1. Hersfelder Zeitung
  2. Panorama

Georges Christen: Der Mann, der Pfannen zusammenrollt

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Georges Christen
Georges Christen rollt mit bloßen Händen in seiner Trainingsscheune eine handelsübliche Bratpfanne zusammen. © Harald Tittel/dpa

Der Luxemburger ist einer der stärksten Männer der Welt: 26 Einträge ins Guinnessbuch der Rekorde hat er. In wenigen Sekunden zerreißt er Telefonbücher oder verbiegt dicke Nägel.

Luxemburg - Zum Auftakt nimmt Georges Christen eine Bratpfanne. Er packt sie mit beiden Händen am Rand und rollt sie Stück für Stück nach innen zusammen. Keine zehn Sekunden dauert das, dann hält er strahlend die silberne Pfannen-Rolle am schwarzen Griff in die Höhe.

Dann greift er einen sieben Millimeter dicken Nagel und verbiegt ihn zu einem großen V. Und schließlich zerreißt er ein Telefonbuch aus 1250 Seiten: erst in zwei, dann in vier Teile.

„Das sind meine Lieblingsübungen“, sagt Christen in seiner Trainingsscheune zwischen Hanteln, Steinkugeln, verbogenen Flacheisen und einem Koffer mit Medaillen und Guinnessbüchern der Rekorde. 26 Eintragungen hat der 59-Jährige geschafft - wegen seiner Weltrekorde gilt der Luxemburger auch als einer der stärksten Männer der Welt.

Er sieht sich aber nicht als Bodybuilder oder Gewichtheber. Sondern vielmehr als Kraftathlet alter Tradition, der seine Powermuskeln für Varieté-Auftritte zur Unterhaltung einsetzt. Diese „Strongmen“ seien Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sehr populär gewesen. „Ich habe dieses alte Varieté-Genre wieder aufleben lassen. Ich denke, auf mich passt am besten die Bezeichnung "Old Time Strongman".“

Zu dem Genre - und somit zu Christen - gehört Spektakuläres. „Ich liebe kuriose und verrückte Sachen“, sagt er. Auch mit seinen Zähnen, die er seit Jahren kräftig trainiert. Er hat Biss: „Ich habe einen Eisenbahnwaggon von mehr als 20 Tonnen 200 Meter weit mit den Zähnen gezogen“, erzählt er. Oder Cessna-Leichtflugzeuge (110 PS) bei Vollgas mit den Zähnen festgehalten. „Und dann auch sonst noch alles Mögliche mit den Zähnen gezogen: Autobusse, Schiffe, Traktoren.“

Wie das geht? Er hat ein spezielles Mundstück aus Gummi, das er an Seile festmacht, die mit den Fahrzeugen verbunden sind. „Mir hat das Heben von Gewichten mit den Zähnen schon immer Spaß gemacht“, sagt er. Was er heute immer noch gerne mache, sei: Mit den Zähnen einen Tisch zu halten, auf dem eine Frau aus dem Publikum sitzt. „Und dann drehe ich mich im Kreis.“ Damit sei er auch schon mal in China beim dortigen „Wetten, dass..?“ aufgetreten. „Und Wettkönig geworden.“

Christen war als Kind nicht stärker als andere. „Ich würde sogar sagen, dass ich vielleicht eher ein bisschen ängstlicher war als andere Kinder.“ Er sei aber von Kraft fasziniert gewesen - und von dem luxemburgischen Athleten John Grün (1868-1912), der zu seiner Zeit als stärkster Mann der Welt bezeichnet wurde. Christen begann zu trainieren, mit selbstgebastelten Hanteln aus Eisen vom Schrottplatz. „Und dann wollte ich unbedingt einmal ins Guinnessbuch der Rekorde kommen. Das war damals so was wie heute die Show "Supertalent".“

Ende 1982 war es soweit. Er verbog 250 Zimmermannsnägel in knapp 73 Minuten - und landete im Buch der Rekorde. „Und dann kamen so die verrückten Sachen“, erzählt er. Auch Wärmeflaschen aufblasen, bis sie platzen, oder einen Stapel Spielkarten zerreißen. „Es ist kein Zaubertrick dabei. Es ist immer nur Kraft und Technik.“ Die Kraft liege bei ihm zu einem großen Teil im Bereich der Unterarme.

Eigentlich hat er Versicherungskaufmann gelernt. Aber irgendwann habe er gedacht: „Ich mache das zu meinem Beruf.“ Es kamen immer mehr Anfragen, immer mehr Auftritte. Von Theatern, Festivals, Betrieben oder Banken. Vor Corona waren es jedes Jahr so um die 100 Auftritte gewesen. „Ich bin nicht in jedem Land, aber in jedem Kontinent aufgetreten.“ Neue Weltrekorde plane er derzeit nicht.

Christen ist niemand, der nach hartem Training Steaks isst. Er ist seit 36 Jahren Vegetarier. „Kraftsport geht auch als Vegetarier“, sagt er. Er habe sich „aus ethischen Gründen“ dazu entschlossen, weil er gegen die Massentierhaltung ist. Er esse aber Milchprodukte und Eier - nur keine Tiere. „Damit komme ich gut zurecht. Falls mir etwas gefehlt hat, habe ich es nicht gemerkt.“

Nach Angaben des Rekord-Instituts für Deutschland (RID) ist die Liste der Rekorde von Christen „in der Tat beeindruckend“, auch aufgrund der Art seiner Rekorde. „Was die Anzahl der anerkannten Rekorde angeht, ist Georges mit seinen 26 erfolgreichen Weltrekordversuchen zwar gut dabei, aber nicht vollständig einzigartig“, sagte der Geschäftsführer vom RID, Olaf Kuchenbecker, in Hamburg. Das RID ist das deutschsprachige Pendant zum international ausgerichteten Guinnessbuch der Rekorde in London.

Fünf Mal in der Woche trainiert Christen für sich, meist jeweils zwei Stunden - mit Hanteln, Gewichten und Übungen. Außerdem gibt er seine Begeisterung für den Sport in einem Caritas-Projekt in Luxemburg an Obdachlose weiter - in zehn Stunden pro Woche. „Da geht es nicht um Rekorde, sondern um Ausdauer und Disziplin.“

Seine Lebensgefährtin hat Christen auch seinem Beruf zu verdanken. „Sie ist überhaupt keine Athletin“, erzählt er. Aber sie habe im Publikum gesessen und sei als Freiwillige für seine Einlage mit dem Tisch zwischen den Zähnen auf die Bühne gekommen. „Dann saß sie auf dem Tisch. Und jetzt sind wir seit 27 Jahren zusammen.“ dpa

Auch interessant

Kommentare