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Konkurrenz für den Elektro-Bulli von VW: Können Fiat, Opel und Peugeot den ID.Buzz schlagen? 

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Von: Rudolf Bögel

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Fiat Ulysse schwarz Front
Als Bus kann der Ulysse bis zu acht Passagiere transportieren. Ein interessantes Auto für Taxler und Shuttle-Betreiber. © Fiat

Noch bevor der VW-Bulli ID.Buzz auf die Straßen rollt, hat sich schon eine ganze Elektro-Bus-Armada aus dem Stellantis-Konzern aufgestellt. Aber haben sie wirklich eine Chance?

Es ist Zeit, Ordnung ins vermeintliche Chaos zu bringen: Sie heißen Peugeot Traveller und Expert, bei Opel Zafira live und Vivaro, bei Citroen Jumpy und Space-Tourer. Und Fiat steuert jetzt auch noch Scudo und Ulysse dazu. Gemeinsam haben sie die Konzernmutter Stellantis und die Plattform, auf der der sie gebaut werden. Und gemeinsam geht es gegen den neuen ID.Buzz von Volkswagen - er soll Sympathien wecken und Technologien transportieren. Bald soll er völlig alleine fahren können.

Konkurrenz für den Elektro-Bulli von VW

Denn Expert, Ulysse & Co. gibt es auch als reine Elektro-Transporter. Nur billiger. Fünfstellig kann der Abstand da schon sein, aber weil es noch keine Preise vom Bulli gibt, kann man hier noch keine exakten Aussagen treffen. Nochmal kurz zum Verständnis: All diese Jumpys, Vivaros und Scudos sind technisch identisch. Es gibt sie sowohl in der Ausführung für Handwerker und Lieferanten als auch als so genannte „people mover“. Kleinbusse mit Platz für bis zu acht Personen. Sie wollen sich zudem über andere neue Fahrzeugmodelle informieren? Hier finden Sie weitere Fahrberichte*.

Fiat Scudo Armaturenbrett
Beim eScudo, also der elektrischen Variante, sind Cockpit und Infotainmentsystem voll digital. Vorne gibt es Platz für Drei. © MAX SAROTTO / Fiat

Fiat Scudo und Ulysse – Griechischer Sagenheld als Namenspate

Bei Fiat heißen die beiden ungleichen Brüder Scudo und Ulysse. Diese Modellbezeichnungen gab es schon mal – nach rund zehn Jahren werden sie jetzt wiederbelebt. Scudo heißt so viel wie Schild und Ulysse ist das italienische Wort für Odysseus. Warum der herumirrende griechische Held als Pate fungiert – darüber kann man nur spekulieren. Am Navi kann es nicht liegen, das ist von der grafischen Ausführung her zwar maximal schlicht, aber dafür effektiv. Scudo und Ulysse unterscheiden sich nur beim Design von ihrer französischen und deutschen Verwandtschaft. Vielleicht sehen sie einen Tick italienischer aus. 

Fiat Scudo Hecktüren geöffnet
Macht hoch die Tür, das Tor macht weit. Beim Scudo kann man die Hecktüren mit einem Handgriff wie Schmetterlingsflügel öffnen. © Bögel

Verschiedene Längen und vier Dieselmotoren

Erhältlich sind die beiden Fiat-Transporter mit Längen von knapp fünf bis 5,30 Metern. Der Unterschied ist der Platz, den man zur Verfügung hat. Bei den Nutzfahrzeugen sind es bis zu 6,1 Kubikmeter oder 1,4 Tonnen Last. Beim Bus für den örtlichen Taxiunternehmer oder den Shuttle-Betreiber fünf bis acht Passagiere. Wählen kann der geneigte Kunde auch bei den Antrieben. Ganz konventionell mit zwei Diesel-Varianten. Entweder den 1,5-Liter Vierzylinder mit wahlweise 102 oder 120 PS oder den 2,0-Liter Selbstzünder mit 145 oder 180 PS. In allen Fällen als Sechsgang-Handschalter oder mit Achtgang-Automatik. Mit einer einzigen Ausnahme: Die Topversion gibt es nur mit Automatik.

Fiat Ulysse Hecktüren geöffnet
Große Klappe, aber ziemlich niedrig. Für Menschen über 1,80 Metern Größe besteht akute Kopfnuss-Gefahr. © Bögel

Bis zu 330 Kilometer Reichweite

So weit so Verbrenner. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn der Stellantis-Konzern und damit auch Fiat setzen auf die Elektrifizierung ihrer Flotte. Mit dem eDucato, dem Flaggschiff der hoch profitablen Nutzfahrzeugsparte, wurde ja schon der Anfang gemacht. Jetzt folgt die Kleinbus- und Transporter-Klasse. Ausgestattet sind eScudo und eUlysse mit dem schon bekannten elektrischen Antriebsstrang mit 100 kW und 260 Newtonmeter (Nm) Drehmoment. Das Aufladen der zwei unterschiedlich großen Akkus ist mühselig. Selbst an einem 100-kW-Schnellader dauert es 45 Minuten, bis die Batterie wieder 80 Prozent hat. Welcher Handwerker, Lieferant oder Shuttle-Betreiber hat schon so viel Zeit? Das muss über Nacht erledigt werden. Bei unseren Testfahrten rund um das Turiner Fiat-Werk bewegten wir wahlweise einen 145 PS starken Diesel-Scudo und einen elektrischen Ulysse. Ersterem können wir vom Motor her nur beste Noten ausstellen, auch wenn das vielleicht nicht en vogue ist. Ein Diesel ist ein Diesel ist ein Diesel. Das Drehmoment macht Spaß, der Transporter zieht wie eine ganze Horde Lastenesel zügig nach vorne - nur beim Verbrauch zügelt sich das zu Unrecht in Verruf geratene Aggregat. Offiziell soll der 1,8-Tonner mit dieser Motorisierung 8,0 Liter Diesel schlucken. Das glauben wird. 

Fiat Scudo Ladung
Rohr statt Beifahrer. Wenn man den Sitz hochklappt und die Klappe öffnet passen sogar Gegenstände bis zu vier Metern hinein. © Bögel

Vier Meter Länge – für den Fiat Scudo kein Problem

Interessant beim Scudo: Hier passen sogar Gegenstände mit einer Länge von bis zu vier Metern hinein. Dank einer feinen technischen Lösung. Der Beifahrersitz wird nach oben gestellt, die Klappe dahinter geöffnet und schon kann man fast die ganze Länge des Fahrzeugs nützen. Apropos praktisch: Die Hecktüren lassen sich mit einem einzigen Handgriff wie Schmetterlingsflügel öffnen. Wenn die Ladung mal besonders sperrig sein sollte. Im Cockpit herrscht die nötige Hausmannskost für Handwerker. Die Seitentaschen fassen sogar 1,5-Liter-Flaschen und das Zusatzfach in der Mitte packt gewaltige Mengen an Lieferscheinen weg. Dass man in einem Nutzfahrzeug unterwegs ist, merkt man beim Fahren kaum. Das Auto ist gut gedämmt und fährt sich angenehm ruhig.

Fiat Ulysse Front Fahrt
Von außen ein waschechter Italiener, im Inneren teilt sich der Ulysse die Technik mit den Brüdern im Stellantis-Konzern. © Ferrari Fabio / Fiat

Fiat Ulysse – 6.000 Euro Aufpreis für den größeren Akku

Für Ruhe und Entschleunigung stehen vor allem elektrische Antriebe. So wie der im Fiat Ulysse. Der E-Motor leistet 100 kW (136 PS) und sorgt für ordentlichen Schub. Fiat bietet zwei Batterien an, die eine hat 50 kWh, die größere 75 kWh. Wir würden nach den Testfahrten zum potenteren Akku raten. Der kostet zwar den satten Aufpreis von 6.000 Euro (statt 55.990 dann 61.990 Euro), aber wenn man sich den Verbrauch so ansieht, dann kommt man mit der kleinen Batterie nicht unbedingt weit. Wir hatten bei Idealtemperaturen von 20 Grad und einem Mix aus Stadt, Land und einem kurzen Stück Autobahn 22,9 kWh auf 100 Kilometer auf der Digitalanzeige. Da kommt man mit dem kleineren Akku erfahrungsgemäß gerade mal 150 Kilometer weit, bis das Auto wieder an den Stecker muss. Vor allem, wenn auch noch Passagiere und damit mehr Gewicht an Bord sind.

Fiat Scudo digitales Cockpit
Realistisch sind die Reichweitenangaben bei den Elektro-Varianten der Nutzfahrzeuge. Je nach Akku kommt man bis zu 330 Kilometer weit. © MAX SAROTTO / Fiat

Das hat uns gefallen, das nicht

Lobenswert: Die Reichweiten-Angaben sind realistisch. Wir sind mit 310 Kilometer gestartet, nach knapp 40 Kilometer hatten wir noch „Saft“ für 270 Kilometer. So eine Anzeige schafft Vertrauen. Gut gefallen hat uns auch die Geräuschdämmung. Der e-Ulysse fährt sich butterweich und leise. Beim Fahrverhalten muss man Abstriche machen trotz des tiefen Schwerpunkts. Das können Mercedes mit dem EQV* besser. Ein kleines Minus erhält die Rekuperation, also die Energierückgewinnung. Wenn man vom Gaspedal geht, dann dauert es ein kurzes Weilchen, bis die Bremswirkung eintritt und dann ist sie kaum spürbar. Leider gibt es bei den Rekuperationsstufen keine Wahlmöglichkeiten. Wählhebel auf B, den Rest macht die Maschine. Ein One-Pedal-Drive ist damit nicht drin.

VW ID.Buzz gelb blau Bus Transporter
Vom ID.Buzz gibt es zwei Versionen. Den Passagierbus (gelb) und die Cargo-Variante (blau). Beide voll elektrisch. © MARTIN MEINERS / VW

Wie stehen Fiat Scudo und Ulysse im Vergleich zum ID.Buzz da?

Wenn es um Design und Emotionen geht können Ulysse & Co. nicht mit dem Kult-Produkt Elektro-Bulli mithalten. Der ist einfach schicker und moderner. Was den Elektroantrieb angeht, bietet der Buzz mit 204 PS mehr Leistung, die mit einem zweiten Motor sogar auf 300 PS gesteigert werden kann. Die Batterie ist mit 82 kWh leistungsfähiger (eine noch Größere ist angekündigt) und dürfte für mehr Reichweite sorgen als bei den Produkten aus dem Stellantis-Konzern. Auch technologisch schlägt der Bulli die Konkurrenz. Die Autos kommunizieren untereinander mit Car2X, um Staus und Unfälle schneller zu entdecken. Nicht zu vergessen ist die Plug & Charge-Funktion, bei der man keine Ladekarte mehr braucht, weil das Auto direkt mit der Säule spricht. Hört sich nach einem Feinschmecker-Menü an, das aber auch entsprechend kostet. Noch sind die Preise nicht veröffentlicht, aber man geht davon aus, dass die erste Auflage des ID.Buzz bei 63.000 Euro liegen soll. Wer sich, um beim Vergleich zu bleiben, keine Sterneküche leisten kann und will, der wird mit den Stellantis-Produkten aber ordentlich versorgt, und das auch noch günstig. Und seien wir mal ehrlich: Gute, alte Hausmannskost schlägt oft die beste Sterneküche. Auch zahlreiche andere interessante Modellneuheiten, darunter viele SUVs und Elektroautos, könnten davon abgesehen unter Autofans für gute Stimmung sorgen. Rudolf Bögel *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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