1. Hersfelder Zeitung
  2. Panorama

Experten vermuten: Schon vor mehr als 100 Jahren könnte es eine Corona-Pandemie gegeben haben

Erstellt:

Von: Momir Takac

Kommentare

Wissenschaftler vermuten, dass es bereits Ende des 19. Jahrhunderts eine Corona-Pandemie gab. Die Russische Grippe weist verblüffende Parallelen auf.

München - Dass es schon vor der aktuellen Pandemie Coronaviren gab, ist unstrittig. Aber eine Pandemie ähnlichen Ausmaßes? Darüber streiten Experten. Ein mehrere Jahre andauerndes Ereignis weist jedoch verblüffende Parallelen auf.

Die Rede ist von der „Russischen Grippe“, die ab 1889 grassierte. Die Existenz ist belegt, auch, dass ihr rund eine Million Menschen zum Opfer fielen. Strittig ist allerdings der Erreger. Indizien sprechen dafür, dass es sich nicht um einen Influenza-Erreger handelte, sondern um ein Coronavirus.

Russische Grippe durch Coronavirus ausgelöst? Wissenschaftler vermuten Tier-Mensch-Übertragung

„Es gibt Studien, die nahelegen, dass dieses Virus ungefähr 1890 auf den Menschen übergegangen ist“, sagte Christian Münz, Professor für virale Immunbiologie an der Uni Zürich, spectrum.de. Wissenschaftler fanden heraus, dass das Genom des damaligen Coronavirus OC34 einem Coronavirus ähnelte, das bei Rindern vorkommt. Dazu ist das heutige Coronavirus in einem einzelnen Gen einem anderen Virus sogar noch ähnlicher: einem Coronavirus, das in Schweinen in Umlauf ist.

Die Experten vermuten in einem Artikel des Fachjournals Microbial Biotechnology, dass es einen genetischen Austausch gab, und so das neue Coronavirus entstanden sein könnte. Auch bei Sars-CoV-2 wird eine Tier-Mensch-Übertragung vermutet.

Viele Gemeinsamkeiten bei Russischer Grippe und heutiger Corona-Pandemie

Neben den molekularen Indizien gibt es aber noch mehr Parallelen. Laut dem Parsons Report aus England erkrankten Kinder an der Russischen Grippe - nicht zu verwechseln mit der Russischen Grippe der 1970er Jahre - seltener schwer als Erwachsene. Männer waren stärker betroffen als Frauen, gestorben sind vor allem alte Menschen. Sogar von Geschmacks- und Geruchsverlust ist die Rede.

Eine Krankenhausszene aus dem späten 19. Jahrhundert.
Eine Krankenhausszene aus dem späten 19. Jahrhundert. Reproduktion einer Originalvorlage. (Symbolbild) © H.Tschanz-Hofmann/Imago

Laut Beschreibungen von damals hatten manche Erkrankte auch lange nach der Infektion Beschwerden. „Das Fehlen von Konzentration, die Depression und Angst erinnern sehr an das, was heute Long-Covid-Symptome genannt wird“, schreibt Harald Brüssow, Mikrobiologe an der Königlichen Universität Leuven, im Microbial-Biotechnology-Artikel.

Russische Grippe: Erreger bis heute nicht identifiziert

All dies ist freilich kein Beweis für das Coronavirus als Auslöser der Russischen Grippe. Forscher arbeiten bis heute daran, den exakten Erreger zu identifizieren. Bei der Spanischen Grippe, die als bisher schlimmste Pandemie der Menschheit gilt, war dies Fachleuten in mühevoller Kleinarbeit gelungen. Doch auch der Verlauf der damaligen Pandemie weist Gemeinsamkeiten zu heute auf. Zwischen 1889 und 1895 gab es teils „ziemlich heftige Wellen“, sagte Robert Jütte spectrum.de. Laut dem Medizinhistoriker musste sich die Welt bis 1900 mit dem Virus auseinandersetzen. „Auch mit dem jetzigen werden wir noch Jahre leben müssen.“

Münz betont, dass es damals keine Schutzmöglichkeiten wie Impfungen gegeben habe. Damals habe sich eine Immunität nur durch Infektionen aufgebaut. Dies habe fünf Winter lang gedauert. „Wenn man heute zweimal gegen Sars-CoV-2 geimpft ist, geboostert ist und noch einmal Omikron überstanden hat, dann ist man immunologisch dort, wo die Bevölkerung damals am Ende der Pandemie war“, so Münz. (mt) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Auch interessant

Kommentare