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Erstes Rendezvous mit dem VW ID-Buzz: Wie viel Bulli steckt im neuen Elektro-Bus?

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Von: Rudolf Bögel

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VW ID.Buzz gelb und weiß
V-förmige Front-Haube, blinzelnde Augen, Zweifarb-Lackierung. Gestatten, der neue ID-Buzz. © MARTIN MEINERS / VW

Der ID.Buzz, der neue Elektro-Bus von Volkswagen, soll Sympathien wecken und Technologien transportieren. Bald soll er völlig alleine fahren können.

Es ist ein bisschen so wie beim ersten Rendezvous. Die Hände sind feucht, das Herz klopft. Es ist zwar nicht gerade ein Blind Date, schließlich kennt man sich schon von früher her und außerdem gibt es aktuelle Fotos. Aber Bilder sind das eine, die Realität das andere. Die entscheidende Frage lautet doch: Kann die alte Liebe wieder aufflammen oder wird es ein schaler Aufguss? Der Bulli hat das Lebensgefühl ganzer Generationen beeinflusst. 50er Jahre, Wiederaufbau, große Freiheit auf vier Rädern. Und dann erst die 70er: California-Dreaming und Flower-Power. Diese emotionalen Fracht muss der neue Bulli erst mal schultern. Gleich hier in einer Halle am Hamburger Hafen, wo das erste Treffen stattfindet. Ach ja Bulli heißt er ja nicht mehr, sondern ID.Buzz. Buzz ist nicht etwa ein Kunstwort für Bus, sondern kommt aus dem Englischen. Buzz bedeutet summen. Nicht wie die Bienen, sondern wie ein Elektro-Motor.

VW ID.Buzz gelb blau Cargo
Den Elektro-Bulli gibt es auch in einer Cargo-Variante für Handwerker und Lieferanten. Hier in Blau. © MARTIN MEINERS / VW

Ein ganzes Bulliversum gegen die VW-Skandale

Wie wichtig dieses Auto ist, zeigt, dass nahezu der ganze Volkswagen-Vorstand inklusive des Vorsitzenden Herbert Diess angetreten ist. Als Geburtshelfer für das wichtigste Auto von VW seit dem Golf. Denn der ID.Buzz soll die Herzen der Menschen öffnen. Und zwar gleich für die ganze Marke. Bullis waren immer schon knuffig, freundlich und sympathisch. Diesel-Skandal, Betrug – war da was? Das neue Bulliversum soll das alles überstrahlen, nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt und speziell in den USA. Als Botschafter mit Herz und Seele. Aber auch als Technologieträger. Der Bulli ist nicht nur ein reines Elektro-Fahrzeug, sondern soll auch als erstes Auto von VW einen neuen Meilenstein beim autonomen Fahren setzen. Level 4. Das bedeutet, dass der Bulli auch ganz allein unterwegs sein darf, ohne Insassen. Zum Beispiel auf Autobahnen oder beim Valet-Parken, wie es zum Beispiel schon Mercedes Benz erprobt. Rein ins Parkhaus, aussteigen, das Auto per App starten – und schon sucht sich Klein-Bulli seinen eigenen Platz. Level 4 ist nicht nur praktisch. Das eröffnet ganze neue Geschäftsfelder für VW-Nutzfahrzeuge. Zum Beispiel autonome Lieferflotten. Das spart Mensch, die Maschine erledigt alles von alleine.

Dieser Hollywood-Star besitzt einen alten Bulli

Aber das ist noch Zukunftsmusik. Gerade erklärt Leinwand-Star Ewan McGregor (Black Hawk Down, Trainspotting2, Fargo), warum er neuer Markenbotschafter bei VW ist. Weil seine Eltern schon drei Käfer gefahren haben, weil er selbst einen Beetle hatte und weil er mit seinem alten Bulli sogar schon Umzüge erledigt hat. Da ist sie wieder die lange Tradition des Bulli. Ein echtes Pfund für Volkswagen, aber auch ein langer Schatten. Kann der neue Bulli da heraustreten?

Und dann ist er plötzlich da. Buzz, buzz, es summt in der alten Industriehalle – ein blauer und ein gelber Bus tauchen aus dem weiten Dunkel auf und fahren in das Licht. Das Rendezvous beginnt, und wie: Es ist Liebe auf den ersten Blick. Die Designer haben etwas geschafft, was man kaum für möglich gehalten hat. Einen echten Bulli auf die Räder zu stellen, nicht altmodisch, sondern modern und zeitgemäß. Trotzdem erkennt man den T1 schon im Gesicht. Wir schauen dem Bulli tief in die Augen. Freundliche Scheinwerfer blinzeln uns zu, verbunden mit einem durchgehenden Lichtband. Das große VW-Logo prangt wie ehedem mittig auf der V-förmigen Haube, die zwar nicht wie beim Original senkrecht abfällt, sondern sich leicht noch vorne streckt, um die ganze Technik unterzubringen. Das haben die Designer jedoch geschickt kaschiert. Mit den Dreiecksfenstern vorne und dem kurzen Überhang hinten finden sich weiter Analogien zum Ur-Modell. Wie auch die zweifarbigen Lackierungen. Weiß-limonengelb sieht der eine Bulli aus, weiß-blau wurde die Cargo-Variante lackiert.

ID Buzz Innenraum
Das Interieur des Elektro-Bullis erinnert stark an die Konzernbrüder ID.3 bis ID.5. © MARTIN MEINERS / VW

VW ID-Buzz: Überall versteckte Liebesbotschaften

Die gelben Farbakzente setzen sich auch im Inneren in den Türen oder auf dem Armaturenbrett fort. Mit dem alten Bulli hat das Interieur des ID-Buzz nicht mehr viel gemein. Da erinnert so einiges an die neue Generation E-Auto bei VW. ID.3 bis ID.5 lassen grüßen. Kleines Tacho-Display mit den nötigsten Informationen hinter dem Lenkrad, großer Infotainment-Bildschirm in der Mitte. Die leicht erhöhte Sitzposition ganz nah an der Vorderachse fühlt sich original an. Der Fünfsitzer, später im Jahr wird noch ein Bulli mit längerem Radstand nachgereicht, wirkt geräumig, luftig und leicht. Und wie das so ist bei einem Flirt, man sieht genauer hin und entdeckt überall liebevolle Details. In der Mulde der Türgriffe strahlen uns beispielsweise kleine Smileys an. Und hinten im Laderaum ist an den Seiten die Silhouette des Bullis in den Kunststoff geprägt. Ein Sympathieträger eben. Erfahren Sie zudem hier mehr über den VW ID.4 im Praxistest.

VW ID.Buzz Cockpit rot
Die Farb-Applikationen im Innenraum des neuen ID.Buzz korrespondieren immer mit der Außenfarbe. © VW

Ein technisches Detail haben VW ID.Buzz und der Bulli gemein

Technisch hat der ID.Buzz mit einem Bulli naturgemäß wenig zu tun. Bis auf die Tatsache, dass der Transporter wie das Original am Heck angetrieben wird. Nur, dass es jetzt kein Boxermotor mehr ist. Sondern eine 204 PS starke E-Maschine, ein alter Bekannter bei VW. Den Saft zieht er sich aus einer 82-kWh-Batterie, die vermutlich Reichweiten von 400 Kilometern ermöglicht. Ein größerer Akku ist dabei ebenso im Gespräch wie eine Allrad-Variante mit zwei E-Motoren, ähnlich wie beim ID.4 GTX. Dann hat man knapp 300 PS zur Verfügung. Die Spurtzeiten von 0 auf Tempo 100 dürften dann eine 6 vor dem Komma haben. Aufgeladen wird der Akku mit bis zu 170 kW, was laut offiziellen Angaben 30 Minuten bedeutet, wenn man die Batterie wieder von fünf auf 80 Prozent bringen will. Am herkömmlichen Stromnetz zieht der ID.Buzz maximal 11 kW, das muss er dann schon die ganze Nacht über an der Leitung hängen. Ganz neu und im Bulli zum ersten Mal im Einsatz ist die Plug & Charge-Funktion. Das heißt: Beim Laden an einer entsprechend ausgerüsteten DC-Säule braucht man keine Karte mehr. Der Stecker spricht selbst mit der Säule und tauscht auch Bezahl-Daten aus.

ID.Buzz Cargo Europaletten Grafik
Da passt richtig was rein. Der Cargo-Bulli packt zwei Europaletten weg und hat knapp vier Kubikmeter Ladekapazität. © VW

Mit dem Bulli Geld verdienen

Ausgetauscht wird bei Bedarf auch die Energie. Das so genannte bidirektionale Laden ermöglicht es künftig, den Strom der Bulli-Batterie auch wieder abzugeben. Sinn macht das, wenn man seinen Bulli zum Beispiel mit Solarzellen auflädt und dann den Strom ans öffentliche Netz weiterverkauft. Oder man tankt günstigen Strom und verkauft ihn wieder teurer in Spitzenlastzeiten. Aber das ist noch Zukunftsmusik, die in weiterer Ferne erklingt. Näher ist da schon das autonome Fahren, das unter der Mithilfe von Schwarmintelligenz im gesamten Geschwindigkeitsbereich möglich sein soll. Sogar ein selbstständiger Spurwechsel ist drin. Die nötigen Daten dafür besorgt sich der Bulli mit der Cart2X-Technologie. Hier teilen Autos über das Funknetz wichtige Informationen wie Verkehrsdichte, gefahrene Geschwindigkeiten oder Hindernisse auf der Straße.

VW ID.Buzz Innenraum
Der ID.Buzz startet als Fünfsitzer, geplant ist auch ein langer Radstand, dann passen bis zu sieben Passagiere hinein. © MARTIN MEINERS / VW

Der neue Buzz-Bus – wird aus dem Flirt mehr?

Außen hui und innen hui – der neue VW-Bulli legt einen überzeugenden Auftritt hin. Ob aus dem Flirt mit dem neuen alten Kult-Auto etwas Ernsthaftes wird? Das hängt ganz von den Preisvorstellungen bei VW ab. Schätzungen gehen von 55.000 bis 60.000 Euro aus. Zum Vergleich: Den neuen Multivan gibt es ab 45.000 Euro, der vergleichbare 204-PS-Benziner kostet knapp 50.000 Euro. Aber mal im Ernst: Wo große Gefühle walten, da sollte Geld eigentlich keine Rolle spielen.

Technische Daten des VW ID.Buzz

Rudolf Bögel *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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