Auszubildender als Chef

Azubi (25) übernimmt plötzlich Firma - und der Chef hat nichts dagegen

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Was hat der junge Richard Wohlfeld an sich, dass er als Azubi die Computerfirma seines Chefs übernommen hat?

Warum setzt der Chef einer Computerfirma seinen 25-jährigen Auszubildenden als Nachfolger ein und lässt ihm in der Geschäftsführung freie Hand? Wird er das noch bereuen?

Was hat den 58-jährigen Ralf Krippner dazu bewogen, seine profitable Firma mit 50 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 18 Millionen Euro seinem 25-jährigen Auszubildenden Richard Wohlfeld zu übergeben? Wären langjährige Mitarbeiter nicht fähiger gewesen, den Betrieb zu führen? Wie würden Sie als Mitarbeiter darauf reagieren?

Krippner machte sich nach Wende sofort selbstständig

Schon in jungen Jahren brannte Krippner für Informationstechnologie. Er studierte an der Technischen Universität Dresden und arbeitete in einem Delitzscher Landbaubetrieb. 1989 reagierte er prompt auf die Veränderungen der Grenzöffnung und fing einen Tag nach dem Mauerfall an, die ersten Briefe zu schreiben, um sich selbstständig zu machen. Ein paar Monate darauf eröffnete er in Delitzsch ein Computergeschäft. Im Laufe der Jahre kamen mehrere Filialen hinzu. Vor etwa drei Jahren dann, mit 55, begann Krippner zu überlegen, wen er als seinen Nachfolger einsetzen könnte. Er dachte an den Verkauf, aber auch an seine Mitarbeiter - und kam auf eine verrückte Idee.

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Krankheit setzt Geschäftsführer außer Gefecht - Azubi ergreift seine Chance

Krippner führte ein paar Gespräche mit der Konkurrenz, doch das war letztlich keine ernsthafte Alternative, denn so wäre sein Betrieb nur "eine Art verlängerte Werkbank geworden" und manche seiner Beschäftigten wären vielleicht nicht mit übernommen worden, heißt es. Noch bevor Krippner eine Entscheidung getroffen hatte, wurde er im März 2017 krank und konnte neun Monate lang nicht arbeiten. Das war die Chance für Richard Wohlfeld, den Auszubildenden im dritten Lehrjahr.

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Firmeninhaber ließ seinem Azubi freie Hand

Der junge Wohlfeld trug einen gesunden Ehrgeiz zur Schau und konnte mit seinen Leistungen überzeugen. "Ich hatte eine andere Chance", erklärte Krippner. Er überließ dem jungen Interims-Chef die Geschäftsführung. Das wurde von den anderen Mitarbeitern durchaus kritisch beäugt. Doch: Wohlfeld gelang es mit Beharrlichkeit, Konsequenz, Fachwissen und Einsatz schnell, das Vertrauen seiner Kollegen zu gewinnen. Kein Mitarbeiter kündigte. Vom Geschäftsführer bekam der junge Angestellte relativ freie Hand.

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Geschäftsführer bereut seine Entscheidung nicht

"Man muss loslassen können und den Mitarbeitern was zutrauen", erklärt Krippner. "Das große Erfolgsgeheimnis ist die Personalführung. Es kommt darauf an, mit unterschiedlichen Charakteren umzugehen." Und das kann sein junger Nachfolger. Nach seiner Genesung zog Krippner gar nicht erst wieder in sein Büro ein, sondern überließ es Wohlfeld. Seit Anfang 2019 ist der junge Informatiker offizieller Geschäftsführer. Krippner hat diese Entscheidung bis heute nicht bereut, schreibt die Wirtschaftszeitung LVZ. "Wichtig ist, dass es mit der Firma weitergeht", sagt er.

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vro

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