeit verfilmt worden.

Was genau haben Sie befürchtet?

Mir war es sehr wichtig, dass in der Serie Zahlen genannt werden. Und die werden gleich in der ersten Folge genannt: Vier Millionen Menschen waren Opfer der Zwangskollektivierung, 2,5 Millionen wurden deportiert. So erhält die Geschichte einer einzelnen Frau eine andere Dimension.

Autorin Gusel Jachina: „Es gibt eine Spaltung in Russland“

Von außen betrachtet wirkt es eigenartig: Einerseits bezeichnen russische Behörden das Menschenrechtszentrum Memorial, das die Aufarbeitung der Stalin-Ära vorangetrieben hat, als „ausländischen Agenten“, andererseits wird die Geschichte von Suleika im Fernsehen gezeigt. Warum hat Russland noch immer ein Problem damit, sich umfassend seiner Vergangenheit zu stellen?

Ich habe darauf keine Antwort. Es kann sein, dass der Staat mit aller Kraft versucht, die Gesellschaft nicht weiter zu spalten. Die Reaktionen auf die Serie zeigen ja, dass es die Spaltung gibt. Eine Absicht, etwas bewusst zu vertuschen, sehe ich nicht.

„Es gab harte Äußerungen, aber auch sehr viel Dankbarkeit“, sagt Gusel Jachina. 

In „Wolgakinder“ beschäftigen Sie sich ebenfalls mit der Stalin-Ära. Dieses Mal steht im Zentrum ein alter Mann, ein deutscher Lehrer an der Wolga. Was reizt Sie sich an jener Epoche?

Zum Ende  und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gab es in Russland eine intensive Aufarbeitung der eigenen Repressionsgeschichte. Insbesondere die Organisation „Memorial“ förderte Unmengen an Material und Daten aus Archiven. Dies ist inzwischen kaum noch möglich, die Organisation steht unter politischem Druck.

Das Sowjetregime  hatte in den 1930er und 1940er Jahre ganze Völker aus ihren angestammten Gebieten deportiert, darunter Tataren, Tschetschenen, Deutsche. Außerdem wurden Millionen in der Zeit der Zwangskollektivierung in den 1920er Jahren nach Sibirien und in asiatische Regionen deportiert

Es war eine absolut ungewöhnlich Zeit. Auf der einen Seite war es eine Zeit voller Tragödien, Millionen Menschen starben. Erst die Revolution, dann der Bürgerkrieg, dann Hunger Anfang der 20er Jahre, dann der Hunger Anfang der 30er, dann der „Große Terror“ 1937/38, dann der „Große Vaterländische Krieg“ und die Deportationen ganzer Völker. Auf der anderen Seite war diese Zeit auch voller Euphorie, besonders die 20er Jahre. Viele Menschen glaubten tatsächlich innigst, dass sie eine großartige Zukunft aufbauen werden. Und diese Mischung aus Tragödie und gleichzeitiger Blüte, etwa im kulturellen Bereich, sie ist sehr anziehend, sie fasziniert mich. Davon handelt mein zweiter Roman. Entscheidend ist das Jahr 1927, das habe ich für mich als eine Wegmarke gesetzt. Bis 1927 gab es viel Enthusiasmus, der Glaube an die Zukunft war da, dann kam es zu einem Umbruch und im Nachhinein ist klar, dass das sowjetische Märchen sich nicht mehr verwirklichen konnte. So entwickelt sich auch der Roman.

Romane von Gusel Jachina inspiriert durch persönliche Geschichte

Welche Verbindungen haben die Romane zu Ihrem persönlichen Geschichte?

Der erste Roman war inspiriert durch meine Großmutter. Sie wurde als kleines Mädchen 1930, da war sie sieben Jahre alt, mit ihre Familie in die Verbannung verschickt. Sie lebte dann 16 Jahre lang in Sibirien. Einiges aus dem Leben meiner Großmutter habe ich für den Roman übernommen. Der zweite Roman hat keinen persönlichen Bezug, in meiner Familie gibt es keine Deutschen. Aber ein Großvater war Deutschlehrer und er schenkte mir die Liebe zu der Sprache. In Kasan lebten außerdem sehr viele Deutsche, sie stellten zeitweise ein Prozent der Stadtbevölkerung, ich fand ihre Geschichte sehr interessant, so hatte ich also von früh an einen Bezug zum Deutschtum.

Mehr als ein Drittel der sowjetischen Geschichte war also geprägt durch millionenfache traumatische Erfahrungen. Inzwischen weiß die Psychologie, dass Traumata sich vererben. Glauben Sie, dass sich jene Erfahrungen auf das heutige Russland auswirken, auch auf die Menschen, die Sie kritisieren?

Eindeutig. Ich kann das nicht wie eine Wissenschaftlerin erklären, aber ich weiß aus der psychosozialen Forschung, dass jene Zeit das Heute bestimmt. Diese Erfahrungen beeinflussen unsere politische Haltung, unser Handeln. Auf individueller Ebene beeinflusst das solche Aspekte wie Angst, aber auch das Verhältnis zum Staat oder auch umgekehrt das Verhältnis des Staates zu den Bürgern. Meine Oma, die die Verbannung durchlebt hat, war ein sehr harter Mensch. Dieser harte, eiserne Charakter war in der Verbannung geschmiedet worden, sozusagen. Das war also das Geschenk jener Zeit an sie.

Gusel Jachina: Suleika öffnet die Augen. Roman. A. d. Russ. v. Helmut Ettinger. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 541 S., 22,95 Euro

Geschenk klingt so positiv …

Es kann auch negativ sein, es kann interessant sein, einnehmend, eine Art Postsendung aus der Vergangenheit. Ich denke schon mein ganzen Leben über den Charakter meiner Oma nach. Ich verstehe inzwischen auch, dass das auch die Generation meiner Mutter geprägt hat, ihre Schwestern und Brüder, und dass das auch mich geprägt hat. Das ist das Echo der Vergangenheit, das sich in uns zeigt.

Die Erkenntnisse, die Suleika hat und die ihr helfen, sich weiter zu entwickeln, sind oft mit schmerzhaften Momenten verbunden. Der Schmerz lässt sie „aufatmen“, so schreiben Sie darüber. Beim Lesen der Kritik an Ihrem Buch kam bei mir die Frage auf, ob der Schmerz, den Ihre Kritiker offensichtlich empfinden, Sie auch mal aufatmen lässt. Haben Sie die Hoffnung, dass Russland sich seiner Vergangenheit stellt?

Ja, ich habe diese Hoffnung. Ich glaube sehr daran, dass das passieren wird. Genau das versuche ich auch in meinen Büchern zu sagen. Es geht ja nicht darum, dass dann etwas leichter wird, es geht um das Annehmen dessen, was war. Aber es dauert einfach lange, alles, was geschehen ist, aufzuarbeiten. Die harten Reaktionen zeigen ja nur, wie tief der Schmerz sitzt. Ich habe ein sehr tiefes Mitgefühl für die Menschen, die damals gelebt und gehandelt haben. Ich kann heute nicht sagen, was ich damals gemacht hätte, das kann niemand. Deswegen glaube ich, dass es wichtiger ist, Mitgefühl zu empfinden und die Geschichte anzunehmen, statt sie so darzustellen, dass etwas leichter wird. Wir brauchen sehr viel Liebe im Herzen, um die Vergangenheit anzunehmen. Wenn meine Bücher dabei ein wenig helfen können, dann wäre ich sehr glücklich.

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